Lieber Jan,
setz dich. Trink was. Heute Morgen vielleicht keinen Schnaps – heute eher so eine dieser kalten Aspirin-Brausen, die man sich morgens um elf reinkippt, wenn die Zunge noch schal nach schlechtem Tequila-Verschnitt schmeckt und es im Kopf hämmert. Du hast ja eine Party hinter dir, da ist Elektrolytausgleich angebracht.
Insofern: Heute mal kein Ärger von mir. Heute mal eine Liebeserklärung mit eingebauter Sollbruchstelle. Beruhigend, oder? Du weißt ja inzwischen, dass ich dich sonst auf dem Kieker habe wie ein Finanzbeamter eine Bauunternehmer-Witwe auf Sylt.
Aber, ehrlich, deine Jubiläumsfolge zum zehnten Geburtstag des Rundfunk-Tanzorchesters Ehrenfeld (RTO Ehrenfeld) war das Beste, was du seit Jahren gemacht hast. Und weißt du, warum? Weil du fast die ganze Sendung lang die Klappe gehalten und Musik gemacht hast. Vielleicht solltest du dir das mal eintätowieren lassen. Innenseite Unterarm. Da, wo der Stand-up-Spickzettel klebt, für dich, den Größten Himmler-Journalisten (GröHiJo) des ZDF.
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Es lief nämlich Folgendes ab, für alle, die freitags lieber schlafen als sich von einem Kölner Stoppelbartträger erklären zu lassen, was sie zu denken haben: Du hast eine ganze Show lang gefeiert. Das RTO Ehrenfeld, deine Hausband seit zehn Jahren, musikalische Leitung Lorenz Rhode, echt viele Leute, Bläser, Bass, Schlagzeug, Background-Gesang, alles live, glaube ich.
Du hast Kitschkrieg geholt. Giant Rooks. Jolle. Clueso mit „Chicago“, zwanzig Jahre alt, der Song, nicht der Clueso. Du hast die Band sogar live nachstimmen lassen, vor laufender Kamera. Etwas, das normalerweise herausgeschnitten wird, weil es das Publikum daran erinnert, dass Profis ihrem Handwerk nachgehen.
Genau das war der Punkt.
Es war ein Geburtstagsfest. Es war eine Abschiedsshow. Es war beides.
Und am Anfang dieser Sendung steht ein Rap, den ich dreimal zurückgespult habe, weil ich nicht glauben konnte, dass du das tatsächlich gesagt hast.
„Solange die Herzen noch brennen, solange noch Lieder erklingen, auf, auf, nur vorwärts.“
Klingt nach Festakt im Maritim Hotel. Klingt nach Volksbühne kurz vor der Wende. Klingt aber, wenn man genauer hinhört, wie jemand, der sich gerade selbst eine Grabrede hält und dabei noch tanzt.
„Tapfer, aber tot ist die Band auf der sinkenden Titanic, und das Rundfunk-Tanzorchester ist der Nordatlantik."
Moment, Jan. du nennst dein eigenes Orchester den Nordatlantik. Den Eisberg. Das Ding, das alles versenkt. Und gleichzeitig sagst du, du seist die tapfere Band, die auf dem Deck weiterspielt. Das heißt, in deinem eigenen Bild geht das ZDF Magazin Royale unter, und du spielst dabei das Streichensemble, das die Leute beruhigen soll.
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Das ist nicht schlecht. Das ist sogar verdammt gut. Es ist nur leider keine Pose mehr. Es ist eine Beschreibung.
„Ich bleib Neo Magazin loyal, ey, was machst du so?“
Loyal wem? Dem Format, dem unter der eisernen Führung deines Intendanten Norbert Himmler nur noch in 22 statt 33 Folgen Frontsatirejournalismus zugestanden wurde? Dem Sender, mit dem du eben gerade einen Vertrag unterschrieben hast, der nicht mehr 36, sondern nur noch zwölf Monate läuft? Und indem du dir – ein solcher Branchendienst – ausdrücklich die Tür ins Privatfernsehen offenhalten lässt?
Das nennt man im juristischen Deutsch eine Salvatorische Klausel. In der Liebe nennt man es eine offene Beziehung. Mit Beziehungsvertrag.
Der Ärger mit den Rechten
Aber kommen wir zurück zur Musik. Weil sie es verdient hat.
Das RTO Ehrenfeld ist tatsächlich, ohne Witz, eine der besten TV-Bands, die Deutschland je hatte. Die spielen 70er-Disco, Skibidi-Schlager, Brain-Rot-Metal und Trip-Dance an einem Abend, und es klingt nicht wie Karneval, sondern wie New York 1978. Lorenz Rhode am Keyboard ist ein Genie, das ich jedes mal beneide, wenn ich das C-Dur-Präludium klimpere.
Und das alles, dieser ganze tolle Krempel, dieser ganze Aufwand, diese ganze handwerkliche Pracht – verschwindet hinterher in der ZDF-Mediathek und ist nach sieben Tagen weg. Auf YouTube findet sich davon kaum etwas. Warum? Blöde Rechte.
Wobei „blöde Rechte“ in Deutschland ja ein doppeldeutiger Begriff ist. Es gibt die blöden Rechte am Urheber, die einen davon abhalten, schöne Dinge zu teilen. Und es gibt die blöden Rechten, die einen davon abhalten wollen, schöne Dinge überhaupt erst zu machen. Beide schaffen es zuverlässig, dem Land den Spaß zu verderben.
Aber bleiben wir bei den ersten.
Da steht eine fünfzehnköpfige Band auf der Bühne, spielt Giant Rooks die Wellen aus dem Atlantik, und nach sieben Tagen ist das Ganze Geschichte. Während gleichzeitig ein dreiminütiger TikTok-Tanz vom Bratwurst-Influencer eine halbe Milliarde Aufrufe macht.
Das ist nicht das ZDF-Problem. Das ist ein deutsches Problem. Aber das ZDF könnte es lösen.
Der sichere Hafen
Was dein Format, Jan, in diesen zehn Jahren wirklich geleistet hat, ist nicht der x-te Hitler-Gag oder die nächste Verdachtsberichterstattung gegen einen BSI-Präsidenten, dessen Karriere danach in der Pfeife steckt. Das Bleibende ist ein sicherer Hafen für eine Band. Ein wöchentlicher Sendeplatz, der einer Big Band erlaubt, sich dreißigmal im Jahr neu zu erfinden. Eine Bühne, auf der Clueso, Giant Rooks, Kitschkrieg, Dendemann, Alligatoah, AnnenMayKantereit, und Danger Dan auftreten können, ohne dass jemand fragt, ob das zur Quote passt.
Das ist Kulturauftrag, wenn auch ein recht einseitiger, einer mit politischem Filter. Dennoch ist es genau das, wofür ich relativ ungern, aber doch jeden Monat 18,36 Euro abdrücke.
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Nur ist das eben auch die Crux. Du hast ein Orchester unterhalten, das nach jedem realistischen Maßstab mit diesem Aufwand längst Insolvenz wäre, wenn es sich am Markt selbst tragen müsste. Fünfzehn Profimusiker, dreißig Folgen im Jahr, live, mit Arrangements auf Studiomusiker-Niveau. Das kann sich kein Privatsender leisten. Das kann sich, ehrlich gesagt, kein Land leisten, außer eines mit Rundfunkbeitrag.
Und genau hier wird es interessant.
Du gehst – möglicherweise – ins Privatfernsehen. Der Vertrag erlaubt es dir jetzt. Du kannst entwickeln, du kannst moderieren, du kannst überall hin. Und ich frage dich ganz ehrlich: Nimmst du das RTO Ehrenfeld mit?
Lass mich raten.
Nein.
Weil RTL, ProSieben, Amazon, Netflix dir vieles bezahlen werden. Aber kein fünfzehnköpfiges Orchester für eine Late-Night-Show, die freitags um 23 Uhr läuft. Die Mathematik geht nicht auf. Die ging nie auf. Die ging nur auf, weil das ZDF sie nicht ausgerechnet hat.
Willkommen im Wettbewerb, mein Kapitän
Und weißt du was, Jan? Ich freu mich. Ehrlich. Ich freu mich auf den freien Wettbewerb.
Ich freu mich auf den Tag, an dem du eine Folge produzierst und ein Produktmanager hinter dir steht und fragt, ob man den Hitler-Vergleich nicht doch streichen sollte, weil P&G nervös wird. Ich freu mich auf den Moment, in dem ein Privatsender-Justiziariat dir erklärt, dass die Unterlassungserklärung „ohne Anerkennung einer Rechtspflicht“ auf seine Kosten geht, nicht auf die der Allgemeinheit. Ich freu mich auf das erste Mal, dass eine Quote unter acht Prozent dazu führt, dass du am Montag ein unangenehmes Telefonat hast.
Ich gönne dir das. Wirklich. Du bist ein begabter Mann mit einem absurden Selbstbewusstsein und einem Justiziariat im Rücken, das wahrscheinlich größer ist als ein Buckelwalarsch. All das wirst du dann selbst bezahlen müssen. Oder dein neuer Sender. Glückwunsch im Voraus an die Abteilung Recht und Compliance bei wem auch immer. Ihr werdet euch lieben.
Aber das RTO Ehrenfeld?
Das gehört uns. Das gehört den 18,36 Euro im Monat.
Mach das nicht kaputt, Jan. Bitte. Wenn du gehst, geh allein. Lass die Band da. Sie ist zu gut für dich. Sie war es immer.
Schalom
Harald Neuber
Nachrichtenchef der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung
PS: Falls du es trotzdem versuchst und das Orchester ins Privatfernsehen schleppst, nenne ich dich ab nächster Woche „Größer Kapitän des Nordatlantiks“ (GröKäNo) – nach deiner eigenen Selbstbeschreibung – statt „Größter Himmler-Journalist“ (GröHiJo). Du hast den Eisberg ja selbst ins Bild gerappt.
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