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Am 8. November 2025 erschien im konservativen amerikanischen Medienportal Politico ein Artikel mit dem Titel „Why Trump’s tariffs haven’t gotten Brazil to cave“ (Deutsch: „Warum Trumps Zölle Brasilien nicht zum Einlenken bewegt haben“). Der Vorspann schien die US-Regierung warnen zu wollen: Es gebe Angelegenheiten, über die die brasilianische Regierung Lula da Silvas eindeutig nicht verhandelt.
Am 24. November 2025 war die New York Times am Zug. In einen Artikel mit dem schlagfertigen Titel „Brazil defied Trump and won“ (Deutsch: „Brasilien forderte Trump heraus und gewann“) kommentierte das einflussreiche Blatt Donald Trumps Versagen, Brasilien wegen der Verurteilung des rechtsradikalen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro unter Druck zu setzen.
Viele amerikanische Medien verhehlten kaum ihre Schadenfreude gegenüber dem US-Präsidenten, der am 4. Februar 2025 mit seiner Zoll-Offensive Weltwirtschaft und Weltpolitik ins Chaos gestürzt hatte.
Die politischen Sanktionen gegen einen Richter des obersten brasilianischen Gerichts verrieten allerdings ein Bündnis Trumps mit den machtvollen amerikanischen Big-Techs, die sich weltweit zunehmend als geopolitische Akteure positionieren. Mit der US-Regierung als Sprachrohr wehren sich billionenschwere Konzerne wie Meta, Google, X und Microsoft gegen nationale Internetregelungen und haben brasilianische Reserven von sogenannten Seltenen Erden wie Niob, Lithium und Kupfer im Visier.
Geopolitisches Ziel des amerikanischen Verbunds ist es, mit Druck auf Brasilien Chinas Dominanz (60 Prozent der Vorkommen und Verarbeitung) in Sachen kritische Mineralien zu bekämpfen und die China und den Brics-Staaten nahestehende Regierung Lulas zu torpedieren. Stärker als in ihren vorherigen Amtszeiten verfolgt die Regierung Lula jedoch eine autonomistische Agenda, die ihren Spielraum als Global Player begrenzt.
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Rückblende auf einen Showdown
Donald Trumps Attacke gegen Brasilien begann am 9. Juli 2025 auf seiner Plattform Truth Social mit einem Brief an Präsident Lula und der Einführung eines 50-prozentigen Zoll-Straftarifs gegen Brasilien. Die Maßnahme wurde mit einem angeblichen brasilianischen Handelsüberschuss und vor allem mit ideologischer Parteiergreifung Trumps für Bolsonaro begründet. Dieser stand mit vier Generälen und zahlreichen hohen Offizieren der Streitkräfte wegen eines versuchten Staatsstreichs und der geplanten Ermordung Lulas, seines Vize Geraldo Alckmin sowie des Richters im Obersten Gerichtshof Alexandre de Moraes vor Gericht. „Die Art und Weise, wie Brasilien den ehemaligen Präsidenten Bolsonaro behandelt (…), ist eine internationale Schande. Dieser Prozess sollte nicht stattfinden. Es handelt sich um eine Hexenjagd, die SOFORT beendet werden sollte!“, hatte Trump mit imperativen Großbuchstaben gefordert.
Doch das brasilianische Außenministerium und Präsident Lula reagierten hoheitsvoll. Ersteres erklärte Trumps Brief als „an den Absender zurückgegeben“, und Lula erklärte: „Trump ist nicht der Sheriff der Welt!“, er müsse völlig falsch informiert sein. Nicht Brasilien, sondern die USA akkumulierten seit 2010 einen Handelsüberschuss von 410 Milliarden Dollar gegenüber seinem Land. Im Übrigen seien Gerichtsverfahren der brasilianischen Justiz von exklusiver einheimischer Kompetenz und unterlägen keinerlei fremdem Eingriff – Punkt.
Dennoch eskalierte die US-Regierung das Duell am 30. Juli mit der Sanktionierung des Richters Moraes per Magnitsky-Gesetz wegen angeblicher „Menschenrechtsverletzungen“. Der Richter und seine Familie wurden mit Einreiseverbot, der Beschlagnahmung eventuellen Besitzes in den USA sowie dem weltweiten Nutzungsverbot amerikanischer Kreditkarten bestraft. Bloß warum schossen sich die USA auf den Magistraten ein?
Hier die Erklärung: Nicht nur ist Moraes beauftragter Richter in der Anklage gegen Bolsonaro, sondern er koordiniert seit 2019 Justizinitiativen zur Schaffung verbindlicher Internetregelungen. Diese führten zu Fehden mit einzelnen amerikanischen Big-Techs wegen der Verbreitung gesetzeswidriger Inhalte. X-Eigentümer Elon Musk verweigerte von Moraes angeordnete Löschungen, woraufhin seine Plattform in Brasilien 40 Tage lang gesperrt wurde und zur Zahlung einer Geldstrafe von umgerechnet fünf Millionen Euro verurteilt wurde. Als Repressalie wurde Moraes im Februar 2025 von Trumps Truth Social und der Videoplattform Rumble in Florida verklagt.
Alexandre de Moraes (M.) ist beauftragter Richter im Prozess gegen Ex-Präsident Bolsonaro.
© Fotoarena/imago
US-Außenminister Rubio wiederholt falsche Informationen
Die brasilianische Justiz ließ sich von Trumps Drohungen nicht einschüchtern und verurteilte am 11. September Jair Bolsonaro zu 27 Jahren und seine Generäle zu mindestens 20 Jahren hinter Gittern. Daraufhin drohte der Nachfahre kubanischer Immigranten und rechtsextremistische Außenminister der USA, Marco Rubio, mit „weiteren Maßnahmen gegen Brasilien“. Doch dazu kam es nicht.
Rubio wiederholte ständig falsche Informationen, die er vom brasilianischen Abgeordneten Eduardo Bolsonaro erhielt. Der Bolsonaro-Sohn hatte sich im Februar 2025 in die USA abgesetzt, um die Regierung und den Kongress auf Sanktionen gegen Brasilien einzustimmen. Das widerstrebte brasilianischen, aber wegen der Teuerungswelle in den USA auch amerikanischen Unternehmen. Also befehligte Trump einen Mann, der sich als polternder US-Botschafter in Deutschland unbeliebt machte, doch hinter den Kulissen „für’s Feine“ der Wirtschaftsinteressen im Einsatz war: Richard Grenell.
Die Stimmungswende erfolgte am 23. September mit einer Blitzbegegnung zwischen Trump und Lula anlässlich der 80. UN-Generalversammlung in New York. Die US-Regierung suchte nun das Gespräch, das Ende Oktober auf der Tagung der ASEAN (Verband Südostasiatischer Nationen) in Malaysia stattfand und eine 72-prozentige Rücknahme der Strafzölle einleitete. Am 12. Dezember erklärte die US-Regierung auch die Sanktionen gegen Richter Moraes für null und nichtig.
Der Versuch der USA, Brasiliens Staat und Wirtschaft zu schaden, erwies als kompletter Schuss in den Ofen. Lula da Silvas alternative Handelsabkommen mit den Efta-Staaten, Ostasien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) bewirkten einen 9,1-prozentigen Zuwachs der brasilianischen Exporte.
Als Krönung des Triumphs wird in Brasilien über „Trumps Wahlhilfe“ gespottet. Rund 72 Prozent der Brasilianerinnen und Brasilianer lehnten seine Eingriffe ab und erhöhten sowohl Lulas Umfrage-Popularität um mehrere Punkte als auch seine Wiederwahl-Chancen im Oktober 2026. Was nicht bedeutet, dass die amerikanische Regierung tatenlos zusehen wird. Mit Hinweisen auf die neue Sicherheitsstrategie der USA samt der Wiederbelebung der Monroe-Doktrin und ihrer „Hinterhof“-Ideologie, warnen brasilianische Sicherheitskreise vor absehbaren geheimdienstlichen Umtrieben zur Verhinderung von Lulas Wiederwahl.
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Amorim belebt den Geist der blockfreien Staaten wieder
Damit steht die Regierung Lula vor sensiblen außen- und geopolitischen Herausforderungen: Gleichgewicht zu halten in den Beziehungen zu den USA, zur Europäischen Union (EU), zum Brics-Gründungsblock (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) und den übrigen Ländern des sogenannten globalen Südens.
Die Gleichgewichtsdoktrin rief Lulas mehrfacher Botschafter, der Brics-Mitgründer und gegenwärtige außenpolitische Berater Celso Amorim ins Leben, den der Analyst für amerikanische Außenpolitik David Rothkopf bereits in der „Foreign Affairs“-Ausgabe vom 7. Oktober 2009 als „den besten Außenminister der Welt“ feierte.
Amorims zentrale Devise lautet: Brasiliens Mission ist die eines Global Player mit „aktiver und selbstbewusster“ Außenpolitik, um der Agenda hegemonialer Mächte zu widerstehen. In gewissem Sinne belebt Amorim damit den Geist der blockfreien Staaten (non-aligned movement) wieder, die sich in den 60er-Jahren als abstandsgleich gegenüber Nato und Sowjetunion positionierten.
Brasiliens Diplomatie agiert im G20-Forum der 20 wichtigsten Industrie-und Schwellenländer, der EU und der Afrikanischen Union, erkennt jedoch eine postwestliche Welt und platziert sich gleichzeitig im globalen Süden; auch innerhalb des 2024 um Ägypten, die VAE, Saudi-Arabien, Äthiopien und Iran erweiterten Brics+-Blocks, der ein Gegengewicht zur G7-Weltmachtgruppe bilden soll.
Lulas außenpolitischer Berater: Celso Amorim
© SNA/Imago
Die Forderung der Blockfreiheit
Amorims Strategie fordert den aktiven Multilateralismus und argumentiert, Regeln müssten global akzeptiert und nicht von einem einzelnen Land, seien es die USA oder China, diktiert werden – und dies, obwohl China 2025 Brasiliens größter Handelspartner war und seine Position als Hauptabnehmer brasilianischer Exporte seit 2009 festigte. „Weder West noch Ost, sondern globaler Süden“, doziert Amorim gern mit Bezug auf die Ausrichtung der Brics-Staaten.
Damit fordert Amorim nicht nur für Brasilien, sondern für die gesamte südliche Hemisphäre die Blockfreiheit. Gleichzeitig widerstrebt Brasilien ein Brics-Verbund als antiwestliche Plattform. Vielmehr sollen gute Beziehungen zum Westen mit simultaner Förderung der Süd-Süd-Kooperation in Gesundheit, Investitionen und Klimaschutz entwickelt werden.
Doch hier ein Beispiel für Lulas Schwierigkeiten: Obwohl Brasilien eine gemeinsame Brics-Reaktion auf Trumps Strafzölle anstrebte, hielten Brics-Regierungen, mit Ausnahme Chinas, es aufgrund unterschiedlicher Beziehungen zu den USA und strategischer Divergenzen für schwierig, eine einheitliche Position zu finden.
Analysten wie Uwe Optenhögel von der Foundation for European Progressive Studies (Feps) in Brüssel geben zu bedenken, dass obwohl sich die Brics zum relevanten Dialogkanal und Motor des weltweiten Wandels entwickelt haben, ihre Fähigkeit, die internationalen Beziehungen grundlegend zu verändern und die Hegemonie der USA abzulösen, wohl durch ihre strategischen Divergenzen, mangelnde Koordination und das Fehlen robuster institutioneller Strukturen begrenzt wird.
Auch wenn die tendenziell blockfreie Agenda Lulas in vielen Fragen keinen Konsens erzielte, ist es dem Präsidenten gelungen, Brasilien in regionalen und internationalen Foren als proaktiven und wichtigen Partner zu positionieren – wenngleich nicht ohne Widersprüche.
Frederico Füllgraf, geboren 1950 in Witzenhausen, ist Publizist und Filmemacher, Auslandskorrespondent u.a. der ARD und der Deutschen Welle in Brasilien.
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