Lieber Jan,
setz dich. Trink was, ein Josefsbräu oder eine Lift-Apfelschorle. Das hier dauert nicht lange.
Ich fange mit einem Lob an. Deine Sendung am Freitag war die ehrlichste halbe Stunde, die das ZDF Magazin Royale je produziert hat. Du sagst als GröHiJO des ZDF direkt am Anfang: „Heute machen wir endlich mal das, was viele sich von uns seit Jahren wünschen. Wir machen uns selber fertig.“ Und dann tust du es, zumindest ein bisschen. Und am Ende stehst du wieder mit sauberer Weste da.
Worum es geht, für alle, die deine Sendung nicht gesehen haben: Du hattest in deinem Merch-Shop eine Plastik-Actionfigur namens Grundi. Hässliche kleine Dinger in Form eines Rosamunde-Pilcher-Romans oder eines Landser-Heftes von der Tanke. 39,99 Euro pro Stück. Verkaufsstopp seit Februar 2024. 2000 Stück liegen seitdem im Lager.
Warum? Weil dein Spielzeughersteller aus Frankfurt am Main ab Stück 1001 die Montage ausgelagert hat. An eine Werkstatt für behinderte Menschen. 19 Beschäftigte haben den Grundi für den Böhmi zusammengesteckt. Eine davon hat einen Lohnzettel, den du in die Kamera hältst: 187 Euro brutto im Monat. Bei 37,5-Stunden-Woche. Plus 50 Euro Weihnachtszuwendung. Macht 237 Euro.
Der GröHiJo des ZDF hat also für eine Plastikfigur, die das Grundgesetz darstellt, Menschen unter Bedingungen arbeiten lassen, die nach deiner eigenen Recherche grundgesetzwidrig sind.
Das deckst du selbst auf. 22 Minuten lang. Du erklärst das System: 255.000 Menschen in Deutschland arbeiten in solchen Werkstätten Vollzeit für durchschnittlich 230 Euro im Monat. Sie sind nicht „Arbeitnehmer“, sondern sie sind „arbeitnehmerähnlich“. Damit greift der Mindestlohn nicht. Du sagst, der Dachverband der Werkstätten kennt keine einzige Werkstatt in Deutschland, die ihren Beschäftigten Mindestlohn zahlt. Keine. Am Ende stellst du Jürgen Linnemann von der Gesellschaft für Freiheitsrechte vor, der bis nach Karlsruhe klagen will.
Großartig. Wirklich. Ich war schon fast davor, alles zurückzunehmen, was ich je über dich gesagt habe.
Aber dann, Jan.
Dann sagst du es selbst. Wörtlich. Dein Spielzeughersteller hatte dir bereits zwei Monate nach der Auslagerung mitgeteilt, der Grundi werde jetzt in „sozialen Werkstätten“ montiert. Dein O-Ton dazu: „Es hat uns auch ehrlich gesagt nicht interessiert.“
Das ist keine Anklage. Das ist eine Selbstdiagnose.
Und es benötigte noch einen Zuschauer, der dir am 14. Dezember 2024 schrieb, dass seine Schwester für 187 Euro deine Plastikfiguren montiert. Anderthalb Jahre hat es von dieser Mail bis zur Sendung gedauert. Anderthalb Jahre, in denen die Schwester 18 weitere Lohnzettel mit demütigenden Zahlen bekommen hat. Während du recherchiert hast, hat sie weiter zusammengesteckt.
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Du sagst am Freitag selbst: „Wir haben anderthalb Jahre gebraucht für diese halbstündige Sendung hier. Wir können nicht mehr. Wir sind kaputt.“ Du, Jan? Kaputt? Vom Recherchieren? Es gibt eine Frau, eine von 255.000, die ist auch ein bisschen kaputt. Die kann sich aber kein Sabbatical bei Spotify nehmen.
Aber jetzt zur eigentlichen Sache.
Du performst Inklusion sehr ausdauernd. Du eröffnest deine Sendungen seit Jahren mit der Formel: „Meine Damen und Herren und alle dazwischen und darüber hinaus.“ Du hast, das mag Ende 2022 gewesen sein, ausführlich, über Transfeindlichkeit gesprochen. Über Alice Schwarzer. Über Beatrix von Storch. Selbstbestimmung, Identität, Sprache.
Da stimmt vieles: Transmenschen verdienen Schutz, Sichtbarkeit, Solidarität. Punkt. Nicht verhandelbar.
Aber lass uns kurz Zahlen durchgehen. Du liebst doch Zahlen, vorwiegend animierte. Also dann:
In Deutschland sind nach Schätzungen etwa 0,3 bis 0,6 Prozent der Bevölkerung trans. Das sind 250000 bis eine halbe Million. Geschätzt.
Schwerbehinderte Menschen in Deutschland: 9,3 Prozent. 7,9 Millionen. Gesichert.
In Werkstätten zu Niedrigstlöhnen Beschäftigte: 255.000. Gesichert.
Das ZDF Magazin Royale hat zu Transfeindlichkeit in den vergangenen Jahren ausführlich berichtet, wiederholt, mit eigenen Schwerpunktfolgen.
Sendezeit zu Werkstatt-Apartheid vor Dezember 2024: null.
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Ich sage nicht: weniger Trans, mehr Rolli. Das wäre ein Ausspielen von Minderheiten gegeneinander. Aber Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource. Und du hast in den vergangenen Jahren mit Gebühren-Power, ZDFneo, Mediathek, und Spotify exakt entschieden, was wichtig ist. Und 255.000 Menschen, die seit den Fünfzigern für Stundenlöhne unter dem Sozialamt produzieren – die kamen halt erst dran, als dein eigener Plastik-Merch darin verstrickt war und ihr es irgendwie zum eigenen Vorteil drehen konntet. Hat das die eineinhalb Jahre gedauert?
Vielleicht ist das die Pointe.
Es brauchte Grundi, damit du Grundgesetz machst.
An dieser Stelle eine kleine Selbstkritik. Ich habe in den vergangenen Jahren auch keine Kolumne über Werkstattlöhne geschrieben. Keine. Ich habe über Streaming geschrieben, über Influencer, über deine Mimik. Mein Versagen ist meins, auch wenn es kleiner ist, weil ich ja keine hässlichen Gadgets für Untermindestlohn habe produzieren lassen. Und weil ich keinen Sender im Rücken habe, der mir Dutzende Mitarbeiter und eine Rechtsabteilung zur Seite stellt, gebührenfinanziert, also auch durch mich und meine Leserinnen und Leser. Du hast das. Und du hast es eben so eingesetzt, wie du es eingesetzt hast. Wie du es einsetzen wolltest.
Die Frage, die deine Sendung am Freitag aufwirft, ist die nach der Verteilung deiner eigenen Aufmerksamkeit. Nicht der gesellschaftlichen.
Du hast in dieser Sendung einen Satz, den ich mir aufschreibe. Über die Würde des Menschen, die auf Grundi draufsteht: „Eigentlich ist sie unantastbar. Aber wenn wir statt Menschenwürde einfach menschenwürdeähnlich sagen, dann kann man sie schon antasten.“ Und dann legst du nach: „Arbeitnehmerähnlich, grundgesetzähnlich.“ Mein Punkt ist nur: Inklusionsähnlich gibt es auch. Und das machst du seit Jahren.
Jan, das ZDF Magazin Royale vom Freitag war richtig. Es war ehrlich. Eine große Leistung des GröHiJo des ZDF. Es war besser als alles, was du je über andere gemacht hast, weil es dieses eine Mal über dich war. Mach mehr davon. Mach es nicht erst, wenn dein Merch-Shop schuldig ist. Mach es, weil 7,9 Millionen Menschen in Deutschland leben, denen dein „alle dazwischen und darüber hinaus“ zu hoch hängt. Buchstäblich. Weil davor eine Stufe ist, die niemand abgebaut hat.
Schalom.
Harald Neuber
Nachrichtenchef der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung
PS: Beim nächsten Eröffnungsspruch probier mal: „Meine Damen und Herren, alle dazwischen, alle darüber hinaus – und alle, die der Aufzug nicht erreicht.“ Dann reden wir weiter. Bis dahin nenne ich dich liebevoll den Konjunktiv-Komplizen. Grundgesetzähnlich. Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht.
PPS: Und, lieber Jan, weil wir gerade bei Transparenz sind: Du hast ja öffentlich auf meine vergangene Kolumne reagiert und mir dabei einen „Fehler“ nachgewiesen. Gemeint war die Sache mit dem Screenshot aus deinem YouTube-Video, in dem „Weibcheck“ statt „Vibecheck“ stand. Und weißt du was? Stimmt. Der Screenshot fehlte. Genau das war der Fehler. Nicht die Aussage, nicht das Zitat, nicht der Kontext – der verdammte Screenshot fehlte. Dadurch ging der Witz nicht auf. Das passiert – und ist längst hier nachzulesen.
Nur: Wir haben das anschließend transparent korrigiert. Im Text selbst. Mit redaktioneller Anmerkung darunter. Sichtbar. Nachvollziehbar. So arbeiten Redaktionen normalerweise. Nicht heimlich austauschen, nicht löschen, nicht „ups, nie passiert“ wie bei Arne Schönbohm. Sondern offen sagen: Hier war ein Fehler, hier ist die Einordnung.
Böhmermann, etwas verspannt.
© BLZ
Was ich interessant finde: Warum ignorierst du genau diesen Teil? Warum bleibt ausgerechnet die Korrektur unsichtbar? Warum hältst du stattdessen an der Erzählung fest, ich würde den Begriff „Vibecheck“ nicht verstehen, obwohl selbst der nachträgliche Hinweis erklärt hat, worum es ging?
Du machst exakt das, was du sonst den Telegram-Agitatoren und YouTube-Verwirrten vorwirfst: Du greifst dir einen isolierten Aspekt heraus, blendest die Korrektur und den Gesamtzusammenhang aus und entwickelst daraus eine ideologische Erzählung. Ein kleiner Medien-Michael-Ballweg mit besserem Lichtkonzept. Ein Hauch Xavier Naidoo, aber mit Redaktionskonferenz und Gebührenkonto.
Und apropos Sprache: Dieses permanente Setzen von Begriffen in Anführungszeichen – vom „Chef“ bis zur „Presse“ – hat ja Tradition. Kalter Krieg, DDR-Polemik, Springer-Schule, Distanzmarkierung. Man signalisiert: Diesen Begriff erkennen wir nicht wirklich an. Das Lustige ist nur: Ich bin tatsächlich Nachrichtenchef. Steht jedenfalls so im Arbeitsvertrag. Nicht „Chef“. Chef. Ohne ideologische Anführungszeichen.
Die quälende Frage bleibt also: Wie schafft es eine Sendung mit Autorenraum, Redaktion, Untertiteln, Abnahme und Millionenetat eigentlich nicht, einmal den eigenen YouTube-Untertitel querzulesen, bevor sie anderen Medien mangelnde Präzision vorwirft?
Aber ernsthaft, Jan: Setz dich gern mit dem Argument auseinander. Locker. Nicht so verbissen. Du musst nicht jede Kritik behandeln wie eine Reichsbürgerzelle mit Ringlicht. Manchmal fehlt auf der einen Seite einfach nur ein Screenshot. Und auf der anderen Seite Souveränität.
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