Kein Zug wird kommen

Die Betonsäulen zwischen den Bahnsteigen sehen aus wie frisch gegossen. Beim Blick in den Tunnel erwartet man fast unweigerlich den Wind, der eine herannahende U-Bahn ankündigt. Doch hier ist noch nie ein Zug gefahren. Betonboden, wo Schotter und Gleise liegen sollten. Keine Stationsschilder an den Wänden. Nur ein paar Neonröhren erhellen den Rohbau unter dem Hermann-Ehlers-Platz. Es ist ein U-Bahnhof, den außer ein paar Sprayern kaum einer kennt.Dabei laufen täglich tausende Menschen an ihm vorbei, ohne es zu wissen. Wer vom S-Bahnhof Rathaus Steglitz den unterirdischen Verbindungsgang zur U9 nimmt, geht nur wenige Meter an der Bahnsteigkante vorbei, die für Züge Richtung Lankwitz vorgesehen war. Die Station ist eine Bauvorleistung für eine bis in die 90er Jahre geplante U9-Verlängerung bis Lankwitz, erklärt Joachim Gorell, bei der BVG zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der U-Bahn. Als der U9-Tunnel Anfang der 70er Jahre bis Rathaus Steglitz verlängert wurde, hat man den zweiten Bahnhof gleich mitgebaut, weil das später kostspieliger geworden wäre.Aber warum zwei Bahnhöfe nebeneinander? "Die U9 fährt am Bahnhof Rathaus Steglitz auf den eigentlich für die U10 vorgesehenen Gleisen", sagt Gorell. Bis 1993 plante der Senat diese Linie von der Drakestraße in Lichterfelde über Innsbrucker Platz bis zur Lützowstraße, mit Option auf Verlängerung bis Weißensee. "Der Rohbau unter dem Hermann-Ehlers-Platz war für die U9 vorgesehen", sagt Gorell. Doch der Tunnel konnte nicht genutzt werden, die Reichsbahn der DDR, die bis 1980 die S-Bahn darüber betrieben hatte, verweigerte ihr Einverständnis."Zwei Stapel einteilige Matratzen, 44 Stück" steht handgeschrieben auf einem Zettel, der an einer Betonsäulen klebt. Bis zur Wende wurde der Bahnhof für die Senatsreserve genutzt. Für den Fall einer zweiten Blockade West-Berlins hatte der Senat Millionen Tonnen Versorgungsgüter gelagert - unter anderem in diesem Bahnhof.Während der Tunnel östlich kurz hinter dem Bahnhof endet, geht es westlich unter der Schlossstraße in ein schwarzes Loch. Gorell muss in der U-Bahn-Zentrale anrufen, damit das Licht im Tunnel angeknipst wird. "Lichtschalter gibt es hier nicht." Er steht auf den Gleisen an einem Brückengeländer, fünf Meter über ihm befindet sich der Eingang zum Einkaufszentrum "Das Schloss". Fünf Meter unter ihm rauscht eine U9 Richtung Osloer Straße vorbei. Es ist ein aufwendiges Brückenbauwerk, das hier die Tunnel der U9 und U10 miteinander verknüpft. Die unbenutzten U10-Röhren enden erst tausend Meter weiter in Höhe des Forum Steglitz. Dazwischen liegt der Bahnhof Schlossstraße. Er hat zwei Bahnsteige übereinander. Zwei der vier Gleise sind eingezäunt - so bleibt es wohl. Weil das Geld fehlt, wird es die U10 bis auf Weiteres nicht geben.------------------------------Foto: Totes Gleis: Joachim Gorell in einem U-Bahntunnel, den kaum jemand ...

BLZ
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Die Betonsäulen zwischen den Bahnsteigen sehen aus wie frisch gegossen. Beim Blick in den Tunnel erwartet man fast unweigerlich den Wind, der eine herannahende U-Bahn ankündigt. Doch hier ist noch nie ein Zug gefahren. Betonboden, wo Schotter und Gleise liegen sollten. Keine Stationsschilder an den Wänden. Nur ein paar Neonröhren erhellen den Rohbau unter dem Hermann-Ehlers-Platz. Es ist ein U-Bahnhof, den außer ein paar Sprayern kaum einer kennt.Dabei laufen täglich tausende Menschen an ihm vorbei, ohne es zu wissen. Wer vom S-Bahnhof Rathaus Steglitz den unterirdischen Verbindungsgang zur U9 nimmt, geht nur wenige Meter an der Bahnsteigkante vorbei, die für Züge Richtung Lankwitz vorgesehen war. Die Station ist eine Bauvorleistung für eine bis in die 90er Jahre geplante U9-Verlängerung bis Lankwitz, erklärt Joachim Gorell, bei der BVG zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der U-Bahn. Als der U9-Tunnel Anfang der 70er Jahre bis Rathaus Steglitz verlängert wurde, hat man den zweiten Bahnhof gleich mitgebaut, weil das später kostspieliger geworden wäre.Aber warum zwei Bahnhöfe nebeneinander? "Die U9 fährt am Bahnhof Rathaus Steglitz auf den eigentlich für die U10 vorgesehenen Gleisen", sagt Gorell. Bis 1993 plante der Senat diese Linie von der Drakestraße in Lichterfelde über Innsbrucker Platz bis zur Lützowstraße, mit Option auf Verlängerung bis Weißensee. "Der Rohbau unter dem Hermann-Ehlers-Platz war für die U9 vorgesehen", sagt Gorell. Doch der Tunnel konnte nicht genutzt werden, die Reichsbahn der DDR, die bis 1980 die S-Bahn darüber betrieben hatte, verweigerte ihr Einverständnis."Zwei Stapel einteilige Matratzen, 44 Stück" steht handgeschrieben auf einem Zettel, der an einer Betonsäulen klebt. Bis zur Wende wurde der Bahnhof für die Senatsreserve genutzt. Für den Fall einer zweiten Blockade West-Berlins hatte der Senat Millionen Tonnen Versorgungsgüter gelagert - unter anderem in diesem Bahnhof.Während der Tunnel östlich kurz hinter dem Bahnhof endet, geht es westlich unter der Schlossstraße in ein schwarzes Loch. Gorell muss in der U-Bahn-Zentrale anrufen, damit das Licht im Tunnel angeknipst wird. "Lichtschalter gibt es hier nicht." Er steht auf den Gleisen an einem Brückengeländer, fünf Meter über ihm befindet sich der Eingang zum Einkaufszentrum "Das Schloss". Fünf Meter unter ihm rauscht eine U9 Richtung Osloer Straße vorbei. Es ist ein aufwendiges Brückenbauwerk, das hier die Tunnel der U9 und U10 miteinander verknüpft. Die unbenutzten U10-Röhren enden erst tausend Meter weiter in Höhe des Forum Steglitz. Dazwischen liegt der Bahnhof Schlossstraße. Er hat zwei Bahnsteige übereinander. Zwei der vier Gleise sind eingezäunt - so bleibt es wohl. Weil das Geld fehlt, wird es die U10 bis auf Weiteres nicht geben.------------------------------Foto: Totes Gleis: Joachim Gorell in einem U-Bahntunnel, den kaum jemand kennt.

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