Jennifer Rostock über das RAW-Gelände

„Die Revaler Straße nervt ungemein!“

Im Interview spricht die Band über Gentrifizierung und ihren neuen Song über die AfD.

Jakob Buhre
7 Min
"Wir haben lange Zeit gedacht, dass wir als Band nicht politisch sind – dabei waren wir es längst", sagen Jennifer Rostock.

"Wir haben lange Zeit gedacht, dass wir als Band nicht politisch sind – dabei waren wir es längst", sagen Jennifer Rostock.

© Warner Media/Florian Appelgren

Die Musiker der Band „Jennifer Rostock leben seit zehn Jahren in Berlin und haben sich mittlerweile eine große Fangemeinde erspielt. Am 8. September stellen sie im SO36 das neue Album „Genau in diesem Ton“ vor. Im Interview sprechen Sängerin Jennifer Weist, Keyboarder Johannes Walter und Bassist Christoph Deckert über Veränderungen im Kiez, Punk und politische Statements.

Jennifer, Johannes, Christoph, was war das letzte Berliner Punk-Konzert, das ihr besucht habt?

Jennifer Weist: Oh, da bin ich raus.

Johannes Walter: Mein letztes Punk-Konzert waren die „Rogers“, im Cassiopeia.

Christoph Deckert: Früher war ich öfter im K17 bei Konzerten, oder in der Scharni 38, im Keller: Zehn Leute, keine Bühne und ab geht’s.

Gibt es noch guten Punk in Berlin?

Deckert: Die Subkultur gibt es immer noch, die wird auch immer so bleiben. Es kommt drauf an, wo man sich bewegt: Auf der Rigaer Straße gibt es schon noch ein paar Refugien, aber wenn man hier im Michelberger Hotel sitzt, bekommt man davon natürlich nicht viel mit.

Ist Punk für euch als Band eine Inspiration?

Walter: Der Punk-Einfluss bei Jennifer Rostock kommt von unserem Schlagzeuger Baku, der lebt das. Egal, was für einen Song du hast, sobald Baku dazu trommelt, erinnert es an Punk.

Wie punkig seid ihr im Alltag?

Walter: Wenn Punk heißt, dass man auf der Straße sitzt und sich Geld für ein Bier zusammenschnorrt und dazu die entsprechende Musik hört, dann sind wir wahrscheinlich nicht so Punk. Aber wenn es bedeutet, dass man mit Konventionen bricht, dass man sich selbst entscheidet, wie man sein Leben lebt, sich nicht auf materielle Dinge fixiert sondern auf Werte besinnt, die mit Solidarität zu tun haben – dann ist Punk auf jeden Fall ein Teil von uns.

Ihr lebt seit vielen Jahren in Berlin. Welche positiven und welche negativen Veränderungen der Stadt habt ihr erlebt?

Deckert: Negative Veränderungen fallen einem ja immer schnell ein. Da muss man nur Hashtag #Haubentaucher eingeben und sich angucken, was für ein Volk heute auf dem RAW-Gelände residiert (lacht).

Walter: Ich bin vor sechs Jahren in den Prenzlauer Berg gezogen und es war krass, wie viele Locations zu der Zeit zugemacht haben oder weggezogen sind: Magnet, Knaack, NBI, die Bar Zum Schmutzigen Hobby...

Weist: Ich wohne immer noch im Friedrichshain, aber es wird dort gerade ziemlich unruhig. Durch die Gentrifizierung, durch viele Polizisten, es gibt jetzt „Gefahrengebiete“ und viele Demos, weil die Leute sich aufregen. Ich habe zwischendurch überlegt, wegzuziehen.

Wegen der Demos?

Weist: Nein, die gab es ja auch früher. Aber vor seiner Haustür von der Polizei nach dem Ausweis gefragt zu werden, oder „Machen Sie mal die Taschen leer“, das kommt jetzt häufiger vor. Ich erkläre dann, ich sei Anwohnerin, worauf ich die Antwort bekomme, ich würde ja im Gefahrengebiet wohnen.

Wie nehmt ihr die Debatte um die Rigaer Straße wahr?

Weist: Ich denke, in den Häusern wohnen ganz normale Leute.

Deckert: Das wird instrumentalisiert. Die Rigaer Straße wird für Frank Henkels Wahlkampf umgemünzt zur „No-Go-Area“. Die gibt es de facto aber gar nicht. Die Anwohner waren mit der Situation dort schon immer völlig d'accor, erst seit das große Polizeiaufgebot dort ist, eskaliert es.

Welche Veränderungen in Berlin seht ihr positiv?

Walter: Man kann natürlich viel über Gentrifizierung abkotzen und ich finde es auch gut, wenn dem die Stirn geboten wird. Aber grundsätzlich gehört Veränderung zu einer Stadt dazu. Man lebt ja in so einer Metropole, wenn man Veränderung mag, wenn man nicht will, dass die Zeit stehen bleibt.

Weist: Was in Berlin geblieben ist, das ist die Freiheit. Ich fühle mich, trotz der ganzen Polizei-Geschichten, frei. Ich kann um 12 Uhr mittags ein Bier im Park trinken, ohne dass mich jemand schief anguckt. Weil alle sehr offen und easy drauf sind. Das ist geblieben und das lässt sich Berlin auch nicht nehmen.

Wenn in Berlin Autos brennen, habt ihr dann Verständnis für diese Art von Protestform?

Deckert: Weiß ich nicht. Protest ist, was man selbst draus macht.

Walter: Ich finde es scheiße! Was bringt es, wenn ich ein Auto anzünde von jemandem, der mit der Sache nichts zu tun hat?

Weist: Aber Farbbomben kann ich total verstehen.

Walter: Man muss das aber auch immer in Relation sehen: Diesen Vergleich „Linker Terror ist so schlimm wie rechter Terror“, den kann ich nicht mehr hören, weil er nicht stimmt. Statistisch gesehen gibt es weit weniger linke Straftaten als rechte.

Jennifer Rostock über ihren neuen AfD-Song, Hass-Postings und das RAW-Gelände

Ihr bezieht politisch klar Stellung, zuletzt mit eurem Lied gegen die AfD. Wäre Jennifer Rostock auch als unpolitische Band denkbar?

Walter: Wir haben lange Zeit gedacht, dass wir als Band nicht politisch sind – dabei waren wir es längst. Sobald man Gesellschaft als solches thematisiert, ist man ja politisch. Es muss ja gar nicht Partei-Politik sein, sondern es ist genauso auch politisch, wenn du gesellschaftskritische Texte hast.

Deckert: Das ist aber keine Sache, für die wir uns bewusst entschieden haben, sondern es hat einfach mit der Art zu tun, wie wir leben. Und die verkörpern wir in der Musik und in den Texten.

Ihr kommt aus Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD aktuell großen Zulauf hat. Was ist das beste gegen den Rechtspopulismus?

Walter: Wenn wir eine Lösung hätten, wäre das toll. Aber das sind auch komplizierte, gesellschaftliche Entwicklungen.

Deckert: Eine befreundete Band von uns, Feine Sahne Fischfilet, hat in Mecklenburg-Vorpommern eine „Noch nicht komplett im Arsch“-Tour organisiert, um zu zeigen: Es gibt hier vor Ort immer noch Leute, die cool sind, die gute Sachen machen. Das ist eine wahnsinnig gute Aktion, ein inspirierendes Beispiel.

Weist: Die rechte Fraktion rottet sich ja immer schnell zusammen, das ist bei den Linken leider oft anders. Da ist der eine dem anderen nicht links genug, und so kämpft man dann doch wieder nicht für das Gleiche. Das könnte mehr zusammenwachsen. Die hohe Zahl an AfD-Wählern, das muss wieder weniger werden. Wir werden selbst noch schauen, was wir dort machen können.

Jennifer, du teilst via Facebook relativ viel mit der Öffentlichkeit, musst dafür aber auch  Anfeindungen einstecken. Wie anstrengend ist es, Jennifer Weist zu sein?

Weist: Ich persönlich finde es nicht so anstrengend. Das liegt aber auch daran, dass ich das selbst so gewählt habe. Ich wache morgens auf und bin richtig glücklich, so leben und arbeiten zu können.

Und Hass-Postings jucken dich nicht?

Weist: Wenn man etwas postet und danach liest, was die anderen Leute schreiben – das ist in der Tat anstrengend. Weil immer irgendjemand was zu meckern hat: Wenn du eine vegetarische Wurst postest ist die Herstellerfirma scheiße, oder jemand meckert über deine Frisur – ständig passt den Leuten irgendetwas nicht. Früher habe ich mir das alles noch sehr zu Herzen genommen, heute poste ich nur noch und lese die Kommentare nicht.

Besuchst du, nach der lebensgefährlichen Attacke auf einen Freund vor einem Jahr, eigentlich noch das RAW-Gelände?

Weist: Ich bin seit dem nicht mehr auf das Gelände gegangen. Das hat aber auch andere Gründe: Es ist mir zu voll dort, es sind nur Touristen da, die ganze Revaler Straße nervt mich ungemein, auch wenn man über die Warschauer Brücke geht. Das ist mir alles zu voll und zu doll. Und natürlich hasse ich den Haubentaucher (lacht).

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