Julia Franck hat einen Roman über Menschen im Notaufnahmelager Marienfelde geschrieben: Lagerkind

Es grenzte an ein Wunder, doch ihre Mutter hatte im Dezember 1978 ein für zwei Wochen gültiges Einreisevisum für die DDR bekommen. Das Wundersame daran war, dass Julia Franck, damals achtjährig, ihre drei Schwestern und die Mutter sich bereits seit Wochen im Notaufnahmelager Marienfelde befanden. Sie waren ausgereist, mit den entsprechenden Papieren. Republikflüchtlinge wurden solche Menschen im Osten genannt. Nun sollte aber Weihnachten den Kindern zuliebe noch einmal so sein wie früher, mit den Verwandten und Freunden. Weil die Mutter aber das Visum verbummelt hatte, mussten sie nun allnächtlich zum Bahnhof Friedrichstraße mit Winterkleidung über den Schlafanzügen, mit Gepäck und Baby, denn das jüngste Kind war noch nicht einmal ein Jahr alt. "Wir sind dann jede Nacht durch diese Labyrinthe im Tränenpalast gekrochen, durchs Nadelöhr in den Westen geschlüpft und wenig später auf der anderen Seite wieder eingereist", erzählt Julia Franck. Heute ist sie 33 und eine erfolgreiche Schriftstellerin. Bereits ihren ersten Roman "Der neue Koch", 1997 erschienen, hat die Kritik wohlwollend aufgenommen. Der zweite, "Liebediener", der merkwürdig unterkühlt von einer Dreiecksbeziehung erzählt, wurde als "die Liebesgeschichte der neunziger Jahre" gepriesen. Und mit einer Erzählung aus dem Band "Bauchlandung" gewann sie im Jahr 2000 einen Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Wenn zu jener Zeit die jungen Autorinnen zusammengefasst werden sollten, dann sprach man vom "Fräuleinwunder". Damals interessierten sich auch Zeitschriften wie Marie Claire und Vogue für Bücher, und kaum eine Rezension erschien ohne Foto. Auch Julia Francks Gesicht mit den hohen Wangenknochen, umrahmt von vollem schwarzen Haar, war oft zu sehen. Manche Kollegen witzelten, man könne ja statt der Bücher gleich die Fotos rezensieren. Jetzt ist alles anders bei Julia Franck. Erstens kann man sie partout nicht mehr in diese ohnehin lächerliche Kategorie stecken, weil sie inzwischen zwei Kinder hat. Und zweitens unterscheidet sich ihr neues Buch deutlich von den bisherigen. Waren sie im Kern auf das Beziehungsgeflecht zwischen zwei oder drei Menschen reduziert, öffnet sich dieses in eine politische Dimension. "Lagerfeuer" heißt der Roman, der jetzt in die Buchhandlungen kommt. Zum Gespräch darüber treffen wir uns im Café der Schaubühne in Charlottenburg, unweit ihrer Wohnung. Sie muss erreichbar sein, wenn das Baby sie braucht. Der Roman spielt fast ausschließlich im Notaufnahmelager Marienfelde in West-Berlin, irgendwann Ende der siebziger Jahre. Julia Franck, die mit der Mutter und den Schwestern fast ein Dreivierteljahr in dem Lager verbrachte, hat eigene Erfahrungen in dem Buch verarbeitet. Verarbeitet im Sinne von: benutzt. Hier findet weder eine allgemein gültige Geschichts-Aufarbeitung statt, noch eine Gefühlsschau, wie sich Klein-Julia in der Zwischenwelt zwischen Ost und West gefühlt habe. Dieser Roman erzählt von vier Personen beziehungsweise -gruppen, deren Wege sich in Marienfelde kreuzen. Da ist der amerikanische Geheimdienst-Mitarbeiter, der die Flüchtlinge verhört. Er soll Stasi-Spitzel unter den Einreisenden ausfindig machen. Da ist ein aus dem Gefängnis freigekaufter Schauspieler, der weder in seinem letzten Beruf noch mit einer der früher ausgeübten handwerklichen Tätigkeiten eine Anstellung findet. Da ist eine mittelalte Frau aus Polen, die mit ihrem krebskranken Bruder in den Westen kommt, um ihm die bestmögliche Versorgung zu verschaffen und am Ende mit dem senilen, unwilligen Vater übrig bleibt. Und da sind schließlich Nelly Senff und ihre beiden Kinder, für deren Gestaltung die Autorin eigenes Erleben literarisiert: Das Warten an der Grenze, die Enge im Zimmer mit den Etagenbetten, die Sachen aus der Kleiderkammer, der Weg nach draußen in die Schule.Die weihnachtliche Ein-und-Ausreise-Episode fehlt in dem Roman. Sie passte nicht zum Thema. "Mir war diese kurze Rückkehr damals sehr wichtig. Weil es für mich als Kind natürlich darum ging, wo fühle ich mich wohl, wo sind meine Freunde. So einen Roman aber aus der kindlichen Perspektive zu erzählen ist problematisch. Denn einerseits hat das Kind viele Dinge nicht gewusst, die für den Hintergrund der Geschichte wichtig sind. Andererseits kann man dabei leicht in einen Betroffenheitston fallen. Den wollte ich überhaupt nicht."Julia Franck gestaltet das Lager als einen Mikrokosmos, in dem die Menschen unter extremer Anspannung stehen. Sie befinden sich quasi auf der Schwelle einer Tür. Die Menschen im Lager sind dem Osten, den sie verlassen wollten, tatsächlich entkommen. Aber sie sind noch nicht angelangt im Westen. Sie warten auf Genehmigungen, auf Arbeit, auf Wohnraum, auf Geld. Unter den Flüchtlingen mag es Hilfsbereitschaft gegeben haben, aber die meisten lebten aneinander vorbei. Oder sie waren genervt von den Geräuschen, Gerüchen und von dem Anblick der anderen. Außerdem keimten immer wieder Verdächtigungen auf, dass sich Spitzel eingeschlichen haben könnten. Das alles entsteht sehr lebendig, ja, bedrückend aus den Zeilen dieses Buches.Im Gespräch relativiert die Autorin diesen Eindruck: "Es werden bestimmt viele Leute kommen und sagen, dass sie das Lager so nicht erlebt haben. Denn viele waren nur für vier, fünf Tage dort, bis dieses Aufnahmeverfahren abgeschlossen war. Das Lager als Ort ist ja für die Literatur insofern interessant, weil auf längere Zeit dort diejenigen stranden, die aus unterschiedlichen Gründen den Sprung nicht schafften."Ihre Mutter, Katharina Franck, war in der DDR Schauspielerin und hatte nach ihrem Ausreiseantrag keine Rollen mehr bekommen. Ihre Großmutter, die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, blieb im Osten. Sie stand zwar der Regierung kritisch gegenüber, beharrte aber darauf, im Staat selbst sich für dessen Veränderung einzusetzen. Julia und ihre Zwillingsschwester waren am Anfang der dritten Klasse, als sie ausreisten. Offene, fröhliche Kinder seien sie gewesen, aber von den West-Berliner Mitschülern wurden sie nur als Fremdkörper behandelt. Diese Ausgrenzung haben sie als so schrecklich empfunden, dass sie während der ganzen Zeit im Lager zurückwollten in die DDR. Wie es kommt, dass die Erinnerung noch so stark ist, dass ihr heute die Erlebnisse nicht wie eine graue Vergangenheit vorkommen? "Das liegt wahrscheinlich an dieser Zwillingssituation. Ich war sehr eng mit meiner Zwillingsschwester zusammen und wir haben alles, was wir erlebten, immer wieder besprochen. Vielleicht blieben so die Erinnerungen wacher." In ihrer Familie wurde jahrelang nicht mehr über das Lager geredet. Die Erfahrung wurde verdrängt. Die Mutter experimentierte auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein mit alternativen Lebensformen. Das brachte finanziell nichts ein. Aber auch wegen der Kinder war die Arbeit am Theater für sie unmöglich geworden. Sie lebten von Sozialhilfe. Die Mädchen trugen die Kleidung der älteren Schwestern auf oder zogen an, was ihnen aus der DDR geschickt wurde. "Das hat uns weiter in dieser Identität als Ostler verhaften lassen." Und als Julia Franck mit 13 Jahren allein nach West-Berlin zog, um fortan bei Freunden der Mutter zu wohnen, kamen die Erinnerungen an die ostfeindliche Atmosphäre wieder hoch. Also sagte sie nur, dass sie aus Norddeutschland kam, aber nicht, wo sie zuvor gelebt hatte. "Ich erinnere mich gut an einen Schulausflug in der 10. Klasse. Wir fuhren nach Sachsenhausen, um uns das Konzentrationslager anzusehen. Allein die Vorstellung, in den Osten reisen zu müssen, war für diese West-Berliner Klasse ein Graus. Da wurde gekichert und gepöbelt in dem Bus, es wurde über den Osten hergezogen, als ob es nach Sibirien ginge. Dementsprechend fielen die Proviantpakete aus. Einer holte tatsächlich Sauerkraut und Würstchen aus seinem Rucksack hervor." Julia Franck sagt, dass sie diese ganze Ablehnung auf sich selbst bezog, obwohl sie den anderen ihre Herkunft verschwiegen hatte. "Und dass diese Menschen drei, vier Jahre später beim Fall der Mauer in eine solche Euphorie fielen, das kam mir falsch vor."Marienfelde, der Bruch in ihrer Biografie, blieb in ihrem Kopf. Und sie erfuhr, dass andere diese Erinnerungen ebenfalls verdrängt hatten. Wie ja diese Notaufnahme- oder Übergangslager in Gießen, Friedland und Marienfelde auch im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielen. Dahinter lauert die Frage, wie ein Land mit seinen Flüchtlingen umgeht. Sie wird im Roman nicht gestellt, aber sie schwingt mit. Die Idee, darüber zu schreiben, reifte langsam. Sie hatte zunächst erwogen, ein Film-Drehbuch zu verfassen oder ein Theaterstück. Die Prosa aber schien ihr dann am meisten vertraut, deren literarische Mittel waren ihr bereits "geheurer", wie sie es nennt. Eine Freundin arbeitete an einem Dokumentarfilm über Marienfelde, die Zeitzeugen-Interviews gingen in das Hintergrundwissen der Schriftstellerin ein. Julia Franck befragte die Mutter, befragte Freunde der Familie und las in der Bibliothek Zeitschriften und Zeitungen aus jenen Jahren. Erhärtet hat sich dabei das Bild von der DDR-feindlichen Stimmung, die damals im Westen geschürt wurde. Ihr Schreiben wurde auch davon beeinflusst, dass sie jetzt selbst Mutter ist. Wenn man Kinder hat, müsse man ständig Entscheidungen für sie treffen, von denen man ahnt, dass es auch die falschen sein können, sagt sie. Sie könne jetzt die Verantwortung nachempfinden, Kinder aus einer Welt herauszureißen und in eine andere zu versetzen.Julia Franck, die von Anfang an ein exzellentes Gespür für das Tempo des Erzählens hatte, die so meisterlich das Unaussprechliche in den Beziehungen zwischen zwei Menschen beschreiben kann, deren Worte den Leser im Band "Bauchlandung" so verführerisch auf einen schmalen Grat zwischen Realität und Imagination schickten, kommt mit "Lagerfeuer" mitten in das neue Interesse an der DDR. Es ist zwar, wie sie sagt, eine historische Geschichte, "aber sie hat ihre Blätter und Blüten in der Jetztzeit"."Lagerfeuer" erscheint dieser Tage beim DuMont Verlag Köln. Buchpremiere mit Julia Franck am Dienstag, dem 26. August, bei Dussmann, Friedrichstr. 90, 18 Uhr."Wenn man davon aus der kindlichen Perspektive erzählt, kann man leicht in einen Betroffen-heitston fallen. Den wollte ich überhaupt nicht. " BERLINER ZEITUNG/PAULUS ...

BLZ
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Es grenzte an ein Wunder, doch ihre Mutter hatte im Dezember 1978 ein für zwei Wochen gültiges Einreisevisum für die DDR bekommen. Das Wundersame daran war, dass Julia Franck, damals achtjährig, ihre drei Schwestern und die Mutter sich bereits seit Wochen im Notaufnahmelager Marienfelde befanden. Sie waren ausgereist, mit den entsprechenden Papieren. Republikflüchtlinge wurden solche Menschen im Osten genannt. Nun sollte aber Weihnachten den Kindern zuliebe noch einmal so sein wie früher, mit den Verwandten und Freunden. Weil die Mutter aber das Visum verbummelt hatte, mussten sie nun allnächtlich zum Bahnhof Friedrichstraße mit Winterkleidung über den Schlafanzügen, mit Gepäck und Baby, denn das jüngste Kind war noch nicht einmal ein Jahr alt. "Wir sind dann jede Nacht durch diese Labyrinthe im Tränenpalast gekrochen, durchs Nadelöhr in den Westen geschlüpft und wenig später auf der anderen Seite wieder eingereist", erzählt Julia Franck. Heute ist sie 33 und eine erfolgreiche Schriftstellerin. Bereits ihren ersten Roman "Der neue Koch", 1997 erschienen, hat die Kritik wohlwollend aufgenommen. Der zweite, "Liebediener", der merkwürdig unterkühlt von einer Dreiecksbeziehung erzählt, wurde als "die Liebesgeschichte der neunziger Jahre" gepriesen. Und mit einer Erzählung aus dem Band "Bauchlandung" gewann sie im Jahr 2000 einen Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Wenn zu jener Zeit die jungen Autorinnen zusammengefasst werden sollten, dann sprach man vom "Fräuleinwunder". Damals interessierten sich auch Zeitschriften wie Marie Claire und Vogue für Bücher, und kaum eine Rezension erschien ohne Foto. Auch Julia Francks Gesicht mit den hohen Wangenknochen, umrahmt von vollem schwarzen Haar, war oft zu sehen. Manche Kollegen witzelten, man könne ja statt der Bücher gleich die Fotos rezensieren. Jetzt ist alles anders bei Julia Franck. Erstens kann man sie partout nicht mehr in diese ohnehin lächerliche Kategorie stecken, weil sie inzwischen zwei Kinder hat. Und zweitens unterscheidet sich ihr neues Buch deutlich von den bisherigen. Waren sie im Kern auf das Beziehungsgeflecht zwischen zwei oder drei Menschen reduziert, öffnet sich dieses in eine politische Dimension. "Lagerfeuer" heißt der Roman, der jetzt in die Buchhandlungen kommt. Zum Gespräch darüber treffen wir uns im Café der Schaubühne in Charlottenburg, unweit ihrer Wohnung. Sie muss erreichbar sein, wenn das Baby sie braucht. Der Roman spielt fast ausschließlich im Notaufnahmelager Marienfelde in West-Berlin, irgendwann Ende der siebziger Jahre. Julia Franck, die mit der Mutter und den Schwestern fast ein Dreivierteljahr in dem Lager verbrachte, hat eigene Erfahrungen in dem Buch verarbeitet. Verarbeitet im Sinne von: benutzt. Hier findet weder eine allgemein gültige Geschichts-Aufarbeitung statt, noch eine Gefühlsschau, wie sich Klein-Julia in der Zwischenwelt zwischen Ost und West gefühlt habe. Dieser Roman erzählt von vier Personen beziehungsweise -gruppen, deren Wege sich in Marienfelde kreuzen. Da ist der amerikanische Geheimdienst-Mitarbeiter, der die Flüchtlinge verhört. Er soll Stasi-Spitzel unter den Einreisenden ausfindig machen. Da ist ein aus dem Gefängnis freigekaufter Schauspieler, der weder in seinem letzten Beruf noch mit einer der früher ausgeübten handwerklichen Tätigkeiten eine Anstellung findet. Da ist eine mittelalte Frau aus Polen, die mit ihrem krebskranken Bruder in den Westen kommt, um ihm die bestmögliche Versorgung zu verschaffen und am Ende mit dem senilen, unwilligen Vater übrig bleibt. Und da sind schließlich Nelly Senff und ihre beiden Kinder, für deren Gestaltung die Autorin eigenes Erleben literarisiert: Das Warten an der Grenze, die Enge im Zimmer mit den Etagenbetten, die Sachen aus der Kleiderkammer, der Weg nach draußen in die Schule.Die weihnachtliche Ein-und-Ausreise-Episode fehlt in dem Roman. Sie passte nicht zum Thema. "Mir war diese kurze Rückkehr damals sehr wichtig. Weil es für mich als Kind natürlich darum ging, wo fühle ich mich wohl, wo sind meine Freunde. So einen Roman aber aus der kindlichen Perspektive zu erzählen ist problematisch. Denn einerseits hat das Kind viele Dinge nicht gewusst, die für den Hintergrund der Geschichte wichtig sind. Andererseits kann man dabei leicht in einen Betroffenheitston fallen. Den wollte ich überhaupt nicht."Julia Franck gestaltet das Lager als einen Mikrokosmos, in dem die Menschen unter extremer Anspannung stehen. Sie befinden sich quasi auf der Schwelle einer Tür. Die Menschen im Lager sind dem Osten, den sie verlassen wollten, tatsächlich entkommen. Aber sie sind noch nicht angelangt im Westen. Sie warten auf Genehmigungen, auf Arbeit, auf Wohnraum, auf Geld. Unter den Flüchtlingen mag es Hilfsbereitschaft gegeben haben, aber die meisten lebten aneinander vorbei. Oder sie waren genervt von den Geräuschen, Gerüchen und von dem Anblick der anderen. Außerdem keimten immer wieder Verdächtigungen auf, dass sich Spitzel eingeschlichen haben könnten. Das alles entsteht sehr lebendig, ja, bedrückend aus den Zeilen dieses Buches.Im Gespräch relativiert die Autorin diesen Eindruck: "Es werden bestimmt viele Leute kommen und sagen, dass sie das Lager so nicht erlebt haben. Denn viele waren nur für vier, fünf Tage dort, bis dieses Aufnahmeverfahren abgeschlossen war. Das Lager als Ort ist ja für die Literatur insofern interessant, weil auf längere Zeit dort diejenigen stranden, die aus unterschiedlichen Gründen den Sprung nicht schafften."Ihre Mutter, Katharina Franck, war in der DDR Schauspielerin und hatte nach ihrem Ausreiseantrag keine Rollen mehr bekommen. Ihre Großmutter, die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, blieb im Osten. Sie stand zwar der Regierung kritisch gegenüber, beharrte aber darauf, im Staat selbst sich für dessen Veränderung einzusetzen. Julia und ihre Zwillingsschwester waren am Anfang der dritten Klasse, als sie ausreisten. Offene, fröhliche Kinder seien sie gewesen, aber von den West-Berliner Mitschülern wurden sie nur als Fremdkörper behandelt. Diese Ausgrenzung haben sie als so schrecklich empfunden, dass sie während der ganzen Zeit im Lager zurückwollten in die DDR. Wie es kommt, dass die Erinnerung noch so stark ist, dass ihr heute die Erlebnisse nicht wie eine graue Vergangenheit vorkommen? "Das liegt wahrscheinlich an dieser Zwillingssituation. Ich war sehr eng mit meiner Zwillingsschwester zusammen und wir haben alles, was wir erlebten, immer wieder besprochen. Vielleicht blieben so die Erinnerungen wacher." In ihrer Familie wurde jahrelang nicht mehr über das Lager geredet. Die Erfahrung wurde verdrängt. Die Mutter experimentierte auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein mit alternativen Lebensformen. Das brachte finanziell nichts ein. Aber auch wegen der Kinder war die Arbeit am Theater für sie unmöglich geworden. Sie lebten von Sozialhilfe. Die Mädchen trugen die Kleidung der älteren Schwestern auf oder zogen an, was ihnen aus der DDR geschickt wurde. "Das hat uns weiter in dieser Identität als Ostler verhaften lassen." Und als Julia Franck mit 13 Jahren allein nach West-Berlin zog, um fortan bei Freunden der Mutter zu wohnen, kamen die Erinnerungen an die ostfeindliche Atmosphäre wieder hoch. Also sagte sie nur, dass sie aus Norddeutschland kam, aber nicht, wo sie zuvor gelebt hatte. "Ich erinnere mich gut an einen Schulausflug in der 10. Klasse. Wir fuhren nach Sachsenhausen, um uns das Konzentrationslager anzusehen. Allein die Vorstellung, in den Osten reisen zu müssen, war für diese West-Berliner Klasse ein Graus. Da wurde gekichert und gepöbelt in dem Bus, es wurde über den Osten hergezogen, als ob es nach Sibirien ginge. Dementsprechend fielen die Proviantpakete aus. Einer holte tatsächlich Sauerkraut und Würstchen aus seinem Rucksack hervor." Julia Franck sagt, dass sie diese ganze Ablehnung auf sich selbst bezog, obwohl sie den anderen ihre Herkunft verschwiegen hatte. "Und dass diese Menschen drei, vier Jahre später beim Fall der Mauer in eine solche Euphorie fielen, das kam mir falsch vor."Marienfelde, der Bruch in ihrer Biografie, blieb in ihrem Kopf. Und sie erfuhr, dass andere diese Erinnerungen ebenfalls verdrängt hatten. Wie ja diese Notaufnahme- oder Übergangslager in Gießen, Friedland und Marienfelde auch im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielen. Dahinter lauert die Frage, wie ein Land mit seinen Flüchtlingen umgeht. Sie wird im Roman nicht gestellt, aber sie schwingt mit. Die Idee, darüber zu schreiben, reifte langsam. Sie hatte zunächst erwogen, ein Film-Drehbuch zu verfassen oder ein Theaterstück. Die Prosa aber schien ihr dann am meisten vertraut, deren literarische Mittel waren ihr bereits "geheurer", wie sie es nennt. Eine Freundin arbeitete an einem Dokumentarfilm über Marienfelde, die Zeitzeugen-Interviews gingen in das Hintergrundwissen der Schriftstellerin ein. Julia Franck befragte die Mutter, befragte Freunde der Familie und las in der Bibliothek Zeitschriften und Zeitungen aus jenen Jahren. Erhärtet hat sich dabei das Bild von der DDR-feindlichen Stimmung, die damals im Westen geschürt wurde. Ihr Schreiben wurde auch davon beeinflusst, dass sie jetzt selbst Mutter ist. Wenn man Kinder hat, müsse man ständig Entscheidungen für sie treffen, von denen man ahnt, dass es auch die falschen sein können, sagt sie. Sie könne jetzt die Verantwortung nachempfinden, Kinder aus einer Welt herauszureißen und in eine andere zu versetzen.Julia Franck, die von Anfang an ein exzellentes Gespür für das Tempo des Erzählens hatte, die so meisterlich das Unaussprechliche in den Beziehungen zwischen zwei Menschen beschreiben kann, deren Worte den Leser im Band "Bauchlandung" so verführerisch auf einen schmalen Grat zwischen Realität und Imagination schickten, kommt mit "Lagerfeuer" mitten in das neue Interesse an der DDR. Es ist zwar, wie sie sagt, eine historische Geschichte, "aber sie hat ihre Blätter und Blüten in der Jetztzeit"."Lagerfeuer" erscheint dieser Tage beim DuMont Verlag Köln. Buchpremiere mit Julia Franck am Dienstag, dem 26. August, bei Dussmann, Friedrichstr. 90, 18 Uhr."Wenn man davon aus der kindlichen Perspektive erzählt, kann man leicht in einen Betroffen-heitston fallen. Den wollte ich überhaupt nicht. " BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK

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