Am vergangenen Donnerstag war Katrina vanden Heuvel zu Gast bei der Berliner Zeitung. Die Chefredakteurin des 1865 gegründeten linken US-Magazins The Nation befand sich auf einer Europatour, um – wie sie sagte – „nach Vorbildern für die progressiven Kräfte in den USA“ zu suchen, die nach dem Wahlsieg Donald Trumps im vergangenen November am Boden lägen. Nach Stationen unter anderem in London und Paris endete ihre Reise in Berlin, wo sie die BSW-Politikerin Sevim Dağdelen traf.
Neoliberales Denken in linken Parteien
Leider habe sie nicht viel Hoffnung für die Linke in Europa gefunden, räumte vanden Heuvel im Gespräch mit Moritz Eichhorn, stellvertretender Chefredakteur der Berliner Zeitung, und Raphael Schmeller, Redakteur im Ressort Geopolitik, ein. Selbst linke Persönlichkeiten wie Jeremy Corbyn in Großbritannien oder Jean-Luc Mélenchon in Frankreich seien inzwischen angeschlagen.
Im weiteren Gespräch erläuterte vanden Heuvel die Gründe, die ihrer Meinung nach zu einer Schwächung der Linken in der westlichen Welt geführt haben: Das Aufkommen des neoliberalen Denkens in den linken Parteien habe diese zunehmend kulturell liberalisiert. „Das ist an sich nichts Schlechtes. Man hat sich für das Recht der Frauen auf Abtreibung eingesetzt, für Umweltfragen, Rassen-, Bürger- und Freiheitsrechte“, so die amerikanische Journalistin.
Dabei habe man aber wirtschaftliche Themen wie Ungleichheit aus den Augen verloren und damit seine klassische Wählerschaft – die Arbeiterklasse. Die Rechte hingegen spreche sich zunehmend für Arbeiterrechte aus, erklärte vanden Heuvel. „Trump hat versprochen, die Fabriken zurück ins Land zu holen“, sagte die Journalistin, die gleichzeitig kritisierte, dass der amerikanische Präsident die Gewerkschaften schwächen wolle. „Gewerkschaften haben ihre Probleme, aber sie sind ein Schutz vor Raubtierkapitalisten wie Elon Musk“, betonte sie.
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„Die Linke hat die Friedenspolitik der Rechten überlassen“
Das andere große Thema, das die linken Parteien den rechten überlassen hätten, sei die Friedenspolitik, kritisierte vanden Heuvel scharf. So hätten die Demokraten in den USA ebenso wie die meisten progressiven Parteien in Europa den Krieg in der Ukraine durch Waffenlieferungen verlängert.
Ein weiteres Problem des Linksliberalismus sei, dass durch die Überbetonung identitätspolitischer Themen die Menschen das Gefühl bekämen, nicht offen sprechen zu können. „Ich war kürzlich in einem Call, wo jemand das falsche Pronomen benutzte und sofort zurechtgewiesen wurde. Viele junge Männer, die frustriert sind, wenden sich deshalb der Rechten zu“, sagte vanden Heuvel.
Wird Donald Trump mit seiner Politik Erfolg haben?
Zwar gestand sie auf Nachfrage, dass Trump mit seiner Politik wirklich etwas tue. „Aber hat er geliefert? Die Migrationszahlen sind niedriger, ja. Aber sind die Zölle umgesetzt worden? Sind die Preise gesunken? Bislang nicht“, betonte die Chefredakteurin von The Nation.
Für sie ist Trump langfristig kein guter Präsident. Deshalb fordert sie die progressiven Kräfte in den USA auf, „echte Alternativen“ anzubieten. Dass dies den Demokraten gelingt, hält sie allerdings für unrealistisch.
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