Fast acht Jahre nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua mit 43 Todesopfern hat ein italienisches Gericht 32 Angeklagte schuldig gesprochen. Insgesamt standen 57 frühere Manager, Techniker und Behördenvertreter vor Gericht. Die übrigen 25 Angeklagten wurden freigesprochen. Die höchste Strafe erhielt Giovanni Castellucci, der frühere Chef des Autobahnbetreibers Autostrade per l’Italia und dessen damaliger Muttergesellschaft Atlantia. Das Gericht in Genua verurteilte ihn zu zwölf Jahren Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte 18 Jahre und sechs Monate gefordert.
Der frühere Aspi-Manager Michele Donferri Mitelli, der für die Instandhaltung des Autobahnnetzes verantwortlich war, erhielt elf Jahre Haft. Nach Angaben der italienischen Zeitung La Repubblica wurden auch weitere frühere Führungskräfte von Autostrade per l’Italia sowie Verantwortliche der Kontrollgesellschaft Spea verurteilt. Schuldsprüche ergingen demnach zudem gegen frühere Vertreter des italienischen Infrastrukturministeriums und der Straßenverwaltung Anas.
Erbe der DDR-Bautechnik: Warum im Berliner Osten jetzt die Brücken wackeln
Staatsanwaltschaft warf Betreibern mangelnde Wartung vor
Der Polcevera-Viadukt, meist Morandi-Brücke genannt, war am 14. August 2018 während eines Unwetters teilweise eingestürzt. Ein etwa 200 Meter langer Abschnitt brach zusammen. Fahrzeuge stürzten in die Tiefe, 43 Menschen kamen ums Leben. Mehr als 500 Bewohner umliegender Häuser mussten ihre Wohnungen verlassen.
Die Staatsanwaltschaft warf den früheren Verantwortlichen vor, notwendige Kontrollen und Reparaturen über Jahre vernachlässigt zu haben. Nach den Ermittlungen waren tragende Stahlseile im Inneren der Konstruktion stark korrodiert. Sicherheitsarbeiten seien wiederholt verschoben worden, um Kosten zu sparen und weiterhin hohe Dividenden auszuschütten.
Die Verteidigung führte den Einsturz dagegen auf einen schwer erkennbaren Konstruktionsfehler zurück. Dieser habe die Korrosion im Inneren eines Tragseils begünstigt und sei mit den üblichen Kontrollen nicht festzustellen gewesen. Die Angeklagten hatten die gegen sie erhobenen Vorwürfe zurückgewiesen.
Angehörige wollen gesamtes Urteil prüfen
Der Prozess hatte im Juli 2022 begonnen und umfasste 284 Verhandlungstage. Die Staatsanwaltschaft hatte für die Angeklagten insgesamt fast 400 Jahre Haft gefordert. Das Urteil erging in erster Instanz und kann angefochten werden.
Egle Possetti, Sprecherin des Komitees der Opferfamilien, reagierte zunächst zurückhaltend. Die zwölfjährige Haftstrafe für Castellucci könne angemessen sein, sagte sie der Nachrichtenagentur Ansa. Für eine abschließende Bewertung müssten die Angehörigen jedoch zunächst die Entscheidungen zu den übrigen Angeklagten prüfen.
Castellucci befindet sich bereits im Gefängnis. Wegen des Absturzes eines Reisebusses von einem Autobahnviadukt bei Avellino im Jahr 2013 wurde er rechtskräftig zu sechs Jahren Haft verurteilt. Bei diesem Unglück starben 40 Menschen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de