Interview zur Zinspolitik der EZB: Sparkassenchef warnt vor Enteignung der Bankkunden

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf 0,05 Prozent gesenkt. Raten die Sparkassen ihren Kunden jetzt: „Geben Sie das Geld lieber aus?“

BLZ
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Berlin - Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins auf 0,05 Prozent gesenkt. Raten die Sparkassen ihren Kunden jetzt: „Geben Sie das Geld lieber aus?“

Auf keinen Fall. Wir appellieren eher, sich gerade jetzt zu besinnen. Das Leben orientiert sich nicht am Leitzins. Auch in Zeiten mit historisch niedrigen Zinsen dürfen die Menschen die Vorsorge nicht vernachlässigen. Der Euro, den ich jetzt ausgebe, ist weg.

Ich kann ihn nicht mehr nutzen, wenn sich die Lebensumstände verändern. Und wir wissen: Die gesetzliche Rentenversicherung allein reicht nicht aus. Ja, es ist nicht gut, wenn die Inflation über dem Zins liegt. Aber das darf gerade nicht dazu führen, dass wir das Sparen für die Zukunft einstellen.

Die EZB hat aber angekündigt, ihre Niedrigzinspolitik eher zu verschärfen. Kann dies die Eurokrise lösen?

Die Europäische Zentralbank ist am Ende ihres Lateins. Fairerweise muss man sagen: Das liegt auch daran, dass die Regierungen der Euro-Zone sie in diese schwierige Lage gebracht haben. Stück für Stück wird die EZB zu einer Art europäischer Ersatzregierung. Das ist aber nicht ihre Aufgabe. Sie muss sich um die Preisstabilität kümmern.

Ich bin auch nicht zufrieden damit, dass das psychologische Moment gerade für die größte Volkswirtschaft in Europa unterschätzt wird. Wenn in Deutschland der Eindruck entsteht, Sparen würde sich nicht mehr lohnen, wird es für ganz Europa gefährlich.

Was fordern Sie von der EZB?

Ich würde von der Europäischen Zentralbank ein klares Signal an die Mitgliedstaaten erwarten, dass sie sich nicht länger darauf vertrauen können, dass die Geldpolitik die Hausaufgaben für sie erledigt. Jetzt müssen die Länder die Arbeit selbst übernehmen, mit Reformen und Investitionen.

EZB-Präsident Mario Draghi hat aber eher das Gegenteil angekündigt. Er will die Zinsen noch lange niedrig halten.

Mich beunruhigen die jüngsten Signale der EZB. Die Ankündigung, strukturierte Papiere zu kaufen und enorme Risiken auf die eigenen Bücher zu nehmen, kommt schon haarscharf an den Bereich der verbotenen Staatsfinanzierung heran. Wie wollen die Verantwortungsträger im Europäischen Zentralbankrat in Zukunft noch abwägen? Kaufen sie künftig auch Unternehmensanleihen? Bevorzugt die Notenbank dann Mercedes vor Renault? Oder will sie sich an Fiat beteiligen? Da begibt man sich auf heikles Terrain.

Sie haben von Enteignung der Sparer gesprochen. Was meinen Sie damit?

Das ist die Zustandsbeschreibung. Wenn die Inflation bei einem oder gut einem Prozent liegt und die Zinsen unter einem Prozent liegen, führt das zu einer Entwertung der Vermögen. Die Sparer können sich am Ende des Tages weniger von ihrem Guthaben kaufen.

Aber so etwas gab es auch zu Zeiten der Bundesbank und der D-Mark.

Richtig. Solche Situationen hat es wenige Male gegeben. In den 70er oder 80er Jahren lag der Zins bei fünf Prozent und die Inflation bei sechs Prozent. Da wollen wir nicht hin. Aber jetzt kommt noch etwas hinzu. Es wird auf breiter Front der Eindruck erweckt, Sparen lohne sich nicht mehr. Das ist gefährlich. Niemand sollte unterschätzen, was das für die Psychologie von Millionen Menschen in ganz Europa bedeutet.

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