Iran: Auf der Suche nach der Bombe

Wie gerne würde ich einige unserer westlichen Politiker einmal in den Iran mitnehmen. Um ihnen zu zeigen, dass dieses Land so ganz anders ist, als sie es ihren Wählern erzählen. Ich würde sie in eine der christlichen Kirchen oder eine der Synagogen Teherans begleiten. Und in jenes berühmte jüdische Sapir-Hospital, wo sie Ciamak Moresadegh kennenlernen würden, den liebenswürdigen, klugen Direktor des ...

BLZ
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Teheran - Wie gerne würde ich einige unserer westlichen Politiker einmal in den Iran mitnehmen. Um ihnen zu zeigen, dass dieses Land so ganz anders ist, als sie es ihren Wählern erzählen. Ich würde sie in eine der christlichen Kirchen oder eine der Synagogen Teherans begleiten. Und in jenes berühmte jüdische Sapir-Hospital, wo sie Ciamak Moresadegh kennenlernen würden, den liebenswürdigen, klugen Direktor des Krankenhauses.

Moresadegh ist auf vieles stolz. Darauf, dass 80 Prozent seiner Patienten Muslime sind, die für ihre Behandlung nur wenig oder gar nichts bezahlen müssen. Und darauf, dass er Jude und Iraner ist. Wie 20.000 weitere Juden, deren Familien seit über zweieinhalbtausend Jahren hier leben.

Moresadegh, der die Juden als Abgeordneter auch im Parlament vertritt, würde mit seinen Besuchern gerne über Religionsfreiheit im Iran sprechen. Über die jüdischen Schulen und Kindergärten in Teheran, die koscheren Restaurants und darüber, dass der iranische Staat sein Krankenhaus jährlich mit einer Million Dollar unterstützt.

Er würde versuchen zu erklären, dass es im Iran trotz antizionistischer Politik nie jenen grauenvollen, staatlich organisierten Antisemitismus gegeben hat wie in Deutschland oder Europa. „Antisemitismus ist kein islamisches, sondern ein europäisches Phänomen“, würde er leise sagen.

Systematische Lügen

Moresadgh ist wie alle Iraner an den kriegerischen Alarmismus gewöhnt, mit dem die Nuklearpläne seines Landes immer wieder in die Schlagzeilen der Weltpresse gepeitscht werden. Schon 1993 behauptete der heutige israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der Iran werde in drei bis fünf Jahren eine Nuklearwaffe besitzen. 1995 zitierte die New York Times israelische und amerikanische Regierungsstellen mit der Feststellung, der Iran werde die Bombe im Jahr 2000 haben. 1998 erläuterte Donald Rumsfeld, der drei Jahre später wieder US-Verteidigungsminister werden sollte, dem Kongress, 2003 könne eine iranische Interkontinentalrakete die USA erreichen. Und 2003 berichtete der Spiegel, der Iran stehe „offenbar kurz vor dem Bau der Atombombe“. Wie vor dem Irakkrieg wird auch im Irankonflikt systematisch gelogen.

Präsidentschaftskandidat John McCain sang 2007 auf einer Parteiveranstaltung der Republikaner fröhlich: „Bomb, bomb, bomb Iran“ – lasst uns endlich den Iran bombardieren. Und Barack Obamas Herausforderer Mitt Romney, der den Iran für eine „zum Völkermord neigende Nation“ und die „größte Bedrohung seit den Nazis und den Sowjets“ hält, erklärte am 5. März 2012: „Entweder verstehen die Ajatollahs unsere Botschaft, oder sie werden einige sehr schmerzhafte Lektionen amerikanischer Entschlossenheit erhalten.“

Netanjahu wollte da nicht zurückstehen. Gefragt, wann Israel angreifen werde, antwortete er, er arbeite „nicht mit der Stoppuhr“. Es handle sich nicht um „Tage oder Wochen, aber auch nicht mehr um Jahre“. Der Iran wolle „im Namen einer Herrenreligion Millionen Juden vernichten“. Er sei der „größte Terrorstaat der Welt“.

Am 16. April, jenem Tag, an dem Netanjahu den Iran als „weltgrößten Terrorstaat“ bezeichnete, landete ich zu meiner vierten Iranreise in Teheran. Mein Sohn Frédéric begleitete mich. Ihm erging es wie den meisten westlichen Iranreisenden. Nach zwei Tagen rieb er sich nur noch die Augen. Der einzige „Extremismus“, dem wir begegneten, war die extreme Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft aller Iraner, die wir trafen. Ihre Liebenswürdigkeit war fast beschämend. Dieses Land des Lächelns sollte der Welt finsterster Terrorstaat sein?

Drei Tage später sind wir in Isfahan, einer märchenhaften Stadt voll mittelalterlicher Prachtbauten, uralter Basare und romantischer Parkanlagen. Am Imamplatz sitzen wir zusammen mit Ali, einem 22-jährigen Geschichtsstudenten. Er trägt Jeans, T-Shirt und modische Sneakers. Ali bekennt sich zur grünen Protestbewegung. Das Mullah-Regime hält er für unzeitgemäß und repressiv. „Das ist so, wie wenn ihr von Kardinalen regiert würdet“, sagt er. Wegen umstürzlerischer Umtriebe hat man ihn vor einem Jahr zwei Wochen lang ins Gefängnis gesteckt. „Die Iraner sehnen sich nach echter Demokratie“, flüstert er. „Aber niemand will nach dem Irak-Desaster vom Westen befreit werden.“

In der Nuklearfrage gibt er der iranischen Führung Recht – wie alle, die wir treffen. Niemand im Iran wolle Nuklearwaffen. Selbst die Mullahs nicht. Allerdings wollten alle Iraner das Recht auf friedliche Nutzung der Nukleartechnologie – wie jeder Staat der Welt. Das sei nationaler Konsens.

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