Joachim Gauck zum Schicksal sowjetischer Gefangener

„Eines der größten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs“

Bundespräsident Joachim Gauck erinnert in Stukenbrock an das Schicksal sowjetischer Gefangener. Die Gräuel, die Deutsche an russischen Soldaten in ihrer Obhut verübten seien „eines der größten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs“, sagte Gauck.

Fabian Klask
4 Min
Gauck spricht auf dem Friedhof.

Gauck spricht auf dem Friedhof.

© AP/Martin Meissnery Lizenz

Lev Frankfurt war einer von Hunderttausenden sowjetischen Insassen im Strafgefangenenlager 326 Senne, eine halbe Autostunde von Bielefeld entfernt. Gauck hat diesen Schreckensort ausgewählt, um an das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen zu erinnern, die zu Tode kamen. Das Leid dieser Kriegsopfer müsse „aus dem Erinnerungsschatten“ geholt werden, sagt der Bundespräsident später in seiner Rede, die er auf dem Soldatenfriedhof hält, der an das ehemalige Barackenlager angrenzt. Die Gräuel, die Deutsche an russischen Soldaten in ihrer Obhut verübten seien „eines der größten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs“, sagt Gauck.

Zahlen des Grauens

In Zeiten, in denen Deutschland und der Westen um die richtige Reaktion auf Russlands neues Machtstreben ringen, in denen viele Staats- und Regierungschefs ihre Reise zu den Siegesfeiern nach Moskau abgesagt haben, rückt Gauck, der zuletzt durch scharfe Kritik an Putin aufgefallen war, die Erinnerung an die Gefangenen und Kriegstoten in den Mittelpunkt zweier Gedenkfeiern: Am Mittwoch in Schloss Holte-Stukenbrock und am Freitag in Brandenburg, wo er an einer weiteren Kriegsgräberstätte sprechen will.

Es sind Zahlen des Grauens, die Gauck aufruft. Es sei davon auszugehen, dass das Deutsche Reich während des Kriegs rund 5,3 Millionen sowjetische Soldaten gefangen nahm, viele zu brutalen Arbeitseinsätzen zwang, die sie, so sagt Gauck, „geschwächt und ausgehungert, wie sie waren, oft nicht überlebten“. Wohl etwa die Hälfte der Kriegsgefangenen sei unter deutscher Knechtschaft ums Leben gekommen. Rund 310 000 Angehörige der Roten Armee kamen bis 1945 allein ins Strafgefangenenlager 326, Zehntausende starben hier.

Das Lager war 1941 auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Senne errichtet worden. Dort inhaftierte die Wehrmacht neben Franzosen, Italienern und Belgiern vorwiegend sowjetische Soldaten, die unter besonders schlechten Bedingungen anfangs in selbst gebauten Erdhöhlen oder Laubhütten leben mussten. Über Jahrzehnte hat das Schicksal dieses Ortes wenig Beachtung gefunden, auf dem weitläufigen Gelände des früheren Lagers werden heute Nordrhein-Westfalens Polizisten ausgebildet.

Um das Andenken der etwa 65 000 Toten, die auf dem nahen Friedhof in Massengräbern liegen, kümmerten sich einige Linke. Erst seit Mitte der 1990er-Jahre bemühen sich vor allem Ehrenamtler gemeinsam mit deutschen und russischen Behörden, die Gefangenen, die ums Leben kamen, zu identifizieren. Gauck konnte am Mittwoch eine Stele mit rund 900 Namen enthüllen. So wie der Krieg gegen die Sowjetunion „von Anfang an als Vernichtungs- und Ausrottungskrieg“ geplant worden sei, habe das Naziregime auch die sowjetischen Gefangenen besonders grausam behandeln lassen, sagt Gauck. „Die Wehrmacht setzte diese Befehle bereitwillig um.“

Das Schicksal der Lagerinsassen sei nie angemessen ins Bewusstsein der Deutschen gerückt, so der Bundespräsident. Zunächst habe Deutschland wohl vor allem an die eigenen Opfer des Russlandfeldzugs und an das schwere Los der Heimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft gedacht.

Tief gerührt

Später hätten sich diejenigen unter den Westdeutschen, „die sich nicht erinnern wollten“, von der Expansionspolitik der Sowjetunion bestätigt gesehen, sagt Gauck. In der DDR habe der „Heldenmythos des sowjetischen Brudervolks“ keine Empathie mit sowjetischen Kriegsgefangenen zugelassen, die eben keine strahlenden Sieger gewesen seien, sondern Opfer, Entrechtete und Geschlagene. Gauck: „Wir stehen hier und erinnern an dieses barbarische Unrecht und die Verletzung aller zivilisatorischen Regeln.“

Er sei tief gerührt von Gaucks Besuch, sagt Lev Frankfurt. Er hat die Grausamkeit von acht deutschen Lagern und zwei Gefängnissen überlebt. Jetzt spricht er mit fester Stimme. Frankfurt erinnert auch an das Schicksal, das vielen Überlebenden bei der Rückkehr in die Sowjetunion drohte: „Viele kamen direkt wieder in Lagergefangenschaft“, sagt er. „Sie standen unter Generalverdacht, mit dem Feind kollaboriert zu haben.“

Lev Frankfurt selbst blieb dieser Weg erspart. Er kehrte zurück in die Rote Armee und diente als Soldat und Dolmetscher in der DDR. Heute wohnt er im hessischen Bad Nauheim. Das Stalag 326 habe er, den die Nazis wegen Spionage zum Tode verurteilt hatten, nur mit der Hilfe eines Lagerarztes überlebt, der „meine Identität gegen die eines Toten tauschte“. Als der frühere Sowjetsoldat Frankfurt und Gauck an den namenlosen Grabsteinen vorbeigehen, halten sie einander an den Händen.

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