Wenn die Nöte Lachen verursachen, sind sie zu Unabwendbarkeiten geworden. Wo nichts zu machen ist, bleibt das Verzweiflungsgelächter. So genommen ist die ausgelassene Heiterkeit im Anschluss an die jüngste Theatertreffen-Premiere von bemerkenswerter Aufschlusskraft.
Knapp zwei Stunden lang hat die Regisseurin Karin Henkel mittels Henrik Ibsens „John Gabriel Borkmann“ ein schrilles Gegenwartsbild einer von allen gemeinsamen Werten, jeder Solidarität und jedem Mitgefühl befreiten Gesellschaft gezeichnet. Hat Figuren gezeigt, die in ihren Biographien festhängen, deren Seelen verknöchert und Hirne von Eigennutz zerfasert sind. Die von den Drücken der Selbstverwirklichung verfolgt und vom Glücksstreben durchs Leben gepeitscht werden. Sie stolpern die Treppe hinauf, lehnen schief an der mausgrauen Betonbunkerwand, tragen Halbgesichtsmasken oder setzen sie ab, singen, ächzen, stöhnen, schweigen – und bleiben Gefangene. Freiheit bedeutet ihnen, sich mit ihren Fesseln zu identifizieren. Wer bin ich? Ich bin meine Fesseln.
Ja, das hat allerlei mit der Ibsen-Vorlage zu tun, einem Stück um einen Bankmann, der sich und seine Klientel in den Ruin reißt, in der seine Frau (Gunhild) mit ihrer Schwester (Ella) um den Bankmann-Sohn (Erhart) ringt, dem dies Kämpfen über wird, bis er ruft: „Ich bin jung! Ich will nicht arbeiten! Ich will mein eigenes Leben leben!“ Ja, es fällt bei dieser Inszenierung einiges unter den Tisch, vor allem das, was dem Drama seine soziale Schärfe gibt. Aber der Abend gewinnt an Identifikationskraft, weil Henkel den Text zum allerumfassendsten Fessel-Parabel-Stück macht. Ich bin meine Fesseln: offenbar eine gegenwärtige Selbstbeschreibung mit höchsten Zustimmungspotenzial.
Das ist auch dem darstellenden Personal zu danken. Die bösartigen Garstigkeitsausbrüche von Josef Ostendorf als Borkmann, Julia Wieningers gefühlsharschen Axt-Auftritte als Gunhild, die zappelzuckenden Treppengänge, der Schleiertanz, das pantomimische Keks- und Kaffeeverschlingen von Lina Beckmann, die für ihr ausgefeiltes Handwerk des Overacting mit dem 3-Sat-Preis samt 10000 Euro Handgeld ausgestattet wurde – Spielperlen, die das Bühnentreiben mit deftiger Lustbarkeit würzen, mitunter scharf an der Kante zum Kasperletheater.
Das ist unterhaltsam, ja. Aber es ist Unterhaltung über dem Abgrund: Der Abend erzählt von Existenz- und Seelennöten. Sie sind derart groß und festgefügt, dass jede Ahnung schwindet, wie sie zu wenden wären. Es bleibt ein Lachen, um die Illusion einer Befreiung zu befeuern. Diese Inszenierung hat den Zuständen einer Gesellschaft ohne Halt und Hoffnung nichts entgegenzusetzen. Sie gefällt sich darin, eine Diagnose der Ausweglosigkeit zu liefern und macht lachen, wo Leiden ist. Sie nimmt das Theater als Therapie zur Einübung in ein horizontloses Dasein.
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