Kaufhauskonzern verhandelt über neue Finanzspritzen von Aktionären und Banken Bund lehnt Staatshilfen ab / Merkel fordert von der Wirtschaft mehr Einsatz in der Krise

Allerletzte Chance für Arcandor

Gerold Büchner
2 Min

BERLIN. Einen Tag nach der Europawahl hat die Bundesregierung ein Signal gegen ausufernde Staatshilfen für Unternehmen gesetzt. Den beantragten Notkredit für den Handels- und Touristikkonzern Arcandor lehnte sie gestern ebenso ab wie eine Millionenbürgschaft für das Unternehmen. Zur Begründung hieß es in Regierungskreisen, die Beiträge von Hauptaktionären, Banken und Geschäftspartnern Arcandors zur Rettung reichten nicht aus. Der Konzern steht damit kurz vor der Insolvenz.Die Regierung räumte Arcandor "letztmalig eine kurze Frist" ein, um den Antrag auf eine Rettungsbeihilfe nachzubessern. Da das Unternehmen nach eigenen Angaben ohne frisches Geld am Freitag zahlungsunfähig ist, müsse das Konzept bis Mittwoch stehen, hieß es. Der Konzern zeigte sich entschlossen, diese allerletzte Chance zu nutzen: Bis heute Mittag will der Vorstand mit allen Beteiligten über weitere Hilfszusagen verhandeln. Arcandor beschäftigt in Deutschland 56 000 Menschen in Firmen wie Karstadt, Quelle und Thomas Cook. Das Unternehmen KarstadtQuelle Versicherungen wäre von einer Insolvenz nicht betroffen, es gehört inzwischen zur Ergo-GruppeDie Bundesregierung erklärte, dass sie mehr Einsatz von der Privatwirtschaft erwartet. Erstmals klar Stellung bezog Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich durch den EU-Wahlerfolg der Union gestärkt sieht. Sie forderte ein tragfähiges Konzept zur Fortführung des Konzerns: "Ohne eine Zukunftsperspektive ist die Inanspruchnahme staatlicher Hilfe überhaupt gar nicht denkbar." Eine Sondersituation wie bei Opel, dessen Konkurs der Staat verhindert hatte, werde es "so nicht mehr geben". Auch Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) schloss eine Insolvenz Arcandors nicht aus.Zeitgleich lehnte die Regierung eine Bürgschaft über 650 Millionen Euro aus dem Deutschlandsfonds ab, weil der Konzern schon vor der Krise Probleme hatte. Am Nachmittag wies sie auch den Notkredit über 437 Millionen Euro zurück. Die von den Haupteignern angebotene Kapitalerhöhung reiche in keiner Weise aus. Zudem dringt der Bund auf den Verkauf von Karstadt an den Konkurrenten Metro (Kaufhof). Die Gewerkschaft Verdi forderte die Bundesregierung auf, dem Konzern unter die Arme zu greifen, sollte es ihm gelingen, die geforderten Zusagen der Eigentümer rechtzeitig vorzulegen. (mit tms., ham.)Tagesthema Seite 2, Kommentar Seite 4------------------------------Foto : Der Boss demonstriert: Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick verspricht der Belegschaft auf einer Kundgebung in Essen, dass er um die Arbeitsplätze in dem Konzern kämpfen wolle.

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