Jugendfilme auf der Berlinale

Wenn die Kamera kein Erbarmen kennt

Nicht zum ersten Mal wird das Programm von düsteren Themen beherrscht.

Barbara Weitzel
4 Min
Unterwegs in Richtung Atlantik: Jan (Anton Spieler) und Jule (Mala Emde) im Film „303“ von Hans Weingartner

Unterwegs in Richtung Atlantik: Jan (Anton Spieler) und Jule (Mala Emde) im Film „303“ von Hans Weingartner

© Kahuuna Films/ Sebastian Lempe, Mario Krause

Dem Film „Adam“ ist ein Zitat vorangestellt. Der Satz von Friedrich Nietzsche, der hier die Geschichte eines gehörlosen jungen Mannes in Berlin einleitet, könnte als Motto über etlichen der diesjährigen 14plus-Filme stehen: „Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen?“ Doch besonders quält, dass die Kinder dies kaum tun. Anlehnen, Trost finden: All das gibt es nicht für Adam, Manon, Cobain.

Adam weint erst spät und seine Tränen bringen keine Erleichterung. Über seine Mutter erfährt man nur das, was er erzählt, da Regisseurin Maria Solrun Adam ins Zentrum stellt, sich die Kamera fast nie von seinem Gesicht, seinem Körper, seinen Gefühlen entfernt. Die Mutter tritt erst in Erscheinung, als ihr Leben mit Techno, Party und Alkohol seinen Tribut fordert: irreversibler Gehirnschaden, Pflegeheim.

Aggressiv und einsam

Adams Liebe und Loyalität stehen in schmerzhaftem Kontrast zu seiner Einsamkeit, dem rastlosen Tigern durch die riesige Wohnung. In einer der traurigsten Szenen umarmt Adam eine Musikbox, aus der die Musik seiner Mutter wummert. Die Bässe müssen dröhnen, damit er ihr nah sein kann. Und damit er der letzten Bitte seiner Mutter Folge leisten kann: Er solle sie töten, sollte sie je verrückt werden.

Wie Adam das mehrmals versucht, scheitert, bis hin zu dem Bedürfnis, sich selbst auszulöschen, immer aggressiver und einsamer wird, das tut weh. Immerhin: Eine zarte Liebesgeschichte setzt ein Licht ans Ende. Wie auch in Hans Weingartners Eröffnungsfilm „303“.

Trostspendender Beitrag

Auch Jule und Jan müssen allein schwere Entscheidungen treffen. Jule ist schwanger und macht sich mit dem Wohnmobil auf den Weg nach Portugal, wo der Vater des Kindes lebt. Was mit dem Ungeborenen geschieht, interessiert den wenig. Jules Mutter drängt zur Abtreibung. Jan will nach Spanien, um seinen Vater kennenzulernen.

Auf der Fahrt finden beide nicht den Halt, den sie sich erhofft haben – doch in langen Gesprächen einander und sich selbst. Die Natürlichkeit, mit der Mala Emde und Anton Spieker Jule und Jan spielen, machen „303“ zu einem der schönsten Roadmovies, die man je gesehen hat – und zu einem trostspendenden Beitrag innerhalb des Programms, das noch so viel Düsternis bereithält.

Mit stillem Blick

Manon ist viel jünger, als sie einen Entschluss fasst. Im Montreal der 70er-Jahre versetzen die „Front für die Befreiung Quebecs“ auf der einen Seite, Polizei und Militär auf der anderen die Menschen in Angst, während die 12-jährige Heldin des kanadischen Beitrags „Les rois mongols“ sich ganz anderer Not befindet. Der Vater ist sterbenskrank, die Mutter überfordert. Manon und ihr kleiner Bruder Mimi sollen in getrennte Pflegefamilien. Um zu erzwingen, dass sie zusammenbleiben, entführen Manon und ihre Cousins eine alte Frau und verstecken sich mit ihr in einer Hütte fernab der Stadt.

Die traumschönen Bilder und zeitweilige Ausgelassenheit der Kinder können nicht darüber hinwegtrösten, dass auch hier die Jungen sich selbst holen müssen, was sie am dringendsten brauchen: Fürsorge, Stabilität, Gemeinschaft. Geradezu grotesk ist das zu sehen, als die Polizei mit Großaufgebot die Hütte umstellt, in dem Irrglauben, das Geiselopfer und die Kinder vor einem Terroristen zu retten. Herrin der Lage ist einzig Manon. Milya Corbeil-Gauveau spielt dieses Kind, das keines sein darf, mit stillem Blick und ernstem Mund. Man versteht, warum die Kamera sie gar nicht loslassen will.

Wie viel Wahrheit ist zumutbar?

Gesichter und Hände, Taten und Stillstand in Großaufnahme sind ein zweites verbindendes Moment der Filme und bringen dem Zuschauer das Geschehen oft näher, als man es aushält. Zumal, wenn man es mit einem Schauspieler zu tun bekommt wie Bas Keizer. Von der Straße gecastet, ist die Rolle in „Cobain“ sein Debüt und es liegt auch an der darstellerischen Wucht des 1998 geborenen Niederländers, dass Nanouk Leopolds Film einen weit über den Abspann hinaus verfolgt.
Cobain, ein Heimjunge, bekommt die Chance, in einer Pflegefamilie aufzuwachsen. Doch der 15-Jährige will seine drogenabhängige Mutter und deren ungeborenes Kind retten.

Im brutalen Milieu des Straßenstrichs, der Spelunken und Methadonausgabestellen erträgt er die Wutausbrüche seiner Mutter und erlebt, wie wenig Loyalität zählt in einem Umfeld, das von Sucht und Gewalt bestimmt ist. Cobain entschließt sich zum Alleingang, und die blutige Radikalität seines Handelns schießt über das Erträgliche weit hinaus. Die Kamera kennt sogar hier kein Erbarmen. Der Film ist ein Meisterwerk, doch das Ende dürfte manch einem als Alp in den Schlaf folgen – und wie all die Jahre die Frage laut werden lassen, warum so viel Düsternis dieses Programm beherrscht und wie viel Wahrheit und nicht geweinte Tränen für die jungen Zuschauer zumutbar sind.

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