Finanzminister Christian Lindner (FDP) will sie abbauen, andere wollen sie gleich ganz abschaffen: die kalte Progression. Denn sie wirkt sich für untere und mittlere Einkommen besonders negativ aus. Doch was ist das eigentlich, die kalte Progression? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
1. Was ist die kalte Progression?
Grob gesagt versteht man unter einer kalten Progression, dass sich Arbeitnehmer trotz einer Gehaltserhöhung weniger leisten können als zuvor. Das passiert, wenn zum einen die Inflation steigt und Waren und Dienstleistungen teurer werden. Bei einer stark steigenden Inflation können sich einige Menschen sogar mit mehr Geld in der Tasche weniger kaufen als vorher. Als zweiter Faktor wirkt außerdem die Steuerprogression: Wer eine Gehaltserhöhung bekommt, zahlt unter Umständen auch mehr Steuern, wenn er über eine bestimmte Grenze gelangt. Das Mehr an Gehalt wird somit zum Teil aufgefressen. Liegt die Gehaltserhöhung prozentual dann noch unterhalb der Inflationsrate bedeutet das real einen Einkommensverlust: die kalte Progression ist eingetreten.
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2. Wen trifft die kalte Progression besonders?
„Vor allem Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen leiden unter der kalten Progression“, erklärt der Lohnsteuerhilfeverein Vereinigte Lohnsteuerhilfe (vlh). Der Grund dafür liege im deutschen Einkommensteuersystem. So sind Einkommen von bis zu 10.347 Euro im Jahr steuerfrei. Liegt das Einkommen nur einen Euro darüber, wird dieser mit 14 Prozent besteuert. Je höher das Gehalt ist, desto höher ist auch der Steuersatz.
Allerdings steigt der Steuersatz bei niedrigen Einkommen viel schneller an als bei höheren Einkommensstufen. Ab einem Jahreseinkommen von 58.597 Euro gilt der Steuersatz von 42 Prozent – mehr werden es nicht. Deshalb wirkt sich die kalte Progression bei besser Verdienenden deutlich weniger aus als im unteren Einkommensbereich, wo mit einer Gehaltserhöhung schnell mal auch mehr Steuern gezahlt werden müssen als zuvor.
3. Was tut die Bundesregierung, um die kalte Progression abzumildern?
Seit 2013 wird der Steuertarif an die erwartete Inflationsrate angepasst – allerdings nur alle zwei Jahre. Das führt dazu, dass es zeitweise eben doch zu Effekten der kalten Progression kommt, weil die Maßnahmen häufig erst zeitversetzt wirken. Fachleute empfehlen daher, Steuertarife künftig jährlich statt nur alle zwei Jahre zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Andere Staaten, wie die USA, Frankreich oder die Schweiz machen das bereits so – zuletzt hat auch Österreich eine jährliche Anpassung der Steuertarife an die Inflation beschlossen.
Dass das derzeit in Deutschland noch nicht der Fall ist, kritisiert unter anderem der Bund der Steuerzahler. So hat Finanzminister Christian Lindner zwar auch gerade eine Anpassung des Steuertarifs vorgestellt, um die kalte Progression abzumildern. Diese soll aber erst 2023 in Kraft treten. Für 2022 hatte die Ampel den Grundfreibetrag, also das Einkommen, bis zu dem keine Steuer gezahlt werden muss, lediglich um drei Prozent angehoben, die Inflationsprognosen für das laufende Jahr seien aber jetzt schon viel höher, so der Bund der Steuerzahler.
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Im Juli lag die Inflationsrate weiterhin über sieben Prozent. Viele Menschen sind somit faktisch von der kalten Progression betroffen. Nach den Plänen von Lindner soll der Grundfreibetrag 2023 nochmals steigen. Zudem soll der Spitzensteuersatz von 42 Prozent ab 2023 erst später greifen. 48 Millionen Bürger sollen davon profitieren, insgesamt geht es um mehr als zehn Milliarden Euro.
Geringverdiener werden in dem Vorschlag deutlich stärker entlastet als Spitzenverdiener – allerdings nur prozentual. In absoluten Zahlen bekommen Menschen mit geringerem Einkommen auch weniger raus. So betrüge nach den derzeitigen Plänen die Steuererleichterung bei einem Bürger mit einem zu versteuernden Einkommen von 20.000 Euro im kommenden Jahr 115 Euro. Bei einem Einkommen von 60.000 Euro fällt die Entlastung in absoluten Zahlen mit 471 Euro noch stärker aus.
Darüber hinaus sollen das Kindergeld und der steuerliche Kinderfreibetrag steigen. Bundeskanzler Olaf Scholz hat am Donnerstag zudem weitere Entlastungen angesichts der hohen Inflation angekündigt.
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