Kampf um das ICC

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop: „Ein Abriss ist kein Thema“

Früher Prestige-Bau im Kalten Krieg, jetzt Leerstand. Wie geht es weiter?

Ulrich Paul
5 Min
Das ICC in Charlottenburg.

Das ICC in Charlottenburg.

© imago/Schöning

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) ist Forderungen für einen Abriss des Internationalen Congress Cenrums (ICC) entgegengetreten. „Ein Abriss ist kein Thema“, sagte sie der Berliner Zeitung. „Die Koalition hat sich verständigt, zukünftig im ICC eine Kongressnutzung wieder zu ermöglichen.“ Zu diesem Ziel stehe sie.

Die Senatorin reagiert damit auf eine Äußerung des Aufsichtsratschefs der Berliner Messe, Wolf-Dieter Wolf, der sich in der Berliner Morgenpost für einen Abriss des ICC ausgesprochen hatte. Pop sagte, sie habe die Äußerungen „als Appell verstanden, dass nun endlich was mit dem ICC geschehen soll“. Diese Meinung teile sie. 15 Jahre sei nichts passiert. „Wir holen nun Versäumtes nach. Wir sorgen dafür, dass die notwendige Schadstoffsanierung bald beginnen kann und das ICC wieder funktionsfähig wird.“

So ähnlich klang es freilich schon häufiger, wenn sich der Senat in den vergangenen Jahren in wechselnder politischer Verantwortung zur Zukunft des ICC äußerte. Nur: Getan hat sich bisher nichts. Die 200 Millionen Euro, die Berlin in den vergangenen Jahren zur Sanierung bereitstellen wollte, reichten für eine Sanierung nicht aus. Und die Bemühungen, private Geldgeber mit an Bord zu holen, scheiterten. Unter anderem, weil etwa die Idee, dass Investoren in dem raumschiffartigen Haus mit der silberfarbenen Fassade ein Einkaufszentrum errichten könnten, nicht wirklich überzeugte. Der Vorschlag, die Zentral- und Landesbibliothek im ICC unterzubringen, fand ebenfalls keine Mehrheit.

Konzept für neue Nutzung fehlt 

So wurde das ICC vor mehr als drei Jahren geschlossen, ohne dass es einen Plan für die Wiedereröffnung gab. Die letzte große Veranstaltung war die Daimler-Hauptversammlung am 9. April 2014.

Während der Flüchtlingskrise diente das ICC von Ende 2015 bis zum Sommer dieses Jahres als Notunterkunft. Diese vorübergehende Vermietung konnte aber nicht verdecken, dass es kein abgestimmtes Konzept für eine neue Nutzung gibt. Die Messegesellschaft fremdelt seit jeher mit dem ICC, weil der riesige Bau hohe Betriebskosten verursacht. An Stelle der Deutschlandhalle hat sie mit dem City Cube längst einen Ersatz für Kongresse geschaffen, die früher im ICC veranstaltet wurden. Der Bau des City Cube sollte verhindern, dass Berlin während der Sanierung des ICC wichtige Veranstaltungen verliert.

Das scheint zwar gelungen, doch fehlt es der Messe weiter an Ausstellungsfläche auf dem Gelände rund um den Funkturm. Bis zum nächsten Jahr baut sie bereits eine weitere Halle auf dem Messegelände, die Halle 27.

Symbol im Kalten Krieg

Klar ist jedoch: Ein funktionsfähiges ICC würde das Flächenangebot deutlich erweitern. Bei den Nutzern hatte das ICC ohnehin einen guten Ruf. Mehrfach ist es ausgezeichnet worden. Das nach Plänen der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte entworfene ICC wurde 1979 eröffnet. Sein Bau kostete damals fast eine Milliarde D-Mark. In Zeiten des Kalten Krieges galt die Eröffnung des ICC als ein Signal des Westens, dass die Halbstadt eine Zukunft hat.

So wie der Bau des Palastes der Republik im Ostteil steht das ICC für den Wettkampf der Systeme. Während der Palast der Republik jedoch dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses geopfert wurde, wollen Denkmalschützer nun wenigstens das ICC erhalten – obwohl es nicht unter Denkmalschutz steht.

„Egal ob formal eingetragenes Denkmal oder nicht: Das ICC ist als Objekt eine beispiellose Ingenieursleistung, als Kongresszentrum eine einmalige Kulturleistung und eine Ikone für Architektur und Städtebau“, sagt Dagmar Tille, Leiterin der obersten Denkmalschutzbehörde in Berlin. „Zusammen mit dem Funkturm und in Verbindung mit der ebenso ‎einmaligen verkehrlichen Einbindung ist es eine Landmarke, die Identität gibt und bei dessen Ansicht man spätestens weiß, man ist in Berlin.“ Wie beim Fernsehturm, beim Brandenburger Tor, bei der East Side Gallery oder dem Schloss Charlottenburg, so Tille.

Zukunft des ICC ist „Kulturfrage“

Mit Blick auf die auffallende Aluminiumummantelung, seine ungewöhnliche Baukörperform und Konstruktion sei das ICC schon 1994 in das Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler von Georg Dehio aufgenommen worden, sagt die Denkmalschützerin. „Von daher kann man nur entsetzt sein, wenn auf die Herausforderung einer sicher anspruchsvollen Sanierung als einzige Idee der Abbruch genannt wird“, empört sich Tille. „Das ist eine Kapitulation, die insbesondere in einem Land mit ausgewiesener Ingenieurskunst und hohem Erfindergeist befremdlich wirkt.“

Das ICC sei kein Denkmalthema, sondern eine Kulturfrage, sagt Tille. Deswegen sei „zu klären, ob man bei einem solchen Objekt den Aspekt der Wirtschaftlichkeit ausschließlich auf den monetären Aufwand reduzieren kann“. Die Qualitäten des ICC böten Raum für Kommunikation, Begegnung und modernes Arbeiten.

Wirtschaftssenatorin Pop verweist darauf, dass in der Investitionsplanung weiterhin 200 Millionen Euro für die Sanierung des ICC vorgesehen sind. Sie räumt ein, dass dies für eine „Rundumsanierung“ nicht ausreicht. Das Parlament müsse entscheiden, ob Berlin die gesamten Kosten der Sanierung trägt oder Partner mit ins Boot holt.

Wenn das Abgeordnetenhaus die Mittel gibt, könnte auf dem Markt erkundet werden, „ob es Interesse von privaten Investoren“ an einer Beteiligung der Sanierung, Finanzierung und Nutzung gibt. Solange kostet der Stillstand des ICC viel Geld: unter anderem für Heizung und Strom fallen jährlich rund 1,7 Millionen Euro an.

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