Es ist an diesem Abend ein bisschen so, als ob jemand seine Hauskatze vorführt, um die Geschichte einer Löwenattacke zu illustrieren. Aber auch umgekehrt: als ob er den Löwen an die Wand malt, aber das Fauchen seiner Katze meint. Eigentlich wollen sie im Gorki-Studio die wilde Kolonialisierungsgeschichte Südamerikas fassen, die Alfred Döblin in seiner Romantrilogie "Amazonas" aufblättert. Aber etwas stimmt ganz und gar nicht bei der Wahl der Mittel. Auch wenn im Theater Fantasie gefragt ist, die Ungenauigkeit erweist sich im Laufe dieser zweieinhalb Theaterstunden als äußerst fatal.Wie greift man Geschichte, die durch ein 1000-seitiges Buchwerk wuchert: durch Zeit- und Perspektivwechsel, indianische Mythen, historische Figuren, durch eine Sammlung verbürgter wie erdachter Ereignisse? Döblin schrieb die ersten zwei Bände 1938/39 im Pariser Exil als eine "Art epischer Generalabrechnung mit unserer Zivilisation". Mehr als die bloße Abbildung interessierte ihn daher jene Geschichtsdurchdringung der historischen Landnahme, die zugleich Licht in seine eigene Gegenwart werfen sollte: Ein Spiegel und Gegenentwurf zu der herrschenden Machtgier, dem Rassismus und der widersprüchlichen Sehnsucht nach einer "Neuen Welt".In genau diese Fußstapfen will auch der Regisseur Jan Neumann treten. Doch versucht er die geschichtliche Durchdringung - und eben da versagen seine Mittel - nicht gedanklich, sondern allein durch Oberflächenaffekte und Scheinparallelen. Gleich die Anfangsszene ist dafür Programm: Schüchtern trippelt ein von der Natur üppig ausgestattetes, mit viel Schmuck behängtes Fräulein (Anna Griesebach) ins Studio, das ein Bibliothekslesesaal geworden ist, und fragt die Aufsicht (Sabine Weibel), ob etwas über Südamerika zu haben sei. Das Stichwort ist gefallen: Wie elektrisiert springen drei Leser auf (Johan Jürgens, Matti Krause und Andreas Leupold) und beginnen einen Wettstreit um die beste Südamerika-Auskunft. Sie ziehen Landkarten auf, halten Bücher hoch, zitieren Döblins Beschreibungen des Urwalds, der Indios, der Eroberer, fallen sich gegenseitig ins Wort und liegen sich schließlich in den Haaren. Immer zudringlicher werden sie, verlagern ihren Eroberungseifer auf das Fräulein selbst und werfen sich am Ende vergewaltigend auf es. Der Tigersprung in die Geschichte ist getan - dem Passepartout gefühlsdampfender Triebe sei Dank.Doch ist dieser Sprung kopflos, der Abend grober Holzschnitt. Die Missionare ziehen als Bauarbeitertrupp mit Fantrommel auf, die Amazonen mit angeklebten Bärtchen im Nadelstreifen. Kaum ein konkreter Gedanke wird in seiner historischen Entwicklung einmal genauer verfolgt: nicht der Kampf der Missionare gegen die Natur, die Magie und sich selbst, nicht der Kampf der Indiostämme gegen ihren eigenen Feudalismus, nicht die Idee des "Jesuitenstaates", der tatsächlich über 150 Jahre eine Art "neues Jerusalem" mit sozialistischen Anwandlungen ausprobierte.Stattdessen müssen die Schauspieler alles auf schlichte Signalwirkung herunterbrechen und treffen damit weder auf Geschichte noch auf Gegenwart. Am Ende entpuppt sich Neumanns "Amazonas" ohnehin nur als Warnschild vor irdischen Heilsversprechen im Allgemeinen: Dann flimmern Dias auf vom Erntedankfest mit Hakenkreuz, vom FDJ-Aufmarsch in Ostberlin, vom VW-Stapellauf zur BRD-Wirtschaftswunderfeier. Alles sehr gefährlich. Besser, man bleibt zu Haus.-----------------------Amazonas wieder am 7. Okt.; 20.15Uhr im Gorki-Studio Tel: 20221115------------------------------Foto: Das Theater als Bibliothek (Andreas Leupold und Sabine Weibel)
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