Kreuzberg steckt in den 1970ern in einer Umbruchphase. Der Senat plant eine "Kahlschlagsanierung" für den Bezirk - marode Altbauquartiere werden abgerissen, anschließend werden Neubauten hochgezogen. Das sorgt für günstige Mietverträge "bis zum Abriss" und eröffnet Möglichkeiten, die es sonst nirgends in der Bundesrepublik gibt. Einige Berliner und Zugezogene nutzen die Gelegenheit und besetzen alte Häuser, denen der Abriss droht.
So zum Beispiel das Georg-von-Rauch-Haus am Mariannenplatz in Kreuzberg, das im Dezember 1971 besetzt wurde. Es war nur eines von mehreren Gebäuden auf dem Bethanien-Gelände. Das ehemalige Schwesternwohnheim steht neben dem heutigen Künstlerhaus Bethanien. Benannt wurde das Haus nach dem Anarchisten Georg von Rauch, der im Dezember 1971 in West-Berlin erschossen wurde. Die Band "Ton Steine Scherben" um ihren Frontmann Rio Reiser widmete ihm 1972 den Rauch-Haus-Song.
Tristesse in Berlin: Eine Familie betrachtet den Kahlschlag in Kreuzberg, 1974. Die Kahlschlagsanierung im Bezirk sorgte für günstige Mietverträge bis zum Abriss und eröffnete neue Freiräume.
© Jutta Matthess Lizenz
Nach der Besetzung des Georg-von-Rauch-Hauses, 1972. Es war lange Zeit Anlaufstelle für Obdachlose und Jugendliche. Im Dezember 2011 brannte das Haus nach einem Brandanschlag aus.
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Mädchen verkaufen die Kinderzeitschrift „Keule“ bei einem Fest auf dem Mariannenplatz, 1. Mai 1972.
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Kinder spielen in Kreuzberg, wo einst ein Haus stand, 1974.
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Tauziehen beim Fest auf dem Mariannenplatz, 1. Mai 1972 . Im Hintergrund sieht man die Protestausstellung zur Sanierungsabsicht des Senats.
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Straßenspiele in der Naunynstraße, 1974.
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Bei Mahmud zu Hause, Kreuzberg, 1974.
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Mitten in diesem Umbruch im heutigen Szenebezirk fand die Fotografin Jutta Matthess ihre Motive. 30 ihrer Fotografien, die die wilde Zeit in Kreuzberg festhalten, sind derzeit und noch bis August im Friedrichshain-Kreuzberg-Museum (FHXB) zu sehen. Matthess, die mit 18 Jahren nach Berlin zog, fotografierte bereits die Straßenszenerien in New York, Paris und San Francisco. Auch die Besetzung auf dem Bethanien-Gelände hielt sie mit der Kamera fest. In den 70ern fängt sie die Unbefangenheit dieser Jahre in Kreuzberg ein; die Ausstellung zeigt den Umbruch aus der Perspektive der Szene, inmitten von Festen auf dem Mariannenplatz, in Wohnzimmern von Gastarbeitern und alternativ besetzten Räumen.
Genau diese bunte, spannende Mischung machte und macht bis heute den Bezirk Kreuzberg aus. "Der Kiez ändert sich seit Jahren dramatisch. Alte Bewohner müssen ihre Wohnungen verlassen, weil Zugezogene sanierte Häuser beziehen wollen und mehr Geld für Mieten ausgeben", so Kuratorin Sophie Perl. "Die soziale Mischung ist bedroht." Auch um auf diese Gentrifizierungsproblematik aufmerksam zu machen, widmet das Museum der besonderen Zeit voller Freiheit, Aufbruch und Kreativität eine Ausstellung.
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DAS IST UNSER HAUS! KREUZBERG ANFANG DER 1970ER JAHRE
Fotografien von Jutta Matthess
8. Mai bis 2. August 2015
Mi–So, 12–18 Uhr
Glasturm des FHXB Museums
Adalbertstraße 95a, 10999 Berlin
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