Kambodscha

Textilarbeiter sterben für höhere Löhne

Bei Protesten streikender Textilarbeiter in Kambodscha sind am Freitag in Phnom Penh mindestens drei Menschen erschossen worden. Die Demonstranten fordern eine Erhöhung des monatlichen Mindestlohns von umgerechnet 58 Euro auf 116 Euro. Wegen der niedrigen Löhne lassen hier viele westlichen Konzerne fertigen.

Willi Germund
4 Min
Phnom Penh: mit Steinen gegen die Kugeln der Polizei

Phnom Penh: mit Steinen gegen die Kugeln der Polizei

© afp Lizenz

Die Gewerkschaften hatten zu einem landesweiten Streik aufgerufen und sich mit den Oppositionskräften um den früheren Finanzminister Sam Rainsy verbündet. Sie fordern mehr Geld für die Beschäftigten der Bekleidungsindustrie, die der wichtigste Industrie- und Wirtschaftszweig des südostasiatischen Landes ist.

Größer Devisenbringer

Die Textilarbeiter fordern eine Erhöhung des monatlichen Mindestlohnes von umgerechnet 58 Euro auf 116 Euro. Den etwa 30 000 gewerkschaftlich organisierten Textilarbeitern ist es gelungen, rund 300 000 Arbeiter in den rund 450 Fabriken für den Ausstand zu mobilisieren. Nun liegt nicht nur die Industrie des Landes mit seinen rund 500 000 Beschäftigten darnieder. Der Ausstand schwächt auch die gesamte kambodschanische Wirtschaft, denn die Textilexporte im Wert von fünf Milliarden US-Dollar pro Jahr machen rund 80 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes aus.

Überwiegend von chinesischen Firmen betriebene Textilfabriken fertigen in dem südostasiatischen Land zu Dumpinglöhnen Kleider und Schuhwerk für Modemarken wie Adidas, Puma, Nike oder H&M, die in westlichen Verkaufsregalen zu Preisen verkauft werden, die um Vielfaches über den Monatslöhnen der kambodschanischen Arbeiter liegen. Für Europäer sind die Textilien aus Kambodscha allerdings äußert preiswert, besser gesagt billig.


Konzerne: Zu den westlichen Unternehmen, die in Kambodscha produzieren lassen, zählen neben den US-Konzernen GAP und Nike auch deutsche Sportartikelhersteller wie Puma und Adidas.

Erbe: Das Königreich mit rund 14 Millionen Einwohnern gehört zu den ärmsten Ländern Asiens. Nach der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Frankreich 1953 folgten jahrzehntelange Bürgerkriege, die viele Opfer unter der Bevölkerung und schwere Schäden in der Wirtschaft hinterließen.


„Unter Berücksichtigung der Inflation erhält ein kambodschanischer Textilarbeiter heute etwa den gleichen Lohn wie im Jahr 2001“, sagt Joel Preston, dessen Hilfsorganisation Cambodia Legal Education Center sich vorwiegend um Belange von Textilarbeitern kümmert. Viele der westlichen Modeunternehmen sind inzwischen von China nach Kambodscha umgezogen, weil im Reich der Mitte längst dreimal höhere Löhne gezahlt werden. Dennoch weigerten sich Kambodschas Fabrikbesitzer in der letzten Dezemberwoche sogar, einer Mindestlohnerhöhung von 58 Euro auf lediglich 70 Euro zuzustimmen. Die Arbeiter reagierten so empört, dass die von der Regierung angeordnete Erhöhung auf 72 Euro nicht mehr akzeptiert wurde. Die Demonstrationen orientieren sich teilweise an der Protestbewegung im benachbarten Thailand, wo allerdings höhere Löhne in der Textilbranche gezahlt werden.

Herrscher seit 28 Jahren

Wie sehr die Protest- und Streikwelle den seit 28 Jahren autoritär regierenden Premierministers Hun Sen beunruhigt, machte vor ein paar Tagen sein persönlicher Berater Ros Chantrabot, Mitglied der Royal Academy of Cambodia, deutlich: „Ich warne vor der Politik des Selbstmords.“

Denn die insgesamt sechs Gewerkschaften, die eine führende Rolle bei dem Streik spielen, gelten als Verbündete der Oppositionspartei Cambodian National Rescue Party (CNRP) unter Führung von Sam Rainsy. Er startete Mitte Dezember nach mehrwöchiger Pause erneut Proteste gegen die Regierung. Der Vorwurf: Hun Sen habe bei den Wahlen im Juli vergangenen Jahres der Opposition über zwei Millionen Stimmen gestohlen und sie um den Wahlsieg betrogen. Rainsy war im Sommer tatsächlich mit einer Mischung aus Ausländerfeindlichkeit gegenüber Kambodschanern vietnamesischer Herkunft und auf einer Welle der Wechselstimmung seinem Ziel sehr nah gekommen, Hun Sen abzulösen.

Nun brach Rainsy im Namen der Opposition die Verhandlungen mit der Regierung ab. Sein Argument: Man könne nicht mit „Barbaren“ reden, die mit Gewalt gegen die streikenden Textilarbeiter vorgehen. „Sie gehen zu weit“, warnte hingegen Hun Sens Berater Chantrabot, „wenn sie mit ihren Protesten weitermachen, könnte das die Nation spalten.“ Hun Sen selbst kann die Aufregung ohnehin nicht verstehen. „Ich soll zurücktreten?“ fragt er. „Was soll ich den falsch gemacht haben?“ (mit Reuters)

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