Jüdisches Museum Berlin

Filmspektakel und Panoptikum

Die grausame Geschichte von Abraham, dem Gott befiehlt, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern, ist eine Schlüsselerzählung in Tora, Bibel und Koran. In einer spektakulären Multimedia-Schau in Berlin wird die Geschichte in die Jetzt-Zeit übersetzt.

Esteban Engel
3 Min
Blutrot verschmierte Wände: „Gehorsam“ im Jüdischen Museum.

Blutrot verschmierte Wände: „Gehorsam“ im Jüdischen Museum.

© dpa/Maurizio Gambarini Lizenz

Blutrot verschmierte Wände, ein in Flüssigkeit konserviertes Schaf, ein mit Federn bedeckter Raum: Das Jüdische Museum setzt mit einer neuen Ausstellung auf die Wirkung einprägsamer Bilder. „Gehorsam“ – unter diesem Titel geht eines der meistbesuchten Museen der deutschen Hauptstadt von diesem Freitag an einer gemeinsamen Urgeschichte von Christentum, Judentum und Islam nach: der von Gott angeordneten und dann verhinderten Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham.

Für die Ausstellung hat das Museum den britischen Filmregisseur Peter Greenaway (73) gewonnen, einen Meister der effektvollen Bildkompositionen. Der Brite hatte auf der letzten Berlinale mit einem Film über das Coming-out des sowjetischen Regisseurs Sergei Eisenstein (1898–1948) in Mexiko für Furore gesorgt. Bei der Berliner Ausstellung wirkt der Kultregisseur („Der Kontrakt des Zeichners“) eher im Hintergrund. Seine Frau, die niederländische Opernregisseurin und Ausstellungsmacherin Saskia Boddeke, präsentiert sich als jene, die die eigentliche Bilderflut entfesselt.

Federn, Blut und Kreuze

Gehorsam und Unterwerfung, so sehen es Greenaway und Boddeke, ziehen sich wie ein roter Faden durch die drei monotheistischen Glaubensbekenntnisse. Für Religionspatriarch Abraham bedeutet das: Er muss seinen Sohn Isaak opfern, denn Gott will es so. Doch in letzter Sekunde entscheidet sich Gott anders und schickt einen Widder als Ersatz. Nicht der Mensch Isaak, das Tier soll geopfert werden. Immerhin hat Abraham gehorcht.

Für ein Museum ist das theologisch überfrachtete Thema starker Tobak. Denn Greenaway und Boddeke verzichten weitgehend auf Erklärungen. Kuratorin Margret Kampmeyer spricht vom „emotionalen Verstehen“, das in den 15 Räumen vermittelt werden soll.

Zu Beginn werden Kinder und Jugendliche auf einer Projektionswand gezeigt. Sie sagen „I am Isaac“ oder „I am Ishmael“ und sollen eine Identifikation mit den Söhnen Abrahams herstellen. Denn letztendlich, so sehen es die Ausstellungsmacher, sind die Kinder die Leidtragenden des Gehorsams der Älteren – bis heute.

Boddeke und Greenaway haben für die Ausstellung eine Mischung aus Filmspektakel und Panoptikum geschaffen. Sie setzen Messer und tropfendes Wasser in Szene, eine Ballettgruppe tanzt in Videoausschnitten das Opfer-Drama. Jeder Raum wird mit einem Satz eingeführt – vom „Golden Room“ mit den Ausgaben von Bibel und Koran, dem federbedeckten Raum der Engel und dem dunklen Teufels-Raum.

Im Raum des Christentums hängen 140 Kreuze, die Kopie eines Caravaggio-Gemäldes wird über sogenanntes Videomapping ausgeleuchtet. Ein mit Lammwolle ausgelegter „Agnus Dei“-Raum erinnert an das Opferlamm, eine Gebetsbank zum Hinknien steht vor einem Gemälde des Spaniers Francisco de Zurbarán. Nach dem Opfer-Raum mit den blutbedeckten Wänden stellt die Ausstellung eine Schlussfrage an die Besucher: „Oder bist du ein Abraham?“ (dpa)

22. Mai bis 13. Sep. 2015, Lindenstraße 9–14, Mo 10–22 Uhr, Di bis So 10–20 Uhr. Infos im Internet unter : www.jmberlin.de

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