Am 9. Mai wird im Berliner Tempodrom der Deutsche Filmpreis, die LOLA, verliehen. Die Preisträger des mit fast 3 Millionen Euro höchstdotierten deutschen Kulturpreises werden von den Mitgliedern der Deutschen Filmakademie in einem dreistufigen Auswahlverfahren gewählt. Für die Vergabe der Preisgelder ist aber die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsministerin Monika Grütters, zuständig. Die Schauspielerin Iris Berben ist Präsidentin der Deutschen Filmakademie. Wir sprachen mit ihr über den deutschen Film, was der Jack Russell Terrier Paul Berben gelegentlich interessiert kommentierte.
Frau Berben, nach einer ersten Amtszeit als Präsidentin der Deutschen Filmakademie – diese gemeinsam mit Bruno Ganz – wurden Sie im Februar letzten Jahres erneut in Ihrem Amt bestätigt. Was machen Sie besser als andere?
Ach, ums Bessermachen geht es gar nicht. Als ich seinerzeit gebeten wurde, das Amt der Präsidentin zu übernehmen, dachte ich: Davon habe ich viel zu wenig Ahnung, ich bin Schauspielerin. Damals hatte ich meine Zusage an Bruno Ganz gekoppelt, und ohne ihn wollte ich eigentlich nicht weitermachen. Aber wenn ich wie Bruno gegangen wäre, hätte man wieder anfangen müssen, jemand Neuen einzuführen. Und die Filmakademie braucht eine Kontinuität in der Leitung – ein Gesicht, mit dem man sie anhaltend identifiziert.
Das klingt nach freudloser Pflicht.
Das Amt bringt Freude, bedeutet aber unsagbar viel Arbeit. Denn ich muss Erklärungen, vielleicht sogar Entscheidungen auch durch meine Präsenz gewichten – sei es, dass ich in Karlsruhe bei den Anhörungen des Verfassungsgerichts anwesend bin, wenn über die deutsche Filmförderung geurteilt wird. Oder dass wir wegen des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der in seiner Heimat unter Hausarrest steht und Berufsverbot hat, beim iranischen Botschafter vorstellig werden. – Also ich mache nichts besser als andere. Ich lerne nur. Und versuche, mein Bestes zu tun, dass durch die Filmakademie der deutsche Film in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen wird. Und zwar als Kunst und Kultur, was man in Deutschland leider immer wieder betonen muss.
Film als Kunst zu sehen, ist Aufgabe der Akademie-Mitglieder, wenn sie abstimmen über den Deutschen Filmpreis. Die Nominierungen 2014 reichen von der Schulklamotte „Fack ju Göthe“ über den Alpenwestern „Das finstere Tal“ bis hin zum großen Kunstopus „Die andere Heimat“. Bilden diese Entscheidungen das deutsche Kino denn adäquat ab?
In diesem Jahr haben wir eine große Bandbreite bei den Nominierungen. Dennoch wird es immer Unzufriedenheit geben. Demokratische Wahl bedeutet ja, urteilen zu können. Immerhin hatten wir dieses Jahr keine Unruhewelle in der Akademie wegen der Nominierungen. Das hatten wir ja in den Vorjahren oft – aus den unterschiedlichsten Gründen.
Unter Kritikern herrschte allerdings Verwunderung darüber, dass die derzeit künstlerisch ambitioniertesten Filme nicht unter den Nominierten waren. „Kreuzweg“ von Dietrich Brüggemann kam nicht mal in die Vorauswahl zum Filmpreis. Und Philip Grönings „Frau des Polizisten“ hat es nicht in die Endrunde geschafft. Was ist da passiert?
Ich weiß es nicht. Das hat mich in diesen Fällen auch gewundert. Aber das waren nicht die einzigen künstlerisch ambitionierten Filme des Jahres, wie man an der Liste der aktuell nominierten Filme sehen kann. Jedenfalls wird in der Akademie, in den Vorständen der einzelnen Gewerke wie etwa Kamera, Maske oder Schnitt, immer wieder darüber geredet, wie viel Verantwortung das auch ist, abzustimmen und auszuwählen. Und dass es dabei nicht um die eigenen Vorlieben geht oder gar um kleine Eifersüchteleien – das sind ja alles Menschen, meist sehr individuelle.
Andererseits haben die Akademie-Mitglieder mit „Tore tanzt“ von Katrin Gebbe und „Love Steaks“ von Jakob Lass überraschenderweise zwei sehr kleine interessante Filme nominiert.
Da denkt man: Die sind ja doch in sich gegangen. Es wird immer etwas auf der Strecke bleiben. Jeder von uns in der Akademie hat es schon erlebt, dass der eigene Film irgendwo nicht dabei, nicht ausgewählt war. Wir kennen die Wut. Aber auch in den Jurys, die den Deutschen Filmpreis vor der Gründung der Filmakademie vergeben haben, gab es selbstredend Vorlieben und Partikularinteressen. Vielleicht muss dieser Prozess einfach so sein: Er stachelt ja dazu an, sich auseinanderzusetzen, vielleicht neue Wege zu finden.
In der Akademie muss es heftige Auseinandersetzungen geben. Sie haben Ende 2013 eine Quote für den deutschen Film gefordert. Der Produzent Stefan Arndt hingegen äußerte, dass zu viele deutsche Filme, die keiner sehen will, die Kinos verstopfen.
Darüber gibt es viele Diskussionen. Mir gefällt die Vielfalt. Tatsächlich geben die Kinos heutzutage außergewöhnlichen Filmen aber kaum eine Chance. Das ist richtig brutal: Wenn ein Film nicht gleich genug Zuschauer anzieht, fliegt er ganz schnell raus. So etwas wie Mundpropaganda kann sich da gar nicht erst entwickeln. Deutsche Filme im Kino zu quotieren, ist indes schwierig: Wo fängt man da an? Was siebt man aus, unter welchen Kriterien? Tatsächlich werden zu viele Filme gemacht, die wie Fernsehen aussehen und nicht wie Kinofilme. Da sitze ich dann davor und denke: Wunderbares Fernsehspiel. Aber wo sind die Kinobilder, wo ist die Größe, das Wagnis? Wir sind mit dem deutschen Film zu nah am Fernsehen, das ja aber die meisten Filme koproduziert.
Die Sehgewohnheiten und Bildvorstellungen junger Regisseure sind nun einmal auch vom deutschen Fernsehen geprägt.
So ist es. Und wir sind da nicht auf Weltniveau; als Schauspielerin, die viel fürs Fernsehen arbeitet, kann ich das sagen.
Der Marktanteil des deutschen Films hatte unlängst zeitweilig 27 Prozent erreicht, vor allem dank Til Schweiger, Matthias Schweighöfer und diverser gut besuchter Kinderfilme. Geht es dem deutschen Film gut?
Er ist auf einem guten Weg. Wichtig ist aber, dass anspruchsvolle deutsche Kinofilme von den Fernsehanstalten bei der Zweit- oder Drittverwertung nach dem Kinoeinsatz nicht irgendwo in der Nachtschiene versteckt werden, sondern auch zur Prime Time laufen. Also müsste es im Fernsehen sowohl eine Programmierungs- als auch Zeitschienen-Quote für den künstlerischen deutschen Film geben! Das Fernsehen ist das Medium, das am massivsten Einfluss nimmt auf die Leute. Man kann zwischen ungefähr zwanzig öffentlichen Kanälen hin- und herschalten – da muss man doch diversifizierte, auch gehobene Angebote machen.
Noch einmal zurück zum Deutschen Filmpreis. Andere europäische Filmpreise, etwa die britischen BAFTAS oder französischen Césars, und auch die Oscars in den USA sind nicht dotiert. Warum entscheidet die Deutsche Filmakademie über 3 Millionen Euro aus Steuergeldern, die ja an die eigene Branche gehen?
Da muss ich lachen. Nicht wegen der Frage, sondern weil wir darüber in der Filmakademie dauernd streiten. Dass der Deutsche Filmpreis so dotiert ist, hängt ja damit zusammen, dass er ein Teil der Filmförderung durch den Bund ist. Und das mit dem Geld wird wohl so bleiben, als Filmförderungsinstrument, so lange Deutschland keine richtige Filmindustrie hat – was man so gar nicht sagen darf. Natürlich machen wir Kunst, aber wir müssen auch Wege finden, dass diese Kunst bei den Zuschauern ankommt. Über die Dotierung des Deutschen Filmpreises ist jedenfalls noch nicht das letzte Wort gesprochen. Da wird immer wieder debattiert in der Filmakademie. Man muss nur wissen, dass es die LOLA ohne Preisgeld so nicht mehr geben wird. Und vor allem muss man wissen: Wenn diese Fördergelder nicht mit der LOLA vergeben werden, wird die Filmbranche die Gelder verlieren. Das können auch diejenigen nicht wollen, die ein Problem mit der Dotierung haben.
Das Gespräch führte Anke Westphal.
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