Israel: „Vor dem Fernseher kriege ich Angst“

Über den Ben-Gurion-Boulevard in Tel Aviv weht ein laues Vorfrühlingslüftchen. Mütter sitzen mit ihren Babys in der Sonne. Der Kiosk ist umzingelt von Leuten, die einen Kaffee im Freien genießen. Sie sind guter Dinge. Die Stimmung ist entspannt. An eine Bedrohung aus Iran denkt keiner. Und wer eigens herkommt, um danach zu fragen, wird angeguckt wie einer, der nichts Besseres zu tun hat, als negative Gedanken zu verbreiten. „Wenn wir jeden Tag daran denken würden, was in Israel alles passieren kann“, meint ein Pärchen lachend, „könnten wir gleich in den Schutzraum ziehen.“ Schon wenden sich die Beiden wieder einander zu. Teheran ist weit weg. Und Tel Aviv war schon immer gut für das Leben ganz im Hier und Jetzt. Laut dem „Jerusalem Report“ plagt ohnehin nur jeden vierten Israeli als größte Sorge Iran. Dennoch beschleicht viele ein mulmiges Gefühl, wenn sie die Nachrichten hören. Seit Wochen fachsimpeln in fast jeder Sendung Sicherheitsexperten über die atomaren Gelüste der Mullahs, ob es zu einem Präventivschlag kommen könnte, wer dafür ist, wer dagegen, in Israel wie in den USA, und womit im Gegenzug die Iraner samt Hisbollah und Hamas Vergeltung üben könnten. Dass in einem solchen Szenario iranische Schihab-Raketen vor allem auf Tel Aviv zielen könnten, ist eine höchst beunruhigende ...

BLZ
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Tel Aviv - Über den Ben-Gurion-Boulevard in Tel Aviv weht ein laues Vorfrühlingslüftchen. Mütter sitzen mit ihren Babys in der Sonne. Der Kiosk ist umzingelt von Leuten, die einen Kaffee im Freien genießen. Sie sind guter Dinge. Die Stimmung ist entspannt. An eine Bedrohung aus Iran denkt keiner. Und wer eigens herkommt, um danach zu fragen, wird angeguckt wie einer, der nichts Besseres zu tun hat, als negative Gedanken zu verbreiten. „Wenn wir jeden Tag daran denken würden, was in Israel alles passieren kann“, meint ein Pärchen lachend, „könnten wir gleich in den Schutzraum ziehen.“ Schon wenden sich die Beiden wieder einander zu.
Teheran ist weit weg. Und Tel Aviv war schon immer gut für das Leben ganz im Hier und Jetzt. Laut dem „Jerusalem Report“ plagt ohnehin nur jeden vierten Israeli als größte Sorge Iran. Dennoch beschleicht viele ein mulmiges Gefühl, wenn sie die Nachrichten hören. Seit Wochen fachsimpeln in fast jeder Sendung Sicherheitsexperten über die atomaren Gelüste der Mullahs, ob es zu einem Präventivschlag kommen könnte, wer dafür ist, wer dagegen, in Israel wie in den USA, und womit im Gegenzug die Iraner samt Hisbollah und Hamas Vergeltung üben könnten. Dass in einem solchen Szenario iranische Schihab-Raketen vor allem auf Tel Aviv zielen könnten, ist eine höchst beunruhigende Vorstellung.

„Im Alltag empfinde ich das nicht“, sagt Danielle Alter (25), „aber abends vor dem Fernseher kriege ich Angst. Nicht nur um mich, auch um meine Familie, um ganz Israel.“ Danielle, eine Filmstudentin, die in einer Patisserie auf der Disengoff Straße jobbt, kommt aus dem israelischen Norden. „Ich bin dort mit Katjuschas groß geworden, die aus dem Libanon auf uns herab regneten“, erzählt sie. „Sobald ich von Krieg höre, fühle ich Beklemmung. Die Panik, wenn wir in die Bunker rennen mussten.“ In Tel Aviv wähnte sie sich bislang sicher vor feindlichem Luftbeschuss. Nur während des Golfkrieges von 1991 landeten Scud-Raketen aus Irak im Tel Aviver Großraum. Doch genau diese Erinnerung, als man stundenlang aus Angst vor einem Angriff mit Chemiewaffen in mit Plastik und Klebestreifen versiegelten Räumen hockte, wird jetzt wieder bei manchen Bewohnern wach.
Der behördlichen Aufforderung, neue Gasmasken abzuholen, ist dennoch weder Danielle Alter noch ihre Kollegin Keren Lapidot (32) gefolgt. „Das überlassen wir den Eltern“, grinst Lapidot. Als Israeli sei man doch daran gewöhnt, „dass immer eine Drohung über unseren Köpfen schwebt“. Abgesehen davon glaube sie nicht, „dass es überhaupt zu einem Krieg mit Iran kommt“.

„Wir können uns nur auf uns selbst verlassen“

Es sind die befragten israelischen Männer, die da anderer Meinung sind. Samuel Schmuel zum Beispiel, 50 Jahre alt und Besitzer eines Schuh- und Jeansgeschäftes. „Es sieht so aus“, brummt er nach Art eines alten Cowboys, „als ob Iran uns keine Wahl lässt.“ Besser fände er zwar, wenn Israel und USA gemeinsam einen Schlag gegen iranische Nuklearanlagen führen würden. „Aber sonst müssen wir eben die Sache alleine in die Hand nehmen.“ „Alle anderen“ – womit er die Amerikaner und Europäer meint – „werden dann schon kommen und uns helfen.“ Nein, Iran mache ihm, Samuel Schmuel, keine Angst. „Ahmadinedschad wird her schießen und seine Raketen werden auf halbem Weg im Meer landen“, meint er in Anspielung auf die von USA gelieferten Abfangsysteme. Das könne zwar ein langer Krieg werden. „Aber besser jetzt, solange die Iraner nur konventionelle Waffen haben und noch keine Atombombe besitzen.“ Und dann schiebt er den Satz nach, der in Israel so oft als Argument angeführt wird: „Wir können uns nur auf uns selbst verlassen.“

Starke Töne, die an der Pizzeria gegenüber noch überboten werden. „Wir haben die stärkste Armee der Welt“, gibt dort einer der Männer an. „Sogar die USA beziehen ihre Militärtechnologie von uns.“ Realitätsnah ist die Behauptung nicht. Aber die Selbstüberschätzung erklärt mit, warum über vierzig Prozent der Israelis laut Umfragen für einen Militärschlag zur Ausschaltung des Atomprogramms in Iran sind.

Gabrielle Damari (46), Mutter zweier Töchter im Alter zwischen vier und zehn Jahren, gehört zu denen, die strikt dagegen sind. „Natürlich ängstigt das Gerede über den Iran-Konflikt auch mich, schon wegen meiner beiden Mädchen.“ Andererseits, wendet sie ein, halte sie die ganze Debatte für aufgesetzt. „Die Regierung redet so viel über Iran, um die Aufmerksamkeit von all unseren sozialen Problemen abzulenken.“ Ohne den Iran-Konflikt, glaubt Damari, „hätte man der Armee doch schon längst das Geld gekürzt“.

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