Kindergarten im Grunewald soll geschlossen werden / Vorwurf der Eltern: ein "abgekartetes Spiel": Noch 30mal Postfenn und zurück

WILMERSDORF Aus für die Postfenn-Kita: 90 Kinder sollen ab Januar auf zwei neue Einrichtungen verteilt werden. Die Eltern werfen dem Bezirksamt Fehlplanung vor und entwickeln ein eigenes Konzept.Ein schmaler, steiler Weg führt zum Kindergarten. Er ist umsäumt von alten, hohen Bäumen. Unten steht der blaue Schulbus, der die Kinder jeden Morgen in den Grunewald bringt und sie nachmittags wieder abholt. Oben spielen Tara, Mike und die anderen Kinder im 11 000 Quadratmeter großen Garten.Waldkindergarten wird die Kita an der Havelchaussee genannt. Die Wilmersdorfer Jugendstadträtin Brigitte Safadi spricht von einer "Orchidee des Bezirks". "Wie auf dem Land ist es hier", schwärmt Kita-Leiterin Ute Behnsen. Doch weder sie noch die 90 Kinder werden diese Idylle länger genießen können.Die Kita Postfenn soll zum 2. Januar 1997 geschlossen werden. Das hat der Jugendhilfeausschuß mit sechs zu fünf Stimmen entschieden. Auch drei weitere Einrichtungen werden dichtgemacht, im Gegenzug zwei neue eröffnet.Deren Bau hatte der Bezirk 1986 beschlossen. Damals wurden noch neue Kita-Plätze benötigt. Ein Jahrzehnt später sieht das etwas anders aus. In Wilmersdorf sind 315 Kitaplätze nicht belegt. Um die neuen Kindertagesstätten zu füllen, müssen alte geschlossen werden."So schwarzweiß kann man das nicht sehen", wehrt die CDU-Jugendstadträtin ab und zählt die Mängel der "Orchidee des Bezirks" auf: Die Postfenn-Kita sei eine behelfsmäßige Einrichtung und schon lange in der Diskussion gewesen. Der Schulbus koste pro Jahr 82 000 Mark. Jetzt müsse auch das Kita-Dach neu gedeckt werden. "Wir können uns die Postfenn-Kita nicht mehr leisten", faßt die Stadträtin zusammen. "Sie ist fünf- bis sechsmal so teuer wie andere Einrichtungen." Eine Argumentation, die die Eltern des Postfenn-Kindergartens in Rage bringt. Sie werfen der Stadt "ein abgekartetes Spiel" vor. Peter Schmidt, Vater eines fünfjährigen Sohnes, hat nachgerechnet: "Der Postfenn ist eine der billigsten Kindertagesstätten des Bezirks." Schließlich werde der Shuttle-Service von der AG Gehag und der Bundesanstalt für Arbeit übernommen, die selbst Kita-Plätze am Postfenn in Anspruch nehme.Schmidt und die anderen Eltern haben einen Förderverein gegründet und mehrere Sponsoren gefunden, die die Busfahrten mit finanzieren wollen. Die Eltern arbeiten jetzt an einem Konzept einer Tagesstätte für Kinder, die an Haut- und Atemkrankheiten leiden. "Eine sehr gute Idee", findet Martin Karsten, ein Wilmersdorfer Kinderarzt. Die Waldumgebung am Postfenn sei für Kinder mit chronischen Haut- und Atemwegserkrankungen ideal. Und die Schließung einer solchen Kita eine "mittlere Katastrophe".Die Postfenn-Kinder haben von ihren Eltern erfahren, daß ihre Kita geschlossen wird. Tara sagt, daß sie nicht weg will. Die Fünfjährige erzählt von den Tieren, die sie hier schon gesehen hat, von den Rehen, den Wildschweinen und dem Entenpaar, das jedes Jahr zum Brüten kommt. Die Kinder haben sie Frieda und Fridolin getauft und Fotos gemacht, die heute in Taras Gruppenraum hängen. Außerdem fährt das Mädchen gerne mit dem blauen Bus.Auch dessen Schicksal hängt von der Kita ab. Seit 26 Jahren fährt die Firma Meise Kinder in den Grunewald. Die Postfenn-Kita ist ihr Hauptauftraggeber. "Jetzt ist das Unternehmen pleite", sagt Busfahrerin Conny Meise, die alle Kinder kennt und vermissen wird. Sie hat ihre Arbeitstage bis zur Schließung der Einrichtung gezählt: Noch 30mal Postfenn und zurück. ...

BLZ
8 Min

WILMERSDORF Aus für die Postfenn-Kita: 90 Kinder sollen ab Januar auf zwei neue Einrichtungen verteilt werden. Die Eltern werfen dem Bezirksamt Fehlplanung vor und entwickeln ein eigenes Konzept.Ein schmaler, steiler Weg führt zum Kindergarten. Er ist umsäumt von alten, hohen Bäumen. Unten steht der blaue Schulbus, der die Kinder jeden Morgen in den Grunewald bringt und sie nachmittags wieder abholt. Oben spielen Tara, Mike und die anderen Kinder im 11 000 Quadratmeter großen Garten.Waldkindergarten wird die Kita an der Havelchaussee genannt. Die Wilmersdorfer Jugendstadträtin Brigitte Safadi spricht von einer "Orchidee des Bezirks". "Wie auf dem Land ist es hier", schwärmt Kita-Leiterin Ute Behnsen. Doch weder sie noch die 90 Kinder werden diese Idylle länger genießen können.Die Kita Postfenn soll zum 2. Januar 1997 geschlossen werden. Das hat der Jugendhilfeausschuß mit sechs zu fünf Stimmen entschieden. Auch drei weitere Einrichtungen werden dichtgemacht, im Gegenzug zwei neue eröffnet.Deren Bau hatte der Bezirk 1986 beschlossen. Damals wurden noch neue Kita-Plätze benötigt. Ein Jahrzehnt später sieht das etwas anders aus. In Wilmersdorf sind 315 Kitaplätze nicht belegt. Um die neuen Kindertagesstätten zu füllen, müssen alte geschlossen werden."So schwarzweiß kann man das nicht sehen", wehrt die CDU-Jugendstadträtin ab und zählt die Mängel der "Orchidee des Bezirks" auf: Die Postfenn-Kita sei eine behelfsmäßige Einrichtung und schon lange in der Diskussion gewesen. Der Schulbus koste pro Jahr 82 000 Mark. Jetzt müsse auch das Kita-Dach neu gedeckt werden. "Wir können uns die Postfenn-Kita nicht mehr leisten", faßt die Stadträtin zusammen. "Sie ist fünf- bis sechsmal so teuer wie andere Einrichtungen." Eine Argumentation, die die Eltern des Postfenn-Kindergartens in Rage bringt. Sie werfen der Stadt "ein abgekartetes Spiel" vor. Peter Schmidt, Vater eines fünfjährigen Sohnes, hat nachgerechnet: "Der Postfenn ist eine der billigsten Kindertagesstätten des Bezirks." Schließlich werde der Shuttle-Service von der AG Gehag und der Bundesanstalt für Arbeit übernommen, die selbst Kita-Plätze am Postfenn in Anspruch nehme.Schmidt und die anderen Eltern haben einen Förderverein gegründet und mehrere Sponsoren gefunden, die die Busfahrten mit finanzieren wollen. Die Eltern arbeiten jetzt an einem Konzept einer Tagesstätte für Kinder, die an Haut- und Atemkrankheiten leiden. "Eine sehr gute Idee", findet Martin Karsten, ein Wilmersdorfer Kinderarzt. Die Waldumgebung am Postfenn sei für Kinder mit chronischen Haut- und Atemwegserkrankungen ideal. Und die Schließung einer solchen Kita eine "mittlere Katastrophe".Die Postfenn-Kinder haben von ihren Eltern erfahren, daß ihre Kita geschlossen wird. Tara sagt, daß sie nicht weg will. Die Fünfjährige erzählt von den Tieren, die sie hier schon gesehen hat, von den Rehen, den Wildschweinen und dem Entenpaar, das jedes Jahr zum Brüten kommt. Die Kinder haben sie Frieda und Fridolin getauft und Fotos gemacht, die heute in Taras Gruppenraum hängen. Außerdem fährt das Mädchen gerne mit dem blauen Bus.Auch dessen Schicksal hängt von der Kita ab. Seit 26 Jahren fährt die Firma Meise Kinder in den Grunewald. Die Postfenn-Kita ist ihr Hauptauftraggeber. "Jetzt ist das Unternehmen pleite", sagt Busfahrerin Conny Meise, die alle Kinder kennt und vermissen wird. Sie hat ihre Arbeitstage bis zur Schließung der Einrichtung gezählt: Noch 30mal Postfenn und zurück. +++

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