Isländisches Restaurant Dottir

Berg, Meer und Fjord in Berlin-Mitte

Tina Hüttl testet das isländische Restaurant Dottir in Berlin Mitte. Fast wäre sie hungrig nach Hause gegangen - bei 45 Euro Menüpreis sollte das eigentlich nicht sein.

Tina Hüttl
4 Min
DOTTIR Mittelstraße 40, 10117 Berlin, Tel.: 330 06 07 60 Di–Sa ab 18 Uhr, Typisch isländische Lässigkeit: Das feste Menü mit vier Gängen kostet 45 Euro.

DOTTIR Mittelstraße 40, 10117 Berlin, Tel.: 330 06 07 60 Di–Sa ab 18 Uhr, Typisch isländische Lässigkeit: Das feste Menü mit vier Gängen kostet 45 Euro.

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Seit ein paar Monaten gibt es ein isländisches Restaurant in Mitte. Ich habe mich gewundert, dass es so lange gedauert hat, denn über Island hört man ja nicht erst seit dem Ausbruch des Eyjafjallajökull und der Finanzkrise viel. Der Inselstaat hat nur so viele Bewohner wie Berlin-Mitte, nämlich 320 000. Diese 320 000 Isländer sind demnach weltweit medial total überrepräsentiert – auch das hat Island mit Berlin-Mitte gemeinsam.

Insofern ist es folgerichtig, dass es nun nahe der Friedrichstraße das Dóttir gibt. Das Restaurant, das als Zwischennutzung in einem der letzten verfallenen Gebäude von Mitte untergekommen ist, gehört wie das Grill Royal und der Pauly Saal zum Reich der Berliner Gastronomen Stephan Landwehr und Boris Radczun.

Dóttir heißt Tochter, erklärt meine Nachbarin Alva Gehrmann, eine Island-Kennerin, die ein Buch über isländische Lebenskunst geschrieben hat. Als Expertin begleitet sie mich ins Restaurant. Geführt wird das Dóttir von Victoria Eliasdóttir, Tochter eines Kochs, der sich auf dem Sterbebett wünschte, sie möge keine Köchin werden. Offenbar hat sie nicht auf ihn gehört.

Uns wurde ein Tisch im Zeitfenster von 19 bis 21 Uhr zugewiesen, eine Auflage, die mir bei Restaurants eigentlich missfällt. Was mir Alva zuvor über die isländische Küche erzählte, hatte meinen Appetit, ehrlich gesagt, nicht unbedingt gesteigert: Glück wird auf Isländisch mit „gestrandeter Wal“ übersetzt – weil es dann Essen für alle gab. Island war lange arm, die Küche nicht für Finesse berühmt. Noch heute wird Touristen gerne die Spezialität Hákarl, vergammelter Hai, angeboten: Es ist eine Art Mutprobe, das stinkende Fleisch zu schlucken. Abgesehen von Fisch, ernährten sich die Isländer früher eher deftig. Es gab wenig frisches Gemüse, dafür viel Lamm und Schaf.

Victoria Eliasdóttir kocht natürlich modern nach dem Vorbild der New Nordic Cuisine: Statt Fleischbällchen und Tiefkühlgemüse bringt sie Krustentiere, frischen Fisch, Wild, aromatische Beeren und Kräuter, die sich in Bergen, Meer und Fjorden finden, auf die Teller.

Als Vorspeise des wöchentlich wechselnden Menüs, zu dem es keine Alternative gibt, hat sie eine rohe Jakobsmuschel in Scheiben geschnitten und auf leicht fermentierten essigsauren Kohlrabi-Würfeln und etwas Buttermilch und Rapsöl angerichtet. Oben auf dem Törtchen findet sich ein eiskaltes Granité aus Cranberrys: Farblich macht sich das Dunkelrot gut, geschmacklich nicht unbedingt, weil die Süße die Jakobsmuschel übertönt; einzig der saure Kohlrabi setzt sich dagegen durch. Das schmeckt ungewöhnlich, aber mir fehlen Harmonie und Geschmacksträger. Mehr Fett gibt es zum Glück beim Zwischengericht: pochiertes Ei auf einem mit Sauerrahm verfeinerten Kartoffelstampf und weißer Spargel mit Schnittlauch-Mayonnaise. Das Ei läuft über den herrlich cremigen Stampf, der Rauchnoten hat, weil die Kartoffeln geräuchert wurden. Der Spargel ist satt und weich. Kleine Kritik: Er wurde in Essig eingelegt, was mir zu viel vom Geschmack nimmt.

Doch das Saure scheint eine Handschrift der Köchin zu sein. Denn auch beim Hauptgang – gebratener Kabeljau mit Gurke und Graupen – sind Gurken und Graupen mit etwas Essig getränkt. Der Kabeljau ist als Gericht typisch isländisch, Eliasdóttir serviert ihn fast roh, mit einigen sehr salzigen Seegras-Flocken darauf, die sie aus Island mitbringt. Meine Nachbarin Alva fühlt sich zum ersten Mal wirklich an isländisches Essen erinnert. Auch ich wünschte mir mehr Typisches, gern auch die deftigeren Speisen. Denn stünde nicht selbst gebackenes, sehr gutes Brot auf dem Tisch, das man in eine Schale mit ausgelassener, leicht gebräunter Butter tunkt, wären wir nach dem Dessert aus weißer Schokolade mit Himbeere und Rose hungrig nach Hause gegangen. Bei 45 Euro Menüpreis sollte das nicht sein.

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