Berlin - In gut vier Monaten ist Pfingsten, und das bedeutet, dass der Karneval der Kulturen durch Neukölln und Kreuzberg ziehen wird. Oder eben auch nicht. Denn zum ersten Mal in seiner 19-jährigen Geschichte könnte der multikulturelle Umzug ausfallen, drohen die Veranstalter von der Werkstatt der Kulturen in Neukölln. Und sie lassen keinen Zweifel an ihrer Ansage: Das Organisationsbüro ist vier Wochen lang geschlossen, E-Mails bleiben unbeantwortet. Zwei von drei Organisatoren haben im Januar „aus persönlichen Gründen“ wie es heißt, ihre Arbeit beendet, die dritte Person ist bis nächste Woche im Urlaub.
„Es ist schwer vorstellbar, dass der Karneval der Kulturen 2015 noch geplant und durchgeführt werden kann“, heißt es seit Dezember auf der Internetseite der Betreiber. „Die Stadt Berlin muss sich überlegen, was ihr der Karneval der Kulturen wert ist“, sagte Philippa Ebéné, Geschäftsführerin der Werkstatt der Kulturen am Donnerstag.
Security schützt Wagen
In der Debatte geht es hauptsächlich um ein neues Sicherheitskonzept, das für die größte Berliner Freiluftveranstaltung mit rund einer Million Besuchern dringend nötig geworden ist. Spätestens seit dem Sprengstoffanschlag beim Boston-Marathon im April 2013, bei dem drei Menschen getötet und fast 300 verletzt wurden, sind auch die Behörden gewarnt und wollen größtmögliche Sicherheit bieten.
Wie die Organisatoren des Karnevals berichten, hat ein Expertenteam im September 2014 alle Sicherheitsvorkehrungen überprüft und mit den Veranstaltern ein erweitertes internes Konzept erarbeitet. Dabei geht es dem Vernehmen nach darum, dass künftig acht bis 16 professionell ausgebildete Sicherheitskräfte einen Umzugswagen begleiten sollen, um Unfälle zu vermeiden und die Gruppen besser zu schützen. Bisher haben das etliche freiwillige Helfer getan.
Oft drängen Zuschauer in den Zug, um Tänzer und Trommler zu fotografieren. Auch versuchen immer wieder Betrunkene, sich leicht bekleideten Tänzerinnen zu nähern. Gleichzeitig sollen dieses Jahr erstmals zehn weithin sichtbare Info-Türme errichtet werden. Dort sollen Sanitäter, Polizisten und ortskundige Helfer bereit stehen. Im Notfall werden über Lautsprecher am Turm Durchsagen gemacht. „Wir müssen immer mit allem rechnen“, sagt Philippa Ebéné.
Das neue Konzept kostet rund 380 000 Euro. Gleichzeitig sinken die Einnahmen aus den Standmieten, weil es nicht mehr wie bisher 120 Stände entlang der Strecke geben soll, sondern nur noch 80, um mehr Freiflächen zu schaffen. Das Konzept liegt seit September im Büro der Integrationsbeauftragten.
Aus ihrem Etat wird der Karneval finanziert. Leider habe es laut Organisatoren bisher keine Zusage über die Kostenübernahme gegeben. Dafür gibt es aus Sicht von Berlins Integrationsbeauftragter Monika Lüke einen Grund. „Es lag bisher kein Sicherheitskonzept mit einer substanziellen Darstellung der Kosten vor“, sagte Lüke der Berliner Zeitung und versichert gleichzeitig: „Die Senatsverwaltung tut alles, damit der Karneval der Kulturen stattfinden kann.“ Und wer bezahlt die hohen Sicherheitskosten? Es gebe „sehr, sehr gute Aussichten“, dass der Senat die erforderlichen zusätzlichen Kosten trage, sagte Lüke.
In den Vorjahren haben die Gruppen schon im Oktober mit den Vorbereitungen begonnen, Kostüme geschneidert und Choreografien trainiert. Jetzt sind viele verunsichert. „Wir stehen zwischen Baum und Borke“, sagt Dietrich Kollöffel von der Gruppe Sapucaiu no Samba, die seit 1998 mit rund 200 Leuten mitmacht und in den vergangenen Jahren den Umzug anführte. Bis Ende Januar will die Gruppe noch warten, ob der Karneval nun kommt oder nicht.
Im Internet läuft via change.org seit Jahresbeginn eine Petition zur Rettung des Karnevals der Kulturen. Es könne nicht sein, dass das wichtigste Event für eine multikulturelle Gesellschaft gefährdet sei, während Zehntausende Rechtsgesinnte in ganz Deutschland demonstrierten, heißt es darin.
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