Es war ein Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl, als Italien eine Volksabstimmung über die Atomkraft abhielt. Mit großer Mehrheit beschlossen die Italiener 1987 den Ausstieg aus der Technologie. Doch das Gedächtnis der Menschen ist kurz. Gestern trafen sich Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi in Rom zu einem "Atomgipfel", um den Wiedereinstieg Italiens in die Kernkraft zu besiegeln. Vier große Atommeiler wollen die staatlichen italienischen und französischen Energiekonzerne im Land bauen, der erste soll 2020 am Netz sein.Die Nachricht aus Rom scheint auf eine Renaissance der Atomkraft in Europa hinzudeuten. Vor drei Wochen hatte Schweden angekündigt, neue Kernkraftwerke zu bauen. In Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, in Polen, Rumänien und Bulgarien ist die Rede vom nuklearen Neubeginn. Auch in Deutschland mehren sich Stimmen für einen Ausstieg aus dem Ausstieg. Ein solcher wäre ein fataler und teurer Fehler.Einerseits hat die Vergangenheit gezeigt, dass man Ankündigungen der Atomindustrie nicht sehr ernst nehmen muss. Im Bau sind weltweit 32 Kernkraftwerke, elf aber schon seit mehr als 20 Jahren - Bauruinen, die man nach Tschernobyl nicht mehr anfasste. Mittlerweile wurden 119 Reaktoren stillgelegt; 437 sind noch im Betrieb. In Europa werden derzeit nur zwei neue Reaktorblöcke errichtet, und bei beiden gibt es riesige Probleme. Im finnischen Olkiluoto verlängert sich die Bauzeit um mindestens zwei Jahre; die Kosten explodieren. Auch im französischen Flamanville übersteigen die Kosten deutlich den Voranschlag.Anders als das gegenwärtige Strohfeuer glauben macht, legen Statistiken zudem nahe, dass das Nuklearzeitalter seine Zukunft bereits hinter sich hat. Noch in den neunziger Jahren wurde behauptet, erneuerbare Energien könnten nie mehr als vier Prozent des Stroms produzieren. Heute sind es 18,4 Prozent weltweit, 15,3 Prozent in Deutschland; ihr Anteil wächst. Dagegen deckt Atomstrom nur noch 14 Prozent des Strombedarfs auf der Erde. In Wahrheit gerät die Nuklearwirtschaft in einen uneinholbaren Rückstand gegenüber den Zukunftstechnologien Wind, Sonne, Wasser.Man kann die Signale aus Rom deshalb auch anders lesen - als Funkzeichen einer bedrohten Spezies. Doch die Energiekonzerne setzen nicht aus Dummheit weiter auf die teure Atomenergie mit ihren gewaltigen Risiken. Sie fürchten die neuen Techniken, weil diese aus ihrer Sicht einen entscheidenden Makel haben: Sie stellen ihr Monopol in Frage. Wind- und Sonnenenergie werden am wirtschaftlichsten dezentral erzeugt - von kommunalen oder individuellen Betreibern. Noch können die Atomkraftlobbyisten argumentieren, dass Kernkraftwerke für die Grundlast unverzichtbar seien, weil Wind nicht ständig weht und die Sonne nur tagsüber scheint. Doch sobald das Speicherproblem gelöst ist, werden Wind und Sonne das werden, was die Großindustrie fürchtet: die Energie des kleinen Mannes. Letztlich geht es um die Frage: Wer profitiert von den Energiesystemen?Bleiben sie im Eigentum von Konzernen, oder kommen sie in Bürgerhand? Bei den Zukunftstechniken steht Deutschland bislang weit vorn. Italien ist schlecht beraten, seine energiepolitische Zukunft der französischen Atomindustrie anzuvertrauen. Es wird das Land viel Geld kosten, das ihm später fehlt - beim Ausbau neuer Energien.
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