In Belgien pflegt man ein besonderes Verhältnis zum Reichtum. „Sie lieben die Hostie und das Geld“, notierte einst ein Soldat der französischen Revolutionsarmee über die Belgier. Darüber Bescheid zu wissen, ist hilfreich, will man den Fall des belgischen EU-Kommissars Karel De Gucht verstehen.
Belgiens Justiz ermittelt wegen einer alten Steuergeschichte. Es geht um den Verkauf von Aktien an einer Zinkfabrik im Jahr 1996 und einen Erlös von 1,2 Millionen Euro. De Gucht hat diese Einnahme nicht versteuert. In Deutschland würde man sich darüber zumindest lautstark wundern. In Belgien würdigt man eher den Geschäftssinn, noch dazu, wenn es um einen wirtschaftsliberalen Politiker geht.
Unangenehm ist der Ärger mit den Steuerbehörden trotzdem, und dieser Konflikt kommt besonders ungelegen. Handelskommissar De Gucht, 59, empfängt an diesem Montag eine US-Delegation in Brüssel zu Verhandlungen über eine Freihandelszone zwischen der EU und den USA. Die Gespräche sind belastet. Erst fehlte Amerikas Unterhändlern wegen der Etatsperre in den USA das Geld für den Flug. Dann wollte das EU-Parlament die Gespräche wegen der NSA-Spähattacken aussetzen. De Gucht will die Verhandlungen bis Oktober 2014 abschließen. Dann endet das Mandat der jetzigen Kommission.
Deshalb mag er sich von den alten Geschichten daheim nicht irritieren lassen. Am 25. November will ihn die Justiz anhören. De Gucht, Professor für Europarecht, pocht auf ein steuerfreies Geschäft nach Ablauf der Spekulationsfrist. Die Justiz sieht in dem Gewinn steuerpflichtige Einnahmen.
Es ist kein Fall Hoeneß, der sich da in Belgien zuträgt. Aber auch kein bloßer Fall für die Justiz. Das Private ist politisch. Schließlich ist der Mann EU-Kommissar, und im Mai sind Europawahlen, da mag sich niemand schlechte Schlagzeilen leisten. Kommissionschef José Manuel Barroso bat schon mal zum Gespräch. Vorerst aber darf De Gucht bleiben. Zu wichtig ist er für das zentrale Projekt der Freihandelsgespräche.
De Gucht ist ein Freund deutlicher Worte. „Ein Mix aus Harry Potter und biederer Spießbürgerlichkeit“, schimpfte er 2005 als belgischer Außenminister über den holländischen Premier Jan Peter Balkenende. Der folgende diplomatische Eklat ließ sich durch Worte bereinigen. Im Steuerstreit ist das anders. Nicht überall wird der Umgang mit Geld so locker gesehen wie in Belgien. „Es ist zum Davonlaufen“, klagt De Gucht. Aber Weglaufen geht nicht. Vielleicht ist die Freihandelszone bald sein kleineres Problem.
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