Überall, wo er dazu gehören will, bleibt er fremd. Richter Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld) gehört zu den wenigen jüdischen Exilanten, die nach 1945 nach Deutschland zurückkehren. Doch von seinem Vermieter muss sich der Mann, der die Kriegsjahre im warmen Kuba verbracht hat, fragen lassen: „So sehen also Opfer des Regimes aus?!“ Auch bei seinen alten und neuen Kollegen im Gericht stößt der Richter auf Distanz und Ablehnung: Ist der Jude etwa zurückgekommen, um sich an uns Dagebliebenen zu rächen? Selbst in seiner Familie findet Kornitzer kaum Anschluss. Seiner Frau Claire (Johanna Wokalek), die ihm treu zur Seite stand und ihm nach zehn Jahren endlich gegenübersteht, kommt er nicht mehr nahe. Ihre beiden Kinder, die das Paar 1939 nach England geschickt hatte, haben eine neue Heimat und neue Eltern gefunden.
Wiedergutmachung
„Er war angekommen. Angekommen, aber wo.“ So lauten die ersten Sätze in Ursula Krechels Roman „Landgericht“, in den mehr als zehn Jahre Recherche eingeflossen waren und der 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Ursula Krechel war in Archiven auf den Briefwechsel eines Richters mit deutschen Behörden gestoßen, in dem erbittert um die Wiedergutmachung an einer zerstörten jüdischen Existenz gerungen wurde. Die ZDF-Begleit-Doku spürt den realen Vorbildern nach. Das Schicksal des jüdischen Richters Robert Michaelis, der 1933 als Jude am Landgericht Berlin entlassen wurde, war sogar noch dramatischer als im Roman und in der Verfilmung. Er fand sein Exil nicht in Kuba, sondern in Shanghai, überlebte nur knapp. Die Autorin Annette von der Heyde interviewte Ruth Barnett, die Tochter von Michaelis, die wie die Romantochter Selma in England geblieben war. Auch bei einer Filmvorführung in Berlin war Ruth Barnett zugegen, wies auf einige Unterschiede zwischen Fiktion und Realität hin („Papa hatte keine Tochter in Kuba!“); sie betonte aber, dass sowohl der Roman als auch der Film die tragische Situation ihrer Familie sehr genau gezeichnet hätten.
Heide Schwochow, bekannt durch Drehbücher für die Filme ihres Sohnes Christian Schwochow wie „Bornholmer Straße“, nahm sich drei Jahre Zeit, um Krechels 500 Seiten starken Roman in einen Fernseh-Zweiteiler umzuformen. Sie verzichtete weitgehend auf die Rückblendentechnik der Vorlage und weitete die Perspektive des Richters aus – deshalb trägt der ZDF-Zweiteiler den Untertitel „Geschichte einer Familie“. Der Regisseur Matthias Glasner hob bei der Filmvorstellung hervor, dass Heide Schwochows Drehbuch jeden „Nazi-Bombast“ vermeide und trotz der großen Geschichte einen kammerspielartigen, intimen Ton anschlage. Auch die ungewöhnliche Dramaturgie habe ihn gereizt: „Ich habe beim ersten Lesen immer auf das unvermeidliche Happy End gewartet – es kam aber nicht!“
Der erste Teil beginnt mit dem schmerzvollen Abschied der Eltern von ihren Kindern und erzählt dann, wie die Familie – er aufstrebender Richter, sie Betreiberin einer florierenden Filmwerbefirma – versucht, dem Druck des nationalsozialistischen Regimes standzuhalten. Nach Richards Ausreise bleibt Claire allein zurück, wird gedemütigt und flieht nach Süddeutschland. Die Kinder erleben derweil eine Odyssee in England. Obwohl im zweiten Teil äußerlich weit weniger passiert, ist er der spannendere. Der Regisseur Glasner sieht sogar Teil 1 als Einführung für den eigentlichen Film. Denn obwohl jetzt Frieden herrscht, alle Familienmitglieder sich wiederfinden, tun sich tiefe Risse auf. Die Konflikte werden mal scharf ausgetragen, wie zwischen Kindern und Eltern, bleiben mal in Sprachlosigkeit gefangen, wie zwischen Claire und Richard.
Die Stille spielen
Wie Johanna Wokalek und Ronald Zehrfeld dieses stille Drama spielen, das berührt zutiefst. Claire und Richard sind weder Opfer noch Helden, noch überhaupt historische Figuren, sondern sehr heutige Menschen. „Sie hoffen ihr Leben lang, dass ihr Leben beginnt, sie warten und warten und werden doch nicht erlöst“, beschreibt Johanna Wokalek die Tragik des Paares. Während ihre Claire eine unerwartete Stärke entwickelt, zeigt Ronald Zehrfeld, der sonst gern auf seinen Kraftkörper setzt, wie Richard angesichts seiner Ohnmacht körperlich abbaut.
Ein besonderes Kapitel bleibt die Auseinandersetzung mit der ungebrochenen Kontinuität der NS-Justiz in der jungen Bundesrepublik und deren skandalöser Umgang mit den wenigen heimgekehrten jüdischen Mitbürgern. Bei der Wiedergutmachung spielte der deutsche Rechtsstaat seine ganze Pedanterie und Bürokratie aus. Dramen über die Verfolgung und Ermordung der Juden gab es schon viele. Einige jüngere Filme, etwa über den Staatsanwalt Fritz Bauer, behandelten die juristische Aufarbeitung des Unrechts. „Landgericht“ schlägt nun den großen Bogen von den frühen Dreißiger bis zu den späten 1950ern. In diesem Zweiteiler passt alles zusammen: Eine brisante historische Geschichte, eine kluge Vorlage, eine einfühlsame Regie und herausragende Schauspieler – keine Fernsehpreisjury dürfte am „Landgericht“ vorbeikommen.
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