Alles begann mal vor mehr als 118 Jahren im Leipziger Mariengarten. Dort versammelten sich die Delegierten aus 86 Vereinen, um den Deutschen Fußball-Bund (DFB) am 28. Januar 1900 aus der Taufe zu heben. Insofern hält der Verband bis heute eine besondere Bande in die Messestadt, die am gestrigen Abend Schauplatz für das letzte Freundschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft in diesem Jahr war. Und endlich einmal gab es mal etwas zu feiern: Mit einem in der ersten Halbzeit überzeugenden 3:0 (3:0) gegen Russland verbuchte die DFB-Auswahl ein lange vermisstes Erfolgserlebnis.
In der Arena am Elsterbecken spielte sich die nachrückende Garde eine Hälfte eindrucksvoll in den Vordergrund und landete nach Treffern von Leroy Sané (8.), Niklas Süle (25.) und Serge Gnabry (40.) den höchsten Sieg des Jahres. Neben den Torschützen macht vor allem der erfrische Auftritt von Talenten wie Kai Havertz oder Thilo Kehrer gleichermaßen Mut für die Zukunft, wobei eines an diesem kühlen Novemberabend vor dann doch 35.288 Zuschauern nicht verschwiegen werden sollte: Einen besseren Aufbaugegner als diese indisponierte russische Verlegenheitself hätte es nicht geben können.
Nach herrlichem Pass von Kai Havertz erzielte Serge Gnabry (l.) den Endstand.
© imago/Bernd König
Bundestrainer Joachim Löw dürfte es herzlich egal gewesen sein, dass sein Gegenüber Stanislaw Tschertschessow eine mit den ehemaligen Bundesligaspielern Roman Neustädter und Konstantin Rausch bestückte Mannschaft schickte, die anfänglich das deutsche Tempo kaum einbremsen konnte. Wie schon im Nations-League-Duell in Frankreich (1:2) durften sich in vorderer Reihe Sané (22 Jahre), Gnabry (23) und Timo Werner (22) nach Herzenslust austoben. Und weil frisches Blut nicht schaden kann, feierte Kai Havertz (19) sein Debüt in einer deutschen Elf, die mit 24,46 Jahren die jüngste des Jahres sein sollte. Angeordnet in einer 3-4-3-Formation, wobei Süle gab in der Dreierkette mit Antonio Rüdiger und Matthias Ginter den souveränen Abwehrchef spielte.
Bereits nach acht Minuten führte eine Musterkombination über den immer wieder über die rechte Seite anschiebenden Kehrer und den in die Mitte passenden Gnabry zur 1:0-Führung, die Sané mit seinem ersten Länderspieltor besorgte. Der Tempodribbler von Manchester City hätte eigentlich sofort nachlegen müssen, setzte aber nach Musterflanke von Havertz seinen Kopfball zu ungenau an (23.). So besorgte eben der aufgerückte Süle nach einer von Rüdiger verlängerten Ecke das 2:0. Für den gebürtigen Frankfurter war es ebenfalls das erste Länderspieltor. Immer dann, wenn das deutsche Ensemble die Vertikalpässe in die Spitze spielte, liefen die Russen nur hinterher. Anschauungsunterricht dafür war das von Havertz sehenswerte eingeleitete 3:0, bei dem Gnabry seine bärenstarke Vorstellung krönte. Der Irrwisch ist in dieser Verfassung ein echter Gewinn, und Löw hatte am Vorabend ja bestätigt, schon für die WM 2014 seine Nominierung erwogen zu haben. Die Besucher jedenfalls gaben zumindest beim Torjubel ihre ansonsten gepflegte Zurückhaltung auf. „Das war eine Halbzeit, in der wir nach langer Zeit mal wieder Freude hatten“, sagte Joachim Streich am Pausenmikrofon. Der „Gerd Müller des Ostens“ glaubt nun, dass die Mannschaft wieder ihre „innere Ruhe“ findet.
Böses Foul an Jonas Hector
Zu viel Gelassenheit ist für die Jungspunde aber auch nicht leistungsfördernd, wie der Wiederbeginn zeigte. Aleksey Ionov hätte beinahe das Anschlusstor erzielt (48.), dann rettete Jonas Hector auf der Linie (54.). Der deutsche Elan verpuffte von Minute zu Minute, auch wenn auf den Rängen die La-Ola-Welle noch die Runde machte. Betroffenheit herrschte, als ein törichtes Foul von Aleksandr Erokhin Linksverteidiger Hector außer Gefecht setzte, denn der Tritt auf den Knöchel sah übel aus (64.). Ärgerlich, dass der Spielfluss – auch gehemmt durch nun zahlreiche Wechsel – ziemlich zum Erliegen kam. Der nach seiner Einwechslung sehr bemühte Thomas Müller kam in seinem 99. Länderspiel einem vierten Treffer noch am nächsten.
„Dieser Sieg hat einen großen Stellenwert für uns", sagte Manuel Neuer am RTL-Mikrofon. „Wir wollen uns mit zwei Siegen aus dem Jahr verabschieden."
Am Freitag entscheidet sich in der Nations-League-Partie zwischen den Gruppengegnern Niederlande und Frankreich, welchen Stellenwert das abschließenden Heimspiel gegen den Nachbarn Niederlande (Montag 20.45 Uhr/ARD) besitzt – ob dann auf Schalke überhaupt die Möglichkeit besteht, den Abstieg aus der A-Gruppe noch abzuwenden. Aber Löw findet ja mittlerweile ohnehin, dass die EM 2020 und die im März 2019 beginnende Qualifikation das nächste große Ziel ist, dem alles untergeordnet werden müsse. Fingerzeige, welchem Personal der Bundestrainer dann am besten vertraut, hat es in der Gründungsstadt des deutschen Fußballs gestern ausreichend gegeben.
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