BERLIN, 16. August. Die Kassenärzte haben in einer ersten Bilanz ein vernichtendes Urteil über die Gesundheitsreform gefällt. "Mit ihrer Reform hat Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer nicht eines der drängenden Probleme im Gesundheitswesen gelöst", kritisierte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Manfred Richter-Reichhelm am Mittwoch in Berlin. "Bundeskanzler Gerhard Schröder muss die Gesundheitsreform zur Chefsache machen und Nachbesserungen vornehmen. " Für die Kassenärzte sei jetzt "Schluss mit lustig", drohte Richter-Reichhelm. Wenn die Bundesregierung nicht für mehr Geld im Gesundheitswesen sorge und die Arzthonorare nicht aufstocke, würden die Kassenärzte ihre Leistungen um bis zu 25 Prozent einschränken. "Die Ärzte werden nur noch so viel behandeln, wie bezahlt wird. " Die Vergütung soll vollständig auf betriebswirtschaftlicher Basis kalkuliert sein. Ein entsprechendes Honorarsystem ist bei der KBV in Arbeit. Dieses sieht mit 1,80 Mark pro Minute höhere Vergütungen vor, die bis zu einer festgelegten Leistungsmenge gezahlt werden. Bei Überschreitungen sinkt das darüber hinausgehende Honorar drastisch. Das Konzept, das für "mehr Transparenz und Fairness" bei den Honoraren sorgen soll, werde den Kassen bis Jahresende vorgelegt.Budgets bereits überschritten Richter-Reichhelm begrüßte ausdrücklich, dass die Rolle der Hausärzte im Gesundheitswesen auch finanziell gestärkt worden ist. "Aber das darf nicht weiter zu Lasten der Fachärzte gehen", so der KBV-Vorsitzende. Durch das Einbeziehen der psychotherapeutischen Versorgung in das KBV-System habe sich die Situation für die Fachärzte zusätzlich verschärft. "Vor allem in den neuen Bundesländern geht der Umsatz der fachärztlichen Praxen so weit zurück, dass deren Bestand gefährdet ist. " Überhaupt gebe es gerade in Ostdeutschland viele ungelöste Probleme im Gesundheitswesen. "Mehr als zehn Jahre nach der deutschen Einheit bezahlen die Krankenkassen den Vertragsärzten nur 75 Prozent des Honorars im Vergleich zu den alten Bundesländern", bemängelt Richter-Reichhelm. Dabei sei der Aufwand bei den Behandlungen nahezu gleich. "Die Gesundheitsreform ignoriert das völlig. " Scharfe Kritik gibt es von den Kassenärzten an den Arzneimittelbudgets. "Bereits jetzt zeichnet sich für das laufende Jahr wieder eine Überschreitung vieler Budgets ab", sagte KBV-Vorstandsmitglied Jürgen Bausch. Im ersten Halbjahr sei 3,5 Prozent mehr Geld für Arzneien ausgegeben worden als geplant. "Auslöser des Kostenschubs ist vor allem das Verschreiben neuer und hochpreisiger Spezialpräparate, beispielsweise gegen Aids, Rheuma und Multiple Sklerose. " Gleichwohl bekämen insbesondere chronisch Kranke längst nicht mehr alle medizinisch notwendigen Medikamente. Die Einsparmöglichkeiten etwa bei umstrittenen Arzneimitteln seien inzwischen vollständig ausgeschöpft. "Die Budgetierung hat bereits zu einer Rationierung geführt", sagte Bausch mit Hinweis auf eine Studie. Die KBV werde mit allen rechtlichen Mitteln gegen die aus den Überschreitungen der Arzneimittelbudgets resultierenden Regressforderungen vorgehen. Er forderte die Aussetzung der Budgets, bis von der Politik bessere Lösungen gefunden werden.
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