James Ehnes

Musik, die sich Zeit nimmt

Der Geiger James Ehnes begnügt sich mit einem nicht besonders unverwechselbaren Repertoire und weitgehend damit, makellos Geige zu spielen.

Martin Wilkening
3 Min
Zeit für Musik, die sich Zeit nimmt: Die Philharmonie in Berlin.

Zeit für Musik, die sich Zeit nimmt: Die Philharmonie in Berlin.

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Der 38-jährige Geiger James Ehnes ist ein Weltstar. In Berlin hat er bereits 1995 während seiner Studienzeit an der Juilliard-School debütiert, beim selben Orchester, mit dem er auch jetzt wieder in der Philharmonie auftrat, dem DSO. Dass man hierzulande nicht viel von ihm hört, mag mit der Bescheidenheit des Mannes zu tun haben, der sich damit begnügt, makellos Geige zu spielen, ohne sich durch irgendwelche Marotten vermarkten zu lassen. Auch sein Repertoire erscheint nicht gerade unverwechselbar. Einen Spleen kultiviert er allerdings, und das ist seine nur allzu verständliche Leidenschaft für wertvolle Streichinstrumente.

Auf seiner CD „Homage“ stellt er sechs verschiedene Stradivaris vor, und man staunt, wie individuell das Instrument Geige klingen kann, unabhängig, oder eben doch nicht ganz so unabhängig von dem Spieler, der die jeweilige Individualität ja erst erspüren und zum Klingen bringen muss.

Schleifen der Erinnerung

Das Violinkonzert von Edward Elgar aus dem Jahr 1910 ist mit seinen fünfzig Minuten wahrscheinlich das längste seiner Gattung. Wirklich virtuos wird es erst im letzten Satz, wo sich auch zum ersten Mal ein Ringen zwischen Solo und Orchester entwickelt, zuvor ähnelt es mehr einem getragenen, vom Orchester plüschig aufgepolsterten Monolog. Musik zum Träumen, die sich Zeit nimmt, und am Ende wieder in Schleifen der Erinnerung einmündet. Auch der letzte Satz ist kein Stück zum Auftrumpfen, sondern vor allem der Abschluss einer psychologisch stimmigen musikalischen Erzählung.

James Ehnes spielt das alles nicht nur blitzsauber bis in die manchmal ganz plötzlich aufflammenden Gesten hinein, sondern vor allem mit einem intensiven Erzählton, der alle Qualitäten einer unverwechselbaren, fast physische Präsenz ausstrahlenden Stimme besitzt und die ganze Zeit hindurch zu fesseln vermag. Mächtig ist dieser Ton, herb und etwas nasal, sehr belastbar auf den mittleren Saiten, am ausdrucksvollsten aber in dem nie beengt wirkenden Spiel in den hohen Lagen auf der G-Saite, das weite Strecken dieses Stückes prägt. Ehnes’ Phrasierung besitzt wenig Eigenart und Raffinesse, sie ist vor allem am dichten, starken und ewig fortgesponnenen Klang interessiert, lässt nicht viel Luft, auch nicht in dem zugegebenen Solo-Satz von Bach.

Diese Zugabe wirkte nach den großen Gesten des endlos schweifenden Violinkonzerts ähnlich unterdimensioniert, wie die überflüssige Eröffnung mit einer der zahlreichen Elgarschen Miniaturen, dem salonhaften „Chanson de matin“, mit dem Vladimir Ashkenazy augenzwinkernd zu Beginn um Einverständnis und gute Laune warb. Die stellte sich später in Dvoraks 8. Sinfonie wie von selbst ein. In konzentrierter Innigkeit tönten die weitgeschwungenen Streichermelodien, munter neckend zwitscherte die Flöte, und wenn das Blech dazu trat, ließ es Ashkenazy gern richtig krachen. In Munterkeit und spielfreudigem Fluss erfüllte sich hier ein Dvorak-Klischee, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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