Den Triumph über die Deutsche Bank und deren Ex-Chef Rolf Breuer hat Pleitier Leo Kirch nicht mehr erlebt. Im Juli 2011 war der einstige Herr eines untergegangenen Medienimperiums gestorben, nachdem er kurz zuvor noch gezeichnet von Krankheit und Alter als 84-Jähriger im Schadenersatzprozess gegen Deutschlands größtes Bankhaus ausgesagt hatte.
Seine Erben haben es nun zu Ende gebracht. Gut 900 Millionen Euro zahlt die Deutsche Bank für einen Vergleich im vor zwölf Jahren begonnenen Rechtsstreit, erklärten beide Parteien. Alle zivilrechtlichen Ansprüche der Kirch-Seite gegen das Bankhaus seien damit abgegolten. Nun steht der Preis für das teuerste Interview aller Zeiten fest.
Am 3. Februar 2002 hatte Breuer den so sperrigen wie fatalen Satz gesprochen. „Was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenkapitalmittel zur Verfügung zu stellen.“ Damit hatte der damalige Konzernchef seinem Kreditkunden Kirch öffentlich jede Kreditwürdigkeit abgesprochen. Nach dem Kollaps seines Medienimperiums im April 2002 hatte Kirch das mit einer prägnanten Aussage quittiert. „Erschossen hat mich der Rolf“, sagte der Pleitier und eröffnete eine wahre Prozessflut gegen die Bank.
Regress wird geprüft
Mehrere Milliarden Euro Schadenersatz wollten er und seine Erben erstreiten, allen voran seine 86-jährige Witwe Ruth. Gut 900 Millionen Euro sind es nun geworden, inklusive Zinsen und weiterer Kosten. Die Deutsche Bank hätte es schon einmal 100 Millionen Euro billiger haben können. Bereits 2012 lag ein unterschriftsreifer Vertrag für einen Vergleich auf dem Tisch, damals über gut 800 Millionen Euro. Aber da war Josef Ackermann noch Chef der Deutschen Bank, der beim Untergang des Kirch-Imperiums selbst eine der handelnden Personen war.
Heute hat mit den Co-Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain sowie Aufsichtsratschef Paul Achleitner bei der Deutschen Bank eine neue Managergarde das Sagen, für die das Geschehen 2002 nur noch belastende Historie ist. Am Ende wurde deshalb nur noch um den Preis gefeilscht.
„Mit der heutigen Vereinbarung legen wir einen altbekannten und langjährigen Rechtsstreit bei“, erklärten Fitschen und Jain emotionslos. „Der Deutschen Bank war es wichtig, optisch unter einer Milliarde Euro zu bleiben“, sagt ein Insider. Das Vorjahresergebnis der Frankfurter schmälert der Vergleich um netto 350 Millionen Euro. Der größere Rest war zurückgestellt worden. Die nun ausgehandelte Summe fließt zur Hälfte in die Kassen der Kirch-Erben. Der andere Teil steht Kirch-Insolvenzverwalter Michael Jaffe und damit auch Kirch-Gläubiger zu.
Schlecht sieht es dagegen für den Mann aus, der das teuerste Interview aller Zeiten gegeben und Kirch geschäftlich erschossen hat. Die Deutsche Bank sei aktienrechtlich nun verpflichtet, Breuer in Regress zu nehmen, sagen Juristen. Die für ihn seinerzeit abgeschlossene Managerhaftpflichtpolice ist für den nun feststehenden Schaden nicht ausreichend. Die Deutsche Bank will derzeit nicht sagen, was der Vergleich für ihren ehemaligen Vorstandschef bedeutet. Das weitere Vorgehen wird intern geprüft, heißt es in Frankfurt am Main. Für den 76-Jährigen, der stets jede Mitschuld am Kollaps des Kirch-Imperiums von sich gewiesen hatte, dürfte es ungemütlich werden. Niemals sei es seine Absicht gewesen, Kirch durch öffentlichen Zweifel an seiner Kreditwürdigkeit in eine derart aussichtslose Lage zu manövrieren, dass dieser nur noch mit Hilfe und Beratung der Deutschen Bank den Kopf hätte aus der Schlinge ziehen können, hatte Breuer im Schadenersatzprozess bis zuletzt beteuert. Auch andere Ex-Vorstände wie sein Nachfolger Ackermann hatten als Zeugen vor Gericht verneint, dass die Frankfurter ein derartiges, mutmaßlich hochlukratives Beratungsmandat erzwingen wollten oder dass man hinter den Kulissen gar eine Zerschlagung der Kirch-Gruppe durchgespielt hatte.
Mit einer solchen Verschwörungstheorie war die Kirch-Seite in den Prozess gegen die Deutsche Bank gegangen. Das Oberlandesgericht München konnte ihr einiges abgewinnen und verurteilte die Bank vergangenen Dezember zu Schadenersatz, dessen Höhe nun nicht mehr weiterverhandelt werden muss.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de