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Ist die „Bevölkerungsbombe“ wirklich ein Blindgänger?

Anmerkungen zu Paul R. Ehrlichs Werk „The Population Bomb“, das aus guten Gründen zurück auf die Tagesordnung gehört.

9 Min
Menschen in Mumbai warten auf die Einfahrt eines Zuges.

Menschen in Mumbai warten auf die Einfahrt eines Zuges.

© Hindustan Times/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Wer sich heutzutage zu kontroversen Themen äußert, läuft schnell Gefahr, als rechts, rechtsextrem oder rassistisch bezeichnet zu werden. Auch Paul Ralph Ehrlich war solchen Vorwürfen – sogar Morddrohungen – ausgesetzt, allerdings ohne sich davon einschüchtern zu lassen.

Er kam aus einer jüdischen, anti-zionistischen Familie, war Israel gegenüber dennoch freundlich eingestellt. Ehrlich ist 1932 in Philadelphia geboren und war Biologe an der Stanford-Universität. Neben der Koevolution von Insekten und Pflanzen waren Populationsbiologie und Ressourcen ein Schwerpunkt seiner Arbeit. 1968 publizierte er „The Population Bomb“, ein Buch, das die weltweite Überbevölkerung zum Thema hatte. Im März dieses Jahres ist er mit 93 Jahren verstorben.

In der Berliner Zeitung erschien im April der lesenswerte Artikel von Sophie-Marie Schulz und Alexander Dergay „Vom Aussterben bedroht“, in dem die Aussagen Ehrlichs als im Wesentlichen unzutreffend dargestellt wurden. Es gab – glücklicherweise – kein Massensterben von mehreren hundert Millionen Menschen durch Hunger bis Ende der Achtzigerjahre, denn es gab keinen gravierenden Engpass in der globalen Lebensmittelversorgung.

In einem kritischen Rückblick von 2009 konzedierte Ehrlich, dass er die Grüne Revolution unterschätzt hatte, die u.a. mit der Zucht neuer Getreidesorten die Lebensmittelproduktion weit über das von Experten erwartete Maß hinaus verbesserte. Auch hatte er den Fehler gemacht, seine Zukunftsszenarien zu überzeichnen. Sie sollten zum Nachdenken anregen, aufrütteln, nicht als Prognosen verstanden werden. Weniger bekannt ist, dass einer der Väter der „green revolution“, Norman Borlaug, in seiner Nobelpreisrede Ehrlich recht gab, dass die neuen Technologien nur einen zeitlich begrenzten Aufschub ermöglichten.

Das sechste große Massensterben ist menschengemacht

Um was geht es? Um globale Populationsdynamik. Auf einer begrenzten Fläche können nicht beliebig viele Menschen mit Lebensmitteln und anderen Ressourcen, den endlichen Rohstoffen, wie Erdöl und -gas, Metallen, frischem Wasser, Agrarflächen etc. versorgt werden. Vor allem gefährdet eine expandierende Menschheit die Biodiversität und sägt damit an dem Ast, auf dem wir alle, als Teil der Natur, sitzen. In dem Kapitel „Ein sterbender Planet“ beschreibt er die Folgen der Umweltzerstörung durch unsere dominierende Art Homo sapiens. Und in der Tat, seine „Szenarien“ sind von der Wirklichkeit weit übertroffen worden.

Kein ernst zu nehmender Wissenschaftler bestreitet heute, dass wir in einem neuen Erdzeitalter angekommen sind – dem Anthropozän – und dass wir uns mitten im sechsten großen Massenaussterben der Erdgeschichte befinden, dieses Mal nicht durch geologische Faktoren bedingt, sondern durch den menschlichen Eingriff in die Natur.

Im Gegensatz zu früheren Massenaussterben vollzieht sich das aktuelle nicht über Zeiträume von mehreren Jahrtausenden, sondern in rasanter Geschwindigkeit. Laut Schätzungen des Living Planet Index beträgt der geschätzte Rückgang der weltweiten biologischen Vielfalt allein zwischen 1970 und 2010 ungefähr 65 Prozent. Der natürliche Lebensraum vieler Arten verkleinert sich zunehmend, Naturflächen werden zu Wohn- oder Agrargebieten, größere Wirbeltiere werden gejagt oder gewildert, Fischbestände überfischt, Pestizide, Umweltgifte, Plastikabfälle kontaminieren das Ökosystem und durch unsere globale Mobilität werden nicht nur Treibhausgase in die Atmosphäre verbracht, sondern auch fremde Arten in Gebieten verbreitet, in denen sie nicht heimisch waren, weit über das Maß der natürlichen Verdriftung hinaus.

Wurde wiederholt auch als falscher Prophet diffamiert: Paul R. Ehrlich

Wurde wiederholt auch als falscher Prophet diffamiert: Paul R. Ehrlich

© Paul R. Ehrlich/CC

Eine Formel für das Problem der Überbevölkerung

Zusammen mit dem US-Physiker John Holdren veröffentlichte Ehrlich eine Formel, die das Problem der Umweltzerstörung durch den Menschen veranschaulicht: I = P x A x T, wobei I (impact) die negativen Auswirkungen menschlicher Aktivität auf die Umwelt bedeutet, P (population) die Größe der Bevölkerung, A (affluence) den durchschnittlichen Konsum von Personen innerhalb einer Gesellschaft und T (technology), eine Art Korrekturfaktor, in Abhängigkeit davon, ob z.B. begrenzte fossile Energieträger verbrannt werden oder Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft, Geothermie oder andere regenerierbare Techniken verwendet werden.

Die „Population Bomb“ stellt zwei wichtige Fragen: Wie viele Menschen sind optimal für die Erde? Und wie erreicht man dieses Ziel? Global schätzte Ehrlich die optimale Bevölkerungszahl auf ca. eine Milliarde Menschen. So ließe sich ein zunehmender Verzicht mit einer endlosen Abwärtsspirale vermeiden und die Natur hätte das erforderliche Regenerationspotenzial. Wie kommt man zu diesem Ziel? Entweder inhuman, durch Erhöhung der Sterbezahlen, also durch Krieg, Seuchen, Hunger u.a. Katastrophen, oder human, durch Verringerung der Geburtenrate, also durch Geburtenkontrolle, bis ein Optimum erreicht ist.

Es war klar, dass er mit dieser Analyse ein Tretminenfeld betreten würde, und es war vermutlich nicht nur der fortschrittlichere Zeitgeist der Sechziger- und Siebzigerjahre, der ihn nicht in die Defensive geraten ließ, sondern auch der jüdische Familienhintergrund mit der nötigen geistigen Resistenz, erworben in den Jahrhunderten des Mittelalters in der Auseinandersetzung mit einer feindlich gesinnten christlichen Mehrheitsgesellschaft.

Ehrlich empfahl zunächst die Verbesserung der Familienplanung. Empfängnisverhütung sollte einfach zugänglich, günstig und sicher sein, problemloser und straffreier Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche als Notlösung straffrei, straflose und selbstverständlich freiwillige Sterilisation möglich sein. Er war auch ein Verfechter der Emanzipation der Frau, denn je besser Frauen in das Berufsleben integriert waren, Aufstiegs- und Erfolgschancen hatten, umso geringer war die Wahrscheinlichkeit, ganz in der Mutterrolle aufzugehen.

Darüber hinaus plädierte er für staatliche Eingriffe. Ein Büro für Bevölkerung und Umwelt sollte eingerichtet werden, Kindergeld nur bis zum zweiten Kind ausbezahlt werden, die Sexualerziehung darauf hinwirken, Sexualität nicht nur als Mittel der Fortpflanzung zu begreifen, sondern auch als Grundlage von Lebensfreude.

Eine politisch unkorrekte Empfehlung

Kontrolle des Bevölkerungswachstums setzt auch eine Kontrolle der Migration voraus, die die Ergebnisse einer solchen Politik schnell zunichtemachen könnte. Statt unkontrollierte Migration zuzulassen, empfiehlt er, vorbildlich voranzugehen und all diejenigen, die an dem entstehenden Wohlstand interessiert sind, darin zu unterstützen, dem eigenen Modell im eigenen Land zu folgen.

Ehrlich wies immer darauf hin, dass es sich bei der Bevölkerungsdynamik nicht um ein nationales Problem handelt, sondern um ein globales. Er war Mitbegründer der Organisation „Zero Population Growth“. Mit seiner Frau und Co-Autorin Anne setzte er bewusst nur ein Kind in die Welt. In einem Interview empfahl er politisch unkorrekt, „zum Wählen zu gehen und all die Idioten loszuwerden“.

Wenn das Wachstum stoppt und unter günstigen Umständen auf ein Optimum zurückfällt, dann gibt es in der Bevölkerungspyramide zwangsläufig eine Übergangsphase mit mehr älteren Personen. Wer soll für ihren Unterhalt aufkommen? Viele Untersuchungen belegen, dass das künftige wirtschaftliche Wachstum vor allem auf Erfindungen und technischem Fortschritt beruht, nicht mehr auf Bevölkerungswachstum. In der Landwirtschaft in Europa waren im Jahr 1900 noch über ein Drittel aller Menschen beschäftigt, heute sind es unter drei Prozent.

Eine ähnliche Entwicklung gibt es aktuell in der industriellen Fertigung, die zunehmend mechanisiert wird. In China gibt es auf 10.000 Beschäftigte bereits 470 Industrieroboter, in Europa 219, Tendenz steigend. KI wird den Bedarf an Arbeitskräften weiter verringern. Die Frage lautet dann – politisch brisant –, nach welchen Regeln man den wachsenden Wohlstand verteilt, und sie birgt zahlreiche Interessenkonflikte.

Weniger werktätige Menschen sind nötig für höhere wirtschaftliche Effizienz, der Wohnungsmarkt könnte sich entspannen, der soziale Druck von Arbeitgebern und Mietskasernen-Eigentümern würde nachlassen und potenziell auch das allgemeine Elend, Kriminalität, Korruption und Drogenkonsum. Vor allem sinkt der Druck auf die anderen Spezies.

Drei mögliche Zukunftsszenarien

Die „Bevölkerungsbombe“ war einer der Gründe, weshalb sich China 1979 für die Ein-Kind-Politik entschied. Bei abnehmender Sterberate durch verbesserte medizinische Versorgung, auch auf dem Land, blieb der Volksrepublik eine Bevölkerungskrise erspart. Dass es dabei auch – durch Aufklärung überwindbare – Probleme gab, ist unbestreitbar. Eltern bevorzugten männliche Nachkommen und ließen weibliche Föten abtreiben. Der Volksrepublik gelang es jedenfalls, Hunderte von Millionen ihrer Bürger innerhalb weniger Jahrzehnte aus der Armut zu befreien.

In Indien gab es bei den Initiativen zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums auch eine Kampagne zur freiwilligen Sterilisation nach dem dritten Kind. Kritiker behaupteten, es sei zu Zwangssterilisationen gekommen, v.a. bei den niederen Kasten. Unter diesem Druck wurde die Politik wieder aufgegeben.

In entwickelten Ländern mit hohem Wohlstand ist die Geburtenrate ganz ohne politischen Druck rückläufig, in Europa liegt sie bei 1,35. Unser Kontinent schrumpft, die Bevölkerungsbombe ist entschärft, sobald die ungehinderte Migration gestoppt wird. Im zunehmend wohlhabenden China verblieb die Geburtenrate bei einem Kind pro Frau auch nach Ende der Ein-Kind-Politik, in Taiwan und Südkorea lag sie ganz ohne politische Begleitmusik in der Regel sogar unterhalb jener Chinas. Die globale Bevölkerung wächst aber langsam weiter bis auf vermutlich zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050, viel zu viel für eine nachhaltige Nutzung der Ressourcen.

In dem Nachfolgewerk von 1990 „The Population Explosion“ nennt Ehrlich drei mögliche Zukunftsszenarien. Den großen Knall, einen Atomkrieg mit anschließendem nuklearem Winter. Das Wimmern, eine Menschheit, die weiterwächst oder auf zu hohem Niveau verbleibt und zunehmend verelendet. Oder die Alternative, den Sieg der Vernunft, die durch eine bewusste Steuerung der globalen Bevölkerungsgröße eine nachhaltige Bewirtschaftung auch für die Generationen der Zukunft ermöglicht.

Ehrlich war sich darüber im Klaren, wie utopisch, ja, verrückt Letzteres klingt, aber auch darüber, was passiert, wenn man das Problem ignoriert. Dafür wurde er als falscher Prophet diffamiert, als „Bevölkerungs-Spinner“ und Kinderhasser.

Es gibt aber auch positive Resonanz. Das Forum „World Scientists’ Warning“ mit über 15.000 Wissenschaftlern aus 184 Ländern belegte zwischen 1992 und 2022 mehrfach und mit präzisen Statistiken den Zusammenhang von Bevölkerungswachstum, Artenschwund und Umweltzerstörung. Paul Ehrlich rüttelte am Schlaf der Welt und gehört gerade deshalb zurück auf die Tagesordnung.

Peter Gorenflos ist Chirurg im Ruhestand und internationaler Herausgeber von Werken Hyam Maccobys und Karlheinz Deschners.

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