Am 6. Juni 2023 zerstörten russische Besatzungskräfte den Nowa-Kachowka-Damm und lösten somit eine Katastrophe aus, die gravierende Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt bedeutet. Wir sprechen von einem russischen Kriegsverbrechen, das die Absicht verfolgt, alles, was sich nicht zwanghaft in die „russische Welt“ eingliedert, zu zerstören. Während man in Deutschland und anderswo noch spekuliert, wer den Nowa-Kachowka-Damm gesprengt oder zerstört hat, war das für Menschen in der Ukraine von Anfang an klar, dass russland* verantwortlich ist. russland hat das Gebiet seit Februar 2022 besetzt, und im Oktober 2022 warnte die ukrainische Regierung bereits davor, dass der Damm von der russischen Armee vermint wurde. Fest steht ohnehin: Ohne den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gäbe es diesen Dammbruch nicht – und das macht russland zum allein Schuldigen.
Anstatt über die tatsächlichen Geschehnisse vor Ort zu informieren und den Opfern zu helfen, entstand zunächst eine Diskussion darüber, ob möglicherweise die Ukraine selbst für die Zerstörung verantwortlich war oder ob es sich um einen „natürlichen“ Zusammenbruch handelte. Viele von uns fühlten sich an den russischen Abschuss des Passagierflugzeugs MH17 im Juli 2014 erinnert, wo die russische Propaganda verschiedene Theorien über den Abschuss verbreitete, sodass viele außerhalb der Ukraine unschlüssig waren, wer die Verantwortung trug. Inzwischen stellte sich heraus, dass Igor „Strelkow“ Girkin, ein ehemaliger russischer Geheimdienstoberst, einer der Hauptbeteiligten an diesem Verbrechen war. Die Strategie, möglichst viele verschiedene Varianten des Geschehens in Umlauf zu bringen, ist eine bewährte Methode des Kremls, um seine Verbrechen international zu verschleiern.
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Die Diskussionen über die Schuldfrage verschwenden wertvolle Zeit, in der den Menschen vor Ort geholfen werden könnte. Wenig davon ist in den letzten Tagen seit dem Dammbruch geschehen, wenn man internationale Organisationen betrachtet. Ukrainische Zivilist:innen riskieren ihr Leben, um andere unter russischem Artilleriebeschuss aus den überfluteten Gebäuden zu retten, während internationale Hilfsorganisationen noch nicht vor Ort sind. russland sitzt ironischerweise immer noch im Uno-Sicherheitsrat, obwohl es Evakuierungen und Hilfe vor Ort verwehrt. Es gibt private Helfer:innen und kleine Organisationen, die aus dem Ausland kommen, um zu unterstützen. So hat etwa die Hilfsorganisation Berlin2Borders ein Team in Cherson, um dort mit vier Booten bei den Evakuierungen zu helfen, sagt uns Chris Knickerbocker, einer der Ehrenamtlichen des Vereins. Doch trotzdem sind es vor allem Ukrainer:innen selbst, die die Hilfe organisieren.
Vitsche-Aktivisten nehmen nach der Sprengung des Kachowska-Damms an einem Protest am Berliner Schlachtensee teil.
© Arthur Yatsenko
„Völkermord, anders kann man das Geschehen nicht beschreiben“
Einer der Menschen vor Ort, der bei der Evakuierung der betroffenen Menschen und Tiere unterstützt und journalistisch begleitet, ist der ukrainische Journalist Alex Babenko, der sich gerade in Cherson befindet. Er beschreibt die aktuelle Lage in den betroffenen Gebieten: „In der vorletzten Nacht begann das Wasser in der Stadt Cherson durchschnittlich um 20 cm zu sinken. Die Evakuierungen neigen sich dem Ende zu, die wichtigsten Tage waren die ersten drei, jetzt sind kaum noch Menschen da. Das Hauptproblem ist, dass die Menschen ihr Zuhause verloren haben. Aber die größere Schwierigkeit besteht darin, dass die Menschen in den besetzten Gebieten keine Möglichkeit zur Evakuierung bekommen. In der besetzten Stadt Oleschky wird auf die Menschen geschossen, sie dürfen nicht weg. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, Völkermord, anders kann man das Geschehen nicht beschreiben. Aber die Menschen werden einfach auf den Dächern ihrer Häuser unter der 30-Grad-Sonne ermordet. Sie sterben an Durst, Mangel an Nahrung und Hitze. Die russische föderation führt Krieg und beschießt die Evakuierungsboote, sodass sie die besetzte Stadt Oleschky und andere 400 Quadratkilometer des überfluteten Territoriums der Ukraine nicht erreichen können, wo Tiere und Menschen sterben.“
Babenko bestätigt als Augenzeuge den Beschuss der Rettungskräfte und Journalist:innen durch die russische Armee: „Von Zeit zu Zeit beschießen [russische Streitkräfte] uns mit Artillerie, wenn wir auf dem Wasser unterwegs sind. Deshalb ist die Evakuierung, die Arbeit der Presse, jede Maßnahme zur Verbesserung dieser Situation schwierig umzusetzen, weil ein Krieg im Gange ist. Und russland, so scheint es mir, hat wieder einmal gegen alle Regeln des Krieges verstoßen und greift humanitäre Missionen an, die mit der Evakuierung beschäftigt sind.“
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„Es gibt hier viele Opfer, viele Probleme, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was seit neun Jahren in den Regionen Donezk und Luhansk und [seit 1,5 Jahren] in den besetzten Gebieten passiert. Das Einzige, was nach dieser Tragödie getan werden muss, ist, Schlussfolgerungen zu ziehen und zu verstehen, dass wir die ukrainischen Gebiete so schnell wie möglich befreien müssen. Denn es besteht die Gefahr, dass [die russische Armee] dort einfach anfängt, Menschen zu töten, wie sie es jetzt in Oleschky und anderen besetzten überfluteten Gebieten tut.“
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Ukrainer:innen auf sich allein gestellt
Neben der aktuellen Katastrophe werden auch die Auswirkungen der Dammzerstörung verheerend sein. Das kontaminierte Wasser enthält Minen, Abwasser, Leichen und große Mengen an Maschinenöl. Die Wasserversorgung für Ackerland ist im Süden des Landes dezimiert, und Hunderttausende Menschen haben keinen Zugang zu Trinkwasser. Das Wasser fließt flussabwärts in das Schwarze Meer und bedroht das lokale Ökosystem. Die ukrainische Wüste Oleschky-Sande und das Biosphärenreservat Schwarzes Meer sind besonders gefährdet und man weiß nicht, was es für diese und andere Naturschutzgebiete und einzigartige Ökosysteme bedeuten wird. Die Sorge ist, dass sie dauerhaft zerstört werden könnten. „Von den Orten meiner Kindheit wird bald nichts mehr da sein“, sagt ein Vitsche-Aktivist, der aus dem Südosten der Ukraine stammt.
Vom Schaden der Sprengung sind nicht nur Menschen, Tiere und Natur betroffen, sondern auch das kulturelle Erbe der Ukraine. In der stark betroffenen Stadt Oleschky befand sich das berühmte Haus der ukrainischen Künstlerin Polina Raiko, das nun komplett überflutet ist. Mit 69 Jahren hat die Malerin angefangen, direkt an den Wänden ihres Hauses Kunstwerke zu erschaffen, die für die ukrainische Kunstgeschichte einen hohen Wert darstellen. Es ist zu bezweifeln, dass die russische Besatzungsmacht versucht, die Kunstwerke zu retten.
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In Berlin bleibt die ukrainische Community nicht tatenlos. Am Samstag, 10. Juni, um 12.00 Uhr, organisierte der Verein Vitsche am Berliner Schlachtensee einen performativen Protest im Wasser, um auf die schreckliche Katastrophe und ihre Folgen aufmerksam zu machen. Die Organisatorin des Protests Vlada Vorobiova sagt dazu: „Wir wenden uns an die deutschen Medien sowie auch an die internationalen Organisationen und bitten um mehr Unterstützung der Menschen in der Ukraine, die von dieser Katastrophe betroffen sind. Wir müssen die Wahrheit über alle russischen Kriegsverbrechen, darunter die Sprengung des Staudamms in Nowa Kachowka am 6. Juni, verbreiten und russland zur Rechenschaft ziehen!“
Die Sprengung des Nowa-Kachowka-Staudamms sollte als Härtetest gesehen werden. Bleibt eine eindeutige internationale Reaktion auf dieses Kriegsverbrechen aus, kann sich die russische Führung dazu ermuntert sehen, die verbrecherische Kriegstechnik der „verbrannten Erde“ auszuweiten. Eine besondere Angst ist, dass russland das Atomkraftwerk in Saporischschja nicht nur als Drohung einsetzt, sondern als Waffe. Um das zu verhindern, müssen die Partner der Ukraine die militärische Hilfe ausweiten, sich nicht von der Desinformation des Kremls verunsichern lassen und der Ukraine helfen, diesen Krieg zu gewinnen.
*Anmerkung zur Kleinschreibung von „russland“ der Gruppe Vitsche: Der Aggressorstaat wird von uns absichtlich mit kleinem „R“ geschrieben. Hinter dem russischen Angriffskrieg steckt der seit Jahrhunderten unaufgeklärt gebliebene Imperialismus russlands sowie der Mythos der russischen Überlegenheit, die das Land tief prägen. Die Achtung und der Respekt, die die Großschreibung von Personen- und Staatsnamen symbolisiert, geben Ukrainer:innen dem Aggressor nicht.
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