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Julian F.M. Stoeckel: „Nacktdating ist nicht die Abrissbirne der abendländischen Kultur“

Julian F.M. Stoeckel wird erster männlicher Moderator der Datingshow „Naked Attraction“. Viel spannender: Seine Zuneigung zu Kai Wegner und seine Abneigung zur Letzten Generation.

6 Min
Der Berliner Entertainer will „Naked Attraction“ einen neuen Anstrich verpassen, doch gegen den orangenen Anstrich der Letzten Generation am Brandenburger Tor hat er so einiges auszusetzen.  

Der Berliner Entertainer will „Naked Attraction“ einen neuen Anstrich verpassen, doch gegen den orangenen Anstrich der Letzten Generation am Brandenburger Tor hat er so einiges auszusetzen.  

© Markus Braumann/© WBD/discovery+

Das Format der Dating-Show ist eigentlich abgegrast, neue Konzepte müssen her. Bei  „Naked Attraction“ lautet die Aufgabe, die oder den Gezeigten „von unten nach oben“ zu bewerten: erst sieht man die Beine, dann die Körpermitte und schließlich das Gesicht – Dating „hautnah“ eben. Eine komische Vorstellung, doch die Flirtshow, bei der ein Single aus sechs nackten Kandidaten auswählt, ist weltweit bekannt. In Deutschland gibt es die Show schon, doch nun hat sie hier einen neuen Moderator.

Als erster Mann weltweit führt ab dem 5. Oktober Julian F.M. Stoeckel durch die Kuppel-Sendung, allerdings nicht mehr bei RTL2, sondern beim Streamingdienst Discovery+. Doch wie der Entertainer selbst zu der vielbesagten Oberflächlichkeit solcher Reality-Shows steht, ist nur ein Aspekt des Gesprächs mit der Berliner Zeitung. Noch spannender ist seine Nähe zum Regierenden Bürgermeister, den er „meinen Kai“ nennen darf, und seine Haltung zur Letzten Generation, die aktuell aufgrund des Farbanschlags auf das Brandenburger Tor in der Diskussion steht.

„Naked Attraction“: Wie Sauna oder FKK-Bereich?

„Im Vergleich zu ‚Adam sucht Eva‘ oder ‚Too Hot to Handle‘, wo Sex dazugehört, ist ‚Naked Attraction‘ ein arriviertes Format, in dem man einfach nur nackt ist – wie in der Sauna oder im FKK-Bereich“, behauptet Stoeckel. Er ist der Meinung, dass die Show durch ihn eine Art der Renaissance erfahren wird. Doch was hat das Dating-Format noch mit Liebe zu tun, wo doch primär nach dem Aussehen ausgewählt wird? Der neue Moderator begründet das mit dem veränderten Dating-Verhalten der Generationen X bis Y: „Wenn ich überlege, wie meine Mutter meinen Vater oder meine Großmutter meinen Großvater kennengelernt hat, dann sind wir da heute ganz weit von entfernt.“

Der Schritt dorthin zurück sei nicht mehr möglich. Deswegen ist Stoeckel sich sicher: Nacktdating ist nicht die „Abrissbirne der abendländischen Kultur“, sondern lediglich eine andere Form des Datings. Bei der Sendung sei die Möglichkeit von extrem oberflächlich bis hin zu sehr tiefgründig gegeben, behauptet der Berliner. Schließlich sei es ein buntes, queeres, unterhaltsames Kultformat, das er übrigens mit Rudi Carrells Flirtshow „Herzblatt“ vergleicht – hoch gegriffen, ob es sich bewährt, wird sich ab Oktober zeigen. 

Durch seine bisexuelle Orientierung gebe es vor allem einen Vorteil gegenüber der vorherigen Moderatorin Milka Loff Fernandes.

Durch seine bisexuelle Orientierung gebe es vor allem einen Vorteil gegenüber der vorherigen Moderatorin Milka Loff Fernandes.

© © WBD/discovery+/Markus Braumann

Die eigentliche Frage ist jedoch, ob solche Formate überhaupt Zukunft haben, immerhin ist gezeigte Nacktheit in Reality-Shows nichts Neues mehr. Selbst Stoeckel räumt ein: „Natürlich sieht man in solchen Formaten immer wieder dieselben Kandidaten; gerade im Reality-Bereich geht es oft darum, sich bis zum Letzten die Blöße zu geben, bis es eben kracht.“ Die Lust am Voyeurismus des Publikums sei enorm gestiegen. So habe selbst das Dschungelcamp, das Stoeckel zum Reality-TV-Star machte, bei den Menschen nicht mehr die Strahlkraft, die es vor zehn Jahren hatte. „Heute ist das Format der Star, nicht mehr die Menschen, die daran teilnehmen.“ So sieht er, der sich selbst als „bunten, queeren Paradiesvogel“ beschreibt, es auch bei „Naked Attraction“: Die Show ist der Star, der Moderator Stoeckel ist der „Zirkusdirektor“.

Julian F.M. Stoeckel zur CDU: „Was heute konservativ ist, war früher klassisch“

Beim Moderations-Casting musste sich der 36-Jährige gegen drei Frauen durchsetzen. Dass die Wahl auf ihn fiel, habe für den Streamingdienst vor allem einen Vorteil: Durch seine bisexuelle Orientierung könne er sich sowohl in die Perspektive der weiblichen als auch der männlichen Kandidaten versetzen. Die vorherige Moderatorin der Show, Milka Loff Fernandes, hat sich nach Stoeckels Auffassung den Kandidaten gegenüber eher „kühl“ und „distanziert“ verhalten. Das solle nun anders sein, sagt der bunte Paradiesvogel. 

Seiner Auffassung über sich selbst steht seine politische Ausrichtung gegenüber. So „bunt“ Stoeckel sich auch beschreibt, so konservativ ist er: Während der Neuwahlen in Berlin hat er sich öffentlich für die FDP und CDU ausgesprochen. Wie zufrieden ist er nun mit dem amtierenden Regierenden Bürgermeister? „Also Kai Wegner kenne ich schon eine ganze Weile“, sagt er. „Ich darf ‚mein Kai‘ zu ihm sagen.“ Wegner sei der erste Politiker gewesen, der im vergangenen Jahr auf Stoeckels Einladung zum Christopher Street Day reagierte und auf seinem Truck mitfuhr. „Was heute konservativ ist, war früher klassisch“, behauptet Stoeckel. „Klar bezeichne ich mich als bunt und lustig, aber meine Werte sehe ich meistens bei der FDP und CDU vertreten.“

Doch nicht immer war er auf der Seite der Konservativen: „Ich mochte Gerhard Schröder, aber zu ihm darf man heutzutage weder Sympathie noch überhaupt irgendetwas empfinden.“ In der Vergangenheit war er nach eigenen Angaben SPD-Wähler, doch die Sozialdemokraten hätten ihn enttäuscht – vor allem die ehemalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey. Er habe nichts gegen ihre Person, aber vorangebracht habe sie in der Hauptstadt nichts – „außer Fahrradwegen“.

Schnell merkt man, dass Stoeckels Meinung zu den Grünen auch nicht besser ist, die wären heute nur noch „Wischiwaschi“. Beispielsweise durch Annalena Baerbock, die nicht zwischen Kobold und Kobalt unterscheiden könne. Damit spielt er auf ihren Versprecher im ARD-Sommerinterview vom Juli 2019 an. 

Stoeckel: „Das Brandenburger Tor steht nicht für Krawall, sondern für Freiheit“

Auch für die Klimakleber hat Stoeckel wenig übrig. Protest sei zwar in einer Demokratie absolut wichtig, solle weder verboten noch durch Polizeigewalt stillgestellt werden. Sobald aber Demonstranten anfangen würden, privaten Besitz oder Wahrzeichen wie das Brandenburger Tor zu beschädigen, höre sein Verständnis auf. „Das Brandenburger Tor steht nicht für Krawall, sondern für Freiheit“, sagt der Entertainer. „Es hat schlimme Zeiten überlebt und wenn so freche Gören aus der Mittelschicht glauben, eine Art Nationalgut zerstören zu dürfen, schaffen sie dadurch kein Umdenken, im Gegenteil.“ Es seien schlichtweg Rebellen, die meinen, sie müssten die Welt verändern. Die Kosten von 35.000 Euro sind laut dem TV-Star nicht genug: „Die müssen zusätzlich eine so dicke Geldstrafe bekommen, dass sie umfallen.“

Auf die Frage, welche Sendung Stoeckel kreieren würde, wenn er die Mittel dafür hätte, lautet Stoeckels Antwort prompt: Einen Roadtrip durch die Vereinigten Staaten, bei dem er Prominente, wie Ross Antony, Harald Glööckler oder Olivia Jones in einem Oldtimer begleitet. „Als eine Art Schnitzeljagd, bei der jeder Aufgaben lösen muss“, sagt er. Ab dem 5. Oktober ist aber erst mal „Naked Attraction“ an der Reihe, worauf 15 weitere Ausstrahlungen bei Discovery+ folgen.

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