Als sie 19 Jahre alt war, begann Setareh Maghsudi Deutsch zu lernen. Die junge Iranerin hatte zu der Zeit gerade mit dem Elektrotechnik-Studium an der Universität in Teheran begonnen. „Deutschland fand ich schon damals verlockend, und ich liebäugelte damit, mein Studium dort fortzusetzen“, erzählt sie. Der Plan ging auf. Heute, mit 33 Jahren, hat sie eine Juniorprofessur an der Technischen Universität (TU) Berlin und forscht am Einstein Center Digital Future, kurz ECDF.
4 Millionen
Berlin wächst und wächst. Die Stadt wird immer größer, vielversprechender und auch herausfordernder. 2030 werden vier Millionen Menschen in Berlin leben.
Auf berliner-zeitung.de werfen wir in den kommenden Tagen für Sie einen Blick in die Zukunft: 4 Millionen, die wachsende Stadt, Berlin 2030.
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Für den Posten in Berlin brach Setareh Maghsudi einen Postdoc-Aufenthalt an einer der renommiertesten Universitäten der Welt ab, der Yale University in New Haven, USA. Es war nicht nur die Professur in Deutschland, die sie reizte, sondern auch das Einstein Center, das Berlin zum Hotspot der digitalen Forschung machen soll.
Das interdisziplinäre Zentrum, an dem sich alle vier Berliner Universitäten beteiligen, wurde im April 2017 gegründet, um die Digitalisierung der Gesellschaft in all ihren Facetten zu erforschen. Innerhalb von sechs Jahren erhält das ECDF 38,5 Millionen Euro, 50 neue Professuren sind vorgesehen.
Eine bitterkalte Stadt
Vorigen August kam Maghsudi nach Berlin und forscht hier nun unter anderem zu Aspekten verteilter Steuerung in Drahtlosnetzwerken. „Dabei geht es etwa darum, komplexe Systeme wie das Internet der Dinge, in dem alle möglichen Geräte miteinander vernetzt sind, so zu formieren, dass sie sich weitgehend selbst organisieren“, erläutert sie.
Völlig neu war Berlin nicht für sie, denn Maghsudi hat bereits ihre Doktorarbeit an der TU geschrieben. „Das erste Mal war ich hier Anfang 2011. Ich hatte ein Bewerbungsgespräch für eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin“, berichtet die Forscherin. Von diesem ersten Kontakt mit der Stadt hat sie vor allem in Erinnerung, dass es bitterkalt war. Kein Wunder, schließlich kam sie damals aus Kiel, wo das Meeresklima die Winter erträglicher macht.
Der Wechsel nach Berlin
Kiel war Maghsudis erste Station im Ausland. Im Rahmen eines internationalen Programms, für das sie sich von Teheran aus beworben hatte, absolvierte sie dort ihr Masterstudium in Digitaler Kommunikation. Der Wechsel in die knapp 250.000 Einwohner zählende Stadt war krass für sie. „Ich kam aus Teheran, wo es stets lebhaft, voll, laut und stickig ist, weil dort mehr als acht Millionen Menschen leben“, erzählt sie.
Es fiel ihr dann aber gar nicht so schwer, sich an das beschauliche Leben zu gewöhnen. „Manchmal war es schon ein bisschen langweilig“ sagt sie. „Kiel ist so eine Stadt, in der sogar im Sommer samstagabends um sechs kaum noch etwas los ist.“
Der Wechsel nach Berlin kam ihr also durchaus gelegen. „Man hat hier wirklich das Gefühl, in einer Großstadt zu leben. Es ist aber nicht so überfüllt wie in Teheran. Trotz der mehr als dreieinhalb Millionen Menschen ist die Stadt recht relaxed“, sagt sie. Das Berlin-Feeling gefällt ihr. Auch dass die Stadt so bunt ist und viele Kulturen aufeinandertreffen, mag sie sehr. „Die Geschichte der Stadt mit ihrer Teilung zu DDR-Zeiten finde ich ebenfalls spannend“, sagt Setareh Maghsudi.
Auf sechs Jahre befristet
Entscheidend für die Nachrichtentechnikerin ist aber, dass die Wissenschaft in Berlin zurzeit floriert. „Es tut sich viel im Bereich Digitalisierung und Digitale Transformation. Das ist für mich natürlich ideal“, sagt sie. Allerdings ist ihre akademische Karriere mit der Juniorprofessur noch nicht abgesichert. Die Stelle ist auf sechs Jahre befristet.
Eine sogenannte Tenure-Track-Professur wäre ihr zum Beispiel lieber. Dieses in Ländern wie den USA schon länger existierende Karrieremodell, das nach einer befristeten Bewährungszeit eine Professur auf Lebenszeit vorsieht, gibt es erst seit kurzem vermehrt auch an deutschen Universitäten.
Sowohl die Juniorprofessur, die hierzulande im Jahr 2002 eingeführt wurde, als auch der Tenure-Track-Weg dienen dazu, sich für eine Lebenszeitprofessur zu qualifizieren. Für Juniorprofessoren gibt es dafür aber keine vertragliche Zusicherung, beim Tenure-Track-Modell dagegen schon.
Gute Leistung ist wichtig
Angela Ittel, Vizepräsidentin der TU Berlin, kann die Zukunftssorgen von Setareh Maghsudi verstehen. „Mit ihrem Forschungsthema ist sie in Berlin aber genau richtig. Und eine gewisse Perspektive gibt es durchaus: Das Land Berlin hat uns in Aussicht gestellt, dass ein Teil der ECDF-Juniorprofessoren verstetigt werden soll“, sagt sie.
Letztendlich komme es jedoch auf gute Leistungen an, denn bei beiden Karrierewegen werde nach einer bestimmten Zeit evaluiert. „Mit einem positiven Evaluierungsergebnis hat man auch als Juniorprofessor gute Chancen auf eine höher dotierte, unbefristete Stelle an einer Universität in Deutschland oder international“, sagt Angela Ittel.
Der Traum von der eigenen Wohnung
Setareh Maghsudi will ohnehin gut sein. Zehn Stunden täglich an sechs Tagen die Woche zu arbeiten, ist für sie normal. Deshalb ist sie noch gar nicht dazu gekommen, die Möblierung ihres Büros im Neubau der Elektrotechnischen Institute auf dem TU-Campus zu organisieren. Sie ist für die Übergangszeit in die sechste Etage des Gebäudes für Hochfrequenztechnik gezogen, wo sie auch während ihrer Dissertation gearbeitet hat. „Vielleicht schaffe ich es in den nächsten Semesterferien, die Möblierung zu organisieren“, sagt sie.
Auch ihre private Wohnsituation würde sie gerne ändern und aus der Wohngemeinschaft in Schöneberg ausziehen, bei der sie untergekommen ist. „Wenn ich aber mal dazu komme, eine Wohnung zu besichtigen, sind da stets sehr viele weitere Kandidaten“, seufzt sie. Wenn ihre Eltern demnächst mal wieder aus Teheran zu Besuch kommen, wird sie ihnen also wohl kein Gästezimmer anbieten können.
Ein unabhängiges Leben
Trotzdem ist ihre Familie zufrieden mit ihrer Tochter, die nach Deutschland ging. „Mein Vater hat selbst in den USA studiert und wollte immer, dass wir die Welt sehen und ein unabhängiges Leben führen“, erzählt Setareh Maghsudi. Die junge Frau hat schon viel geschafft. Nun würde sie sich in Berlin gerne auf Dauer einrichten. So gut, wie sie bisher alle Herausforderungen gemeistert hat, sollte auch das klappen.
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