Scott Ritter, früherer US-Waffeninspekteur im Irak, sagte in mehreren US-Blogs: Der überraschende Angriff Israels sei das „Pearl Harbour“ des Iran. Israels Angriffe auf den Iran richteten sich laut der New York Times gegen mindestens sechs Militärstützpunkte im Raum Teheran, darunter einen in Parchin, sowie mehrere Gebäudekomplexe und Residenzen hochrangiger Führungspersönlichkeiten.
Unabhängigen Berichten zufolge hat Israel bis zum Freitagnachmittag insgesamt fünf Angriffswellen durchgeführt. Es sollen Teile der Atomanlagen des Irans zerstört oder beschädigt worden sein. Außerdem wurden israelischen Angaben zufolge auch militärische Anlagen zerstört. Die Stadt Täbris im Nordwesten des Iran wurde im Lauf des Freitag mehrmals von Israel angegriffen, berichtete die Nachrichtenagentur NourNews und veröffentlichte Aufnahmen eines Brandes in einer der Anlagen der Stadt. Zuvor hatten iranische Medien berichtet, Israel habe nachts das Gelände einer Ölraffinerie in Täbris sowie das Flughafengelände angegriffen.
Unter anderem soll die Urananreicherungsanlage in Natanz von israelischen Luftangriffen getroffen worden sein, berichtet die Times of Israel. Israelische Verteidigungsbeamte schätzten den Schaden als erheblich ein. Nach Angaben des Militärs zerstörten die Angriffe der israelischen Luftwaffe den unterirdischen Teil des Geländes, in dem sich eine mehrstöckige Anreicherungshalle mit Zentrifugen, Schalträumen und weiterer unterstützender Infrastruktur befand. Die iranische Atomenergiebehörde erklärte, der Angriff habe „mehrere Teile der Anlage beschädigt“, in Natanz sei jedoch kein Anstieg der Strahlungswerte oder chemische Kontamination beobachtet worden.
Hauptziel scheint allerdings die Vorbereitung eines „regime change“ gewesen zu sein. Mehrere hochrangige Befehlshaber der Iranischen Revolutionsgarden kamen ums Leben, ebenso der Chef der iranischen Luftwaffe. Laut der iranischen Zeitung Fars News war auch der Stabschef der iranischen Streitkräfte, Generalmajor Mohammad Bagheri, unter den Getöteten. Israel hat dabei vor allem Personen ins Visier genommen, die in der jüngsten Vergangenheit als Hardliner in Erscheinung getreten waren und sich für einen Angriff auf Israel ausgesprochen hatten. Israel und die USA sehen in der Islamischen Republik eine Gefahr für die Sicherheit Israels und der ganzen Region.
Israel habe „mit seiner bösen und blutigen Hand ein Verbrechen in unserem geliebten Land begangen und seine bösartige Natur durch die Angriffe auf Wohngebiete weiter offenbart“, erklärte der iranische Oberste Führer Khamenei in einer Erklärung. „Das Regime muss mit einer harten Reaktion rechnen.“ Khamenei hat Israel zunächst noch nicht explizit den Krieg erklärt. Was die von Israel angegriffenen Personen betrifft, so würden „ihre Nachfolger und Kollegen ihre Arbeit unverzüglich wieder aufnehmen“, sagte Khamenei.
Es besteht kein Zweifel, dass der Angriff Israels mit den USA abgestimmt war. US-Präsident Donald Trump schrieb am Freitag auf seiner Web-Plattform: „Vor zwei Monaten habe ich dem Iran ein 60-Tage-Ultimatum gestellt, einen Deal zu machen. Sie hätten es tun sollen! Heute ist Tag 61. Ich habe ihnen gesagt, was sie tun sollen, aber sie haben es einfach nicht geschafft. Jetzt haben sie vielleicht eine zweite Chance!“ Zuvor hatte Trump geschrieben, er habe dem Iran gesagt, „die USA stellen mit Abstand die beste und tödlichste Militärausrüstung der Welt her, und Israel verfügt über eine Menge davon, und es wird noch viel mehr kommen – und sie wissen, wie man sie einsetzt“. Es habe „bereits viel Tod und Zerstörung gegeben, aber es ist noch Zeit, dieses Gemetzel mit den nächsten, noch brutaleren geplanten Angriffen zu beenden“. Der Iran müsse „einen Deal eingehen, bevor nichts mehr übrig ist, und das retten, was einst als das Iranische Reich bekannt war“.
Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte am Freitag in Moskau vor Reportern: „Russland ist besorgt über die Entwicklungen und verurteilt diese scharfe Eskalation.“ Für Russland ist die Entwicklung sehr unerfreulich: Nach Syrien und der Drohnen-Attacke gegen seine Bomber wird Moskau zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit auf dem falschen Fuß erwischt. Es ist völlig unklar, warum die so hochgelobte russische Luftabwehr dem Iran überhaupt nicht geholfen hat. Die Atombehörde IAEA hat offenbar mit Israel zusammengearbeitet, was nach dem faktischen Ende von OSZE und OVCW das Vertrauen in internationale Organisationen weiter erschüttern dürfte. Vor allem aber muss Russlands Präsident Wladimir Putin zu denken geben, dass US-Präsident Donald Trump bis zuletzt so getan hat, als würde man intensiv mit Teheran verhandeln, als sei ein Durchbruch zum Greifen nahe. Erst weniger Stunden vor dem Angriff hatte Trump dies im Weißen Haus bei einer Zeremonie gesagt - allerdings wirkte der Präsident bei diesem Auftritt merkwürdig fahrig. Heute kann angenommen werden, dass Trump zum Zeitpunkt seiner Rede bereits die Details der israelischen Planung kannte. Auch für Russland sehen maßgebliche Teile des US-amerikanischen Establishments einen „regime change“ als die für ihre Interessen beste Lösung. Ob Aktionen dazu schon in Vorbereitung sind oder gar geheime Kommandos sich bereits in Russland befinden, ist naturgemäß nicht bekannt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de