Finanzmarktkolumne

Investieren trotz Allzeithoch? Thomas Kehl rät, was zu tun ist

Aktienkurse und Indizes klettern auf neue Rekordhöhen. Soll man jetzt die Finger von Aktien lassen? Ist der Markt überbewertet? Unser Kolumnist sagt: Nein.

Thomas Kehl
3 Min
Der Kolumnist Thomas Kehl

Der Kolumnist Thomas Kehl

© Stephanie F. Scholz

Wagen wir dazu mal einen Blick in die Vergangenheit. Wer im Herbst 2007 zum Allzeithoch in den MSCI World All Countries World – einen Index, der quasi den weltweiten Aktienmarkt repräsentiert – investiert hätte, erlebte danach einige Jahre Verlust. Erst fünf Jahre später konnte der Kurs wieder das vorherige Niveau erreichen. Wäre es also ein Fehler gewesen, in jenem Herbst 2007 zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt zu investieren? Nein, denn bis heute hätte sich das damals investierte Vermögen deutlich mehr als verdoppelt.

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Dass Aktienkurse in einer stetig steigenden Weltwirtschaft zu immer neuen Rekordhöhen wachsen, ist ungefähr so normal wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Während sich Experten mit immer neuen (Glaskugel-)Prognosen überbieten, sollten rationale Investoren eines bedenken: Ein Allzeithoch ist keine Bewertungskennzahl, die irgendeine Aussagekraft über Billig oder Teuer hat.

Das Bewerten von Aktienkursen und Märkten ist komplex und passt selten in eine Schlagzeile. Bewertungskennzahlen setzen immer zwei (oder mehr) Kennzahlen in Relation. Beispielsweise: Aktienkurs und Gewinn (KGV), Umsatz und Gewinn (Marge), Eigenkapital und Schulden (Verschuldungsgrad), Gewicht und Größe (BMI), Neuinfektionen und Bevölkerung (Inzidenzwert) oder Rendite, risikofreier Zins und Volatilität (sharp ratio). Das Allzeithoch bezieht sich nur auf den Kurs und ist somit eine absolute und keine relative Größe, aus der sich keine Aussage ableiten lässt. Wer wissen möchte, ob der DAX im historischen Vergleich eher hoch oder niedrig bewertet ist, muss sich relative Zahlen wie beispielsweise das historische KGV, Börsenwert zu EBITDA oder den Cashflow anschauen.

Kommen wir zurück zum MSCI All Countries World: Ich habe mir einmal die Wertentwicklung dieses Index in den letzten 20 Jahren angeschaut. Dort sind fast 25 Prozent aller Monatsschlusskurse ein Allzeithoch. Allzeithochs sind also normal und kein Indikator dafür, „jetzt erst recht“ zu investieren oder, im Gegenteil, sich zurückzuhalten und einen temporären Abschwung abzuwarten. Wer einen langen Anlagehorizont hat und nicht versucht, den Markt zu timen, für den ist der beste Einstiegszeitpunkt immer jetzt. Denn Warten ist nicht kostenlos. Wer niedrigere Kurse abwartet, um dann einzusteigen, hat das Risiko, dass die Kurse gar nicht mehr auf ein niedrigeres Niveau fallen und man somit die weiteren Kursanstiege verpasst hat: die sogenannten Opportunitätskosten. Hier gilt der bekannte Börsenspruch: „Time in the market beats timing the market“.

P.S. Wer mithilfe von Fonds- oder ETF-Sparplänen einfach streng mechanisch und regelmäßig investiert, muss sich über die Frage des Timings keine Gedanken machen.

Thomas Kehl ist YouTuber, Finanzblogger, Gründer von Finanzfluss und ehemaliger Investmentbanker. Er schreibt regelmäßig für die Berliner Zeitung am Wochenende.

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