Jarvis Cocker und Chilly Gonzales

Wenn der Beat aus den Pantoffeln kommt

Jarivs Cocker und Chilly Gonzales über ihre neues Album "Room 29".

Katja Schwemmers
6 Min
Die Zwei aus der temporären Männer-WG: Chilly Gonzales (vorn) und Jarvis Cocker.

Die Zwei aus der temporären Männer-WG: Chilly Gonzales (vorn) und Jarvis Cocker.

© dpa

Wenn Britpop-Ikone Jarvis Cocker (53, Pulp) und der kanadische Piano-Entertainer Chilly Gonzales (44) gemeinsame Sache machen, ist das ein musikalisches Gipfeltreffen. Über fünf Jahre haben die Beiden immer mal wieder an ihrem Album „Room 29“ gearbeitet. Ihren Songzyklus über das Zimmer 29 im Hotel Château Marmont in Hollywood stellen sie ab 27. März auch live bei drei bereits ausverkauften Shows in der Volksbühne vor. Wie man mit Pantoffeln Musik macht, und was man in Hotelzimmern so findet, erzählten sie beim Interview in Berlin.

Meine Herren, war es Liebe auf den ersten Blick zwischen Ihnen?

Jarvis Cocker: Muss ich ihn jetzt küssen? Wir waren beide Bewunderer der Arbeit des anderen. Das erste Mal über den Weg gelaufen sind wir uns 2002 beim Primavera Festival in Barcelona.

Chilly Gonzales: Ich fragte Jarvis: ‚Wie komme ich auf die Bühne?‘ Er antwortete trocken: ‚Du setzt einen Fuß vor den anderen.‘ Da dachte ich: Der Typ hat einen guten Humor, und er kann mit Sprache jonglieren. Auch auf der Bühne ist er nicht nur spielerisch, sondern hat Tiefe und Düsterkeit. Genau das ist es, was mir an Performern gefällt. Aber Jarvis zierte sich anfangs noch ein wenig.

Wie das?

Gonzales: Als Brite übt er sich gern mal in vornehmer Zurückhaltung, was das Socializen angeht. Erst als wir herausfanden, dass wir beide in Paris wohnen, trafen wir uns öfter. Es ist nicht einfach, in Paris Freunde zu finden. Die französische Gesellschaft bleibt gern unter sich. Deshalb schrieb ich den Song „Francophobia“ und lud Jarvis ein, die Musik dafür zu machen. Das waren quasi vertauschte Rollen für uns. Aber es war eine gute Möglichkeit, damit wir wie zwei Hunde am Hintern des anderen schnuppern konnten.

Stimmt es, dass Sie sogar bei Gonzales eingezogen sind, Mr. Cocker?

Cocker: Ich wohne heute noch in der Wohnung! Wir arbeiteten dort an einem Stephen-Sondheim-Song für den Film „I’m Still Here“, als er mir erzählte, dass er nach Köln ziehen würde. Als ich einzog, fand ich auf dem Boden eine Halskette, an der Zähne aufgehängt waren. Auf gewisse Weise war das der Start von „Room 29“. Denn bei dem Album geht es um Spuren, die andere Leute in einem Raum hinterlassen haben, so dass du anfängst darüber nachzudenken, was vor deinem Eintreffen an diesem Ort geschah.

Gonzales: Um das klarzustellen, Jarvis: Die Kette gehörte zum Tour-Merchandise der Sängerin Peaches. Ich habe niemanden auf dem Gewissen!

Im Hotel Château Marmont, in dem sich der „Room 29“ befindet, haben sich Prominente skandalträchtige Dinge erlaubt. Doch Sie fokussieren sich auf die leiseren Momente.

Cocker: Als wir erstmals erwähnten, dass wir Songs darüber schreiben, fragten Leute tatsächlich: „Ist das der Raum, in dem John Belushi starb? Oder in dem Led Zeppelin Motorrad fuhren?“ Aber bei uns geht es um die Anfänge des Hotels, das mit Hollywood gewachsen ist. Hollywood hat die Träume und Ambitionen der ganzen Welt beeinflusst – meine eigenen miteingeschlossen. Bewegte Bilder haben mich dazu verführt, selbst Performer zu werden. Ich saß als Kind vorm Fernseher und dachte: Eines Tages werde ich dort zu sehen sein. Ich war fasziniert von der Film-Welt, in der man an einem Tag im Wilden Westen sein kann und am nächsten im Weltall.

Gonzales: Selbst aufzutreten bedeutet, eine Fantasie ausleben. Aber es bedeutet auch, viel zu reisen und in Hotels zu übernachten. Wenn du nach dem Auftritt zurück ins Hotel kommst, mischt sich die Fantasie mit der Realität, denn dann begegnest du dir selbst. Das ist jedenfalls mein Bezug zu dieser Platte. Lieder müssen einem tiefen, emotionalen Platz entspringen. Wir benutzten die Geschichte um Hollywood-Schauspielerin Jean Harlow und ihren desillusionierten Gatten nur als Metapher, um in unseren Liedern tiefgründige Themen aufzugreifen. Ich würde niemals fünf Jahre meines Lebens investieren, um Songs aus einem Boulevard-Ansatz heraus zu schreiben.

In den Liedtexten Ihrer Band Pulp haben Sie auch immer Gesellschaftsstudien betrieben, diesmal ist viel Fantasie mit im Spiel. Hat sich Ihr Songwriting verändert, Mr. Cocker?

Cocker: Ich denke schon. Worte passend auf die Musik von Gonzales zu schreiben, war eine neue Herangehensweise für mich. Genauso wie die Tatsache, dass ich dafür Recherchen betrieben und Bücher gelesen habe. Ich wollte das Songwriting diesmal mit anderen Dingen kombinieren. Das liegt auch an meiner Arbeit fürs britische Radio. Ich war involviert in die Show „Wireless Nights“ auf BBC Radio 4, in der es ausschließlich Konversationen darüber gibt, was Leute nachts anstellen. Das lieferte mir neue Ansätze.

Warum veröffentlichen Sie ausgerechnet jetzt ein Konzeptalbum, das völlig losgelöst ist von dem Irrsinn, der gerade in der Welt passiert?

Gonzales: Wenn ich an etwas arbeite, ist es für mich auch Eskapismus. Ich werde die Art, wie ich Musik mache, nicht ändern, nur weil die Welt um mich herum politisch ist. Ich bin ja kein politischer Künstler.

Cocker: Es gibt einen unterschwelligen Bezug zur Politik. Ich habe ein Interview mit dem Film-Historiker David Thomson geführt, den man auch auf der Platte hört. Er erklärte, wie wichtig das Kino in den 1930ern war, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Hollywood gab den Menschen während der Weltwirtschaftskrise einen Traum und die Hoffnung, dass er sich erfüllen kann. Irgendwann machte sich dann die große Ernüchterung breit. Das ist nicht unähnlich der Situation, die wir speziell im letzten Jahr erlebt haben.

Können Sie überhaupt noch entspannen in Hotelzimmern?

Cocker: Als wir letztes Jahr in Hamburg waren, habe ich in meinem Hotelzimmer Gleitcreme unterem Bett gefunden. Natürlich hat mir das viele konkrete Bilder in den Kopf gepflanzt, was in dem Bett ein paar Stunden vor meiner Anwesenheit passiert ist. Das Einschlafen hat etwas gedauert. Ich habe das Zeug mit nach Hause genommen. Es könnte doch mal ganz nützlich sein.

Gonzales: This is hardcore!

Sie geben auch auf der Bühne ein kongeniales Duo. Wie passen Grobcordanzüge und Hausschuhe zusammen?

Gonzales: Wie Erdnussbutter und Wackelpudding! Wir haben erst gestern beim Abendessen darüber gesprochen, wie vorhersehbar unsere Klamotten sind. Wir sehen eigentlich immer gleich aus, wenn wir uns treffen.

Cocker: Die Pantoffeln von Gonzales sind essentiell und waren sehr nützlich für diese Platte. Der Song „Belle Boy“ ist fast schon ein Dance-Track. Und das nur, weil wir mit Hausschuhen den Beat erzeugt haben. Dummerweise war der Kollege da gerade nicht anwesend. Also musste ich in die Pantoffeln schlüpfen und damit auf dem Boden rumklopfen, so wie es sonst Gonzales bei den Liveshows macht. In der Aufnahme gibt also mein Pantoffel den Ton an. Und Gonzales lobte mich dafür.

Das Gespräch führte Katja Schwemmers.

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