Karl-Marx-Biograf im Interview

Wieso der Kollaps des Kapitalismus möglich ist

Jürgen Neffe schildert in einer neuen Biografie das Leben des Philosophen.

Michael Hesse
7 Min
Marx-Skulpturen des Künstlers Ottmar Hörl. 2013, anlässlich von Marx’ 130. Todestag wurden 500 von ihnen auf dem Porta-Nigra-Platz ins Marx’ Geburtstadt Trier aufgestellt.

Marx-Skulpturen des Künstlers Ottmar Hörl. 2013, anlässlich von Marx’ 130. Todestag wurden 500 von ihnen auf dem Porta-Nigra-Platz ins Marx’ Geburtstadt Trier aufgestellt.

© dpa/Thomas Frey 

Den bevorstehenden 200. Geburtstag von Karl Marx im Mai nahm der Journalist und Autor Jürgen Neffe zum Anlass, eine neue Biografie vorzulegen. Darin schildert er das Leben des in Trier geborenen staatenlosen Philosophen, und er erklärt, wie sich dessen Gedankenwelt, auch durch den Einfluss Friedrich Engels, entwickelt hat.

Herr Neffe, Karl Marx wäre in diesem Jahr 200 Jahre alt geworden, vor gut 150 Jahren erschien sein Werk das „Kapital“. Wie kam es dazu?

Es gab bis dahin keine Schriften, die sowohl die wirtschaftliche Seite und die philosophische Tiefe zugleich zu bieten hatten wie das „Kapital“. Das wusste er auch immer. Seine Schriften davor waren auch ökonomisch noch nicht ausgereift. Es waren eher Vorstufen wie die „Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859. Da hatte er noch ein paar Jahre harter Arbeit vor sich, das ganze ökonomische System zu durchschauen. Schon in den Pariser Manuskripten, als junger Mann, tastete er sich an die ökonomischen Theorien heran, und man muss sich wundern, wie weit er da gekommen ist. Man muss aber auch sagen: dank der Hilfe von Friedrich Engels.

Der Autor Jürgen Neffe.

Der Autor Jürgen Neffe.

© imago/Hoffmann

Dem Freund und Unterstützer von Marx.

Engels kannte sich sehr viel besser aus in den Theorien der Ökonomie, als sie ihre Freundschaft begründeten. Als Engels für die deutsch-französischen Jahrbücher 1843 einen kritischen Artikel zur Nationalökonomie verfasste, war das für Marx der Augenöffner. Vorher hatte er sich für Ökonomie so gut wie nicht interessiert. Engels war Kaufmann, später so etwas wie ein Manager in der väterlichen Firma. Und er kannte sich in der Volkswirtschaft aus und in der Betriebswirtschaft, verstand also etwas von Makro- und Mikroökonomie. Die Begrifflichkeiten, die Marx zunächst aus der philosophisch-theologischen Diskussion schöpfte, konnte er erst mit der Ökonomie zu dem bündeln, was wir im „Kapital“ finden. Heute würden wir im Sinne von Bill Clinton sagen: Von Engels hat Marx gelernt: It’s the economy, stupid! Marx erkannte, dass man die Welt nicht nur durch Geist und Intellekt erklären kann. Die Hegelsche Philosophie wurde ihm dann zum Hilfsmittel, das „Kapital“ schreiben zu können.

War Marx ein harter Arbeiter in geistigen Dingen?

Man kann schon staunen, wie immens fleißig er war. Es ist ja alles mit Federkiel und Tinte aufs Papier geschrieben – ein unglaublicher Berg an Manuskripten, die mir viel Respekt eingeflößt haben.

Aber war er auch ein origineller Ökonom?

Oh ja. Natürlich ist nicht alles, was er geschrieben hat, auf seinem eigenen Mist gewachsen. Er hat unglaublich viele Ökonomen seit Adam Smith studiert, darunter alle großen, aber auch die Klassiker davor, wie Aristoteles. Es finden sich viele Ideen im „Kapital“, die bereits vorgedacht waren, wie zum Beispiel sogar auch die Arbeitswertlehre. Marx hat große Synthesen vollzogen zwischen den Lehren der Vorgänger. Wir kennen das aus der Naturwissenschaft, etwa mit der gesuchten Weltformel, die ja auch Erkenntnisse verschiedener Theorien, etwa Teilchen- und Astrophysik, vereinigen soll. Derjenige, der das alles zusammenbringt, hätte dann eine theory of everything. Ein bisschen so kann man sich auch Marx auch vorstellen. Er hat viele Erkenntnisse, etwa auch über das Wesen des Geldes, in der Bibliothek zusammengesammelt. Aber er hatte auch viele praktische Beispiele zur Hand, wobei ihm seine Tätigkeit als Korrespondent der New York Tribune geholfen hat. Er hat Wirtschaft also nicht nur theoretisch durchdacht, sondern auch so, wie er es täglich in der Times oder wöchentlich im Economist nachlesen konnte.

Marx war ein Sammler, ein vielbelesener Mann. Wo lag denn seine geniale Zutat, die ihn dann berühmt machte?

Was in seinen berühmten Hexenmeister-Zitaten zum Ausdruck kommt, dass die Menschheit etwas geschaffen hat, dass sie nicht beherrscht, sondern das über sie herrscht. Das ist heute für uns auch noch wahr. Daraus leite ich den Auftrag ab, das System besser verstehen zu wollen, um darüber die Kontrolle wieder erlangen zu können. Marx hat einen Anfang gemacht. Ihm schwebt vor, dass nur ein bewusstes Kollektiv das leisten kann. Die Menschheit, sagte er einmal, träume bereits einen Traum, aber der Traum sei ihr nicht bewusst. Ihm gehe es darum, den Traum bewusst zu machen, dann könnten wir ihn auch verwirklichen. Sehr viel konkreter ist er nicht geworden.


Der Biograf

Der Autor:
Jürgen Neffe, geboren 1956 in Herne, ist promovierter Biochemiker und als Wissenschaftsjournalist mehrfach ausgezeichnet. Seine Einstein-Biografie wurde von der Washington Post zum „Book of the Year“ gewählt. Für die Max-Planck-Gesellschaft baute er das Hauptstadtbüro in Berlin auf.

Das Buch:
Jürgen Neffe: Marx. Der Unvollendete. Verlag C. Bertelsmann München 2017, 656 Seiten, 28 Euro. Das Buch stand zusammen mit neun anderen Titeln auf der Shortlist für den deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2017. Zuletzt war von Neffe „Darwin. Das Abenteuer des Lebens“ erschienen.
 


Er hoffte immer, dass bald der große kapitalistische Kollaps eintritt.

Das ist eine der Absurditäten. Bei Marx und Engels kommt man zusammengenommen auf 3000 Untergangsprognosen. Fast schon manisch. Zudem widerspricht es seiner eigenen Lehre. Er hat mehr als jeder andere stets gewarnt, dass die Zeit nicht reif sei für eine Revolution. Man kann bei ihm das Händereiben förmlich spüren, wenn er denkt, dass bald alles zusammenbrechen wird. Wir wissen, dass der Kapitalismus nicht zusammengebrochen ist, sondern sich immer wieder erholt hat. Aber seit der Finanzkrise 2007/2008 sind auch die Fachleute nicht mehr so sicher, ob das System nicht ein Ende haben kann. Was mich am meisten beunruhigt: Wenn es kollabiert, sollten wir dann nicht einen Plan B besitzen? Davon ist weit und breit nichts zu sehen.

Dann ist Marx aber doch einmal überrascht worden, als plötzlich die große Krise kam.

1847 gab es bereits eine sehr große Wirtschaftskrise, mit Hungersnöten und Millionen Toten. Die große Welthandelskrise kam im Jahr 1857 und dabei ist ziemlich viel zusammengebrochen, wenngleich nicht der Kapitalismus. Selbst Marx ist von der Heftigkeit überrascht worden. Seinen Freund Engels hat es auch selbst getroffen. Er soll die Hälfte des Vermögens verloren haben. Es hat also schon heftig gerumst. Die Wirtschaft hat sich jedoch rasch erholt. Was dann folgte, war der erste große Globalisierungsschub. Die Krise wurde auch durch den Amerikanischen Bürgerkrieg ausgelöst, es gab nicht mehr genügend Baumwolle aus den Sklavenplantagen, man musste sie aus der ganzen Welt besorgen, um die Textilindustrie am Laufen zu halten. Gleichzeitig gab es das Internet des 19. Jahrhunderts, die Telegrafie. Man konnte durch sie weltweit die Preise vergleichen, was für einen Weltmarkt unabdingbar ist.

Die Situation der Arbeiter wurde schon im 19. Jahrhundert besser.

Marx wird immer wieder vorgeworfen, dass er in seinen Theorien die Zeit vor 1848 reflektiere, als der Kapitalismus noch roher und brutaler war. Da, wo er lebte, in England, wurde die Situation da schon immer besser. Abartigkeiten wie der 18-Stunden-Tag für Kinder waren schon eingehegt worden. In England gab es bereits den 10-Stunden-Tag. Marx forderte bereits den Acht-Stunden-Tag, wie wir ihn heute haben. Er hat die Geburtswehen des Kapitalismus erlebt und für Todesschreie gehalten. Sein vielleicht größter Irrtum, den er aber in späteren Jahren korrigierte: Mit seiner Analyse im „Kapital“ war ihm spätestens klar, dass es bis zum Kollaps noch sehr lange dauern würde. Aber ausschließen kann man den bis heute nicht.

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