Nach dem Tod des Cambridge-Professors Jason Arday hat der Streit über die Plagiatsvorwürfe eine neue Wendung genommen. Die Universität Gent hat Nathan Cofnas vorsorglich suspendiert. Cofnas hatte im Juli Textübereinstimmungen in Ardays Doktorarbeit öffentlich dokumentiert. Nach Angaben der Hochschule geht es bei der Untersuchung um seine späteren öffentlichen Äußerungen über Arday.
Die belgische Hochschule teilte am Donnerstag mit, sie habe eine disziplinarische Voruntersuchung eingeleitet. Dabei prüfe sie, ob genügend Gründe vorliegen, den Fall an das zuständige Disziplinargremium zu übergeben. Für die Dauer der Untersuchung sei Cofnas vorsorglich suspendiert worden. Zu den Einzelheiten äußerte sich die Universität unter Verweis auf die Vertraulichkeit des Personalverfahrens nicht.
Cofnas hatte seine Suspendierung zuvor auf X bekannt gegeben. „Sie werden mich mit ziemlicher Sicherheit entlassen“, schrieb er. Eine Entlassung hat die Universität bislang jedoch nicht beschlossen.
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Universität Gent verweist auf Grenzen der akademischen Freiheit
Bereits am Mittwoch hatte die Universität in einer von Rektorin Petra De Sutter und Vize-Rektor Herwig Reynaert unterzeichneten Erklärung angekündigt, auf jüngste öffentliche Äußerungen eines Postdoktoranden zu reagieren. Die Hochschule setze sich für die Achtung der Menschenwürde ein und lehne Diskriminierung, Hass und Rassismus ab. Zugleich messe sie der akademischen Freiheit und einer offenen Debatte große Bedeutung bei. Diese Freiheit sei jedoch „nicht unbegrenzt“. Sie gehe mit Verantwortung einher und könne zum Schutz der Rechte anderer eingeschränkt werden, erklärte die Universität Gent.
Welche Aussagen von Cofnas die Untersuchung ausgelöst haben, teilte die Hochschule nicht mit. Der belgische Philosoph Maarten Boudry verbreitete nach der Suspendierung Auszüge aus einem Schreiben an Cofnas. Die Universität hat dessen vollständigen Wortlaut und Echtheit nicht öffentlich bestätigt.
Nach den von Brussels Signal wiedergegebenen Passagen beanstandet die Hochschule unter anderem, Cofnas habe Arday in Interviews wiederholt als „mentally disabled“ (geistig beeinträchtigt) und als „worthless scholar“ (wertloser Wissenschaftler) bezeichnet. Außerdem habe Cofnas sein öffentliches Vorgehen gegen Arday als „Kreuzzug“ bezeichnet. Dadurch sei bei Angehörigen der Universität der Eindruck einer gezielten Kampagne zur beruflichen Ausschaltung eines Kollegen entstanden, heißt es in den veröffentlichten Auszügen.
Jason Arday anlässlich der Verleihung einer Ehrendoktorwürde durch die St Mary’s University. Der Cambridge-Professor starb am 14. August im Alter von 41 Jahren.
© © St Marys University
Paul Graham sieht Vorgehen gegen den Überbringer der Nachricht
Die Suspendierung löste auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs Kritik aus. Der Investor und Mitgründer des Start-up-Förderers Y Combinator, Paul Graham, warf der Universität vor, den Überbringer der schlechten Nachricht zu bestrafen.
„Wie sollten Universitäten auf den Arday-Skandal reagieren? Sollten sie gegen Plagiate und akademischen Betrug vorgehen? Die Antwort der Universität Gent wird offenbar darin bestehen, die Person zu entlassen, die darüber berichtet hat“, schrieb Graham auf X.
Grahams Zuspitzung geht über den bestätigten Stand hinaus. Cofnas wurde zunächst vorsorglich suspendiert. Eine Entlassung ist lediglich seine eigene Erwartung. Die Universität nennt zudem nicht die Veröffentlichung der Plagiatsvorwürfe als Grund, sondern verweist allgemein auf seine jüngsten öffentlichen Äußerungen.
Rektorin Petra De Sutter war Spitzenpolitikerin der Grünen
Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgt die politische Vergangenheit der Rektorin. Petra De Sutter gehörte der flämischen Grünenpartei Groen an und war von 2020 bis 2025 belgische Vizepremierministerin. Seit Oktober 2025 leitet sie die Universität Gent.
Cofnas behauptete auf X, De Sutter habe persönlich über seine Suspendierung entschieden. Die Universität hat das nicht bestätigt. Ihre Erklärung trägt auch die Unterschrift von Vize-Rektor Reynaert. Belege dafür, dass De Sutters politische Vergangenheit bei dem Personalverfahren eine Rolle spielte, gibt es nicht.
Vor ihrer Wahl zur Rektorin kündigte De Sutter an, die Politik zu verlassen. Sie werde „keine grüne Rektorin“ sein, ihre Werte aber auch nicht verleugnen, sagte sie dem Nieuwsblad.
Petra De Sutter lehnte Cofnas’ Entlassung im März noch ab
Bemerkenswert ist, dass De Sutter Cofnas noch im März gegen Forderungen nach seiner Entlassung verteidigt hatte. Mehr als 300 Beschäftigte und Studenten kritisierten damals seine Berufung nach Gent. Sie warfen dem selbst ernannten „Rassenrealisten“ vor, rassistische Pseudowissenschaft zu verbreiten.
De Sutter bezeichnete Cofnas’ Äußerungen nach Angaben von The Brussels Times als verletzend und verstörend, lehnte eine Entlassung aber ab. Eine Universität müsse Raum für akademische Debatten schaffen. Organisationen, die sich für Wissenschaftsfreiheit einsetzen, unterstützten diese Haltung.
Tausende Menschen gedachten am 17. August auf dem Trafalgar Square in London Jason Arday und legten Blumen an der Nelsonsäule nieder. Teilnehmer warfen der Presse eine rassistisch motivierte Kampagne gegen den Professor vor.
© Lab Mo/imago
Cofnas hatte zuvor an der Universität Cambridge geforscht. Das Emmanuel College beendete 2024 seine Verbindung zu ihm, nachdem er unter anderem behauptet hatte, in einem strikt leistungsorientierten System würde die Zahl schwarzer Professoren an Spitzenuniversitäten gegen null gehen.
Die Universität Cambridge wies 2025 insgesamt 58 Beschwerden gegen Cofnas zurück. Seine Ansichten würden von vielen als beleidigend empfunden, verstießen aber weder gegen das Gesetz noch gegen die Regeln der Universität zur Meinungsfreiheit, berichtete das Committee for Academic Freedom.
Frühere Untersuchung sah kein Plagiat bei Jason Arday
Cofnas veröffentlichte im Juli Textvergleiche, die zahlreiche Übereinstimmungen zwischen Ardays Doktorarbeit und einer sechs Jahre älteren Dissertation zeigen sollten. Der Telegraph berichtete anschließend von mehr als 100 ähnlichen Passagen.
Arday bestritt die Plagiatsvorwürfe. Eine frühere Untersuchung der Liverpool John Moores University, die ihm 2015 den Doktorgrad verliehen hatte, bestätigte den Plagiatsverdacht nicht. Die beanstandeten Stellen seien wahrscheinlich auf „ehrliche und nachvollziehbare Fehler“ zurückzuführen, berichtete der Guardian.
Am 5. August leitete die Universität Cambridge nach eigenen Angaben wegen neuer Informationen eine Untersuchung zu Ardays akademischen Qualifikationen und Ehrenämtern ein. Daneben lagen Beschwerden wegen möglichen wissenschaftlichen Fehlverhaltens vor. Arday trat noch am selben Tag von seiner Professur zurück. Er erklärte, die anhaltenden Vorwürfe, Spekulationen und öffentlichen Kommentare hätten ihn und seine Angehörigen schwer belastet.
Am 14. August wurde der 41-Jährige tot in seinem Haus in Süd-London gefunden. Die Polizei behandelt seinen Tod als unerwartet, geht aber nicht von verdächtigen Umständen aus. Eine Todesursache wurde bislang nicht veröffentlicht. Ardays Familie erklärte, er sei über Jahre einer Kampagne aus Missbrauch und Falschinformationen ausgesetzt gewesen. Einen Zusammenhang zwischen einzelnen Personen und seinem Tod haben die Behörden nicht festgestellt.
Werden deutsche Hochschulen ihre Lehren aus dem Jason-Arday-Skandal ziehen?
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