Unmittelbar vor der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli in Leipzig, als die letzten Dynamitstangen in die Orgelpfeifen gesteckt wurden, setzte sich der junge Organist Kurt Grahl am 30. Mai 1968 an den Spieltisch. Er spielte Johann Sebastian Bachs Toccata in C. Als ihn die Polizei drohend zum Verlassen der Kirche aufforderte, schrieb Grahl ein Kreuz in die Noten – an der Stelle, wo ihn Walter Ulbrichts Schergen gestoppt hatte. Fast ein halbes Jahrhundert später setzte der Universitätsorganist Daniel Beilschmidt an der neuen Orgel in der neuen Kirche an exakt der Stelle fort, an der Grahl abbrechen musste. Grahl hat von dieser Episode nie ein Aufheben gemacht, weil er ein bescheidener Held war: Er hätte auch einen Sitzstreik machen können, sagte er später. Das wäre noch konsequenter gewesen.
Kurt Grahl war einer der wichtigsten Kirchenmusiker der DDR. Sein Einfluss ging weit über die Grenzen seines Landes und seiner Kirche hinaus, er prägte Generationen von Musikern. Er ist mit Liedern im gesamtdeutschen „Gotteslob“ vertreten. 2014 legte er bei Herder ein Werkbuch zum Gotteslob vor. Er hat über 1000 Kompositionen geschrieben. In 43 Jahren hat er im Dienst in der Propsteikirche Leipzig mehr als 2200 Gottesdienste gestaltet.
Grahl war ein begnadeter Improvisator, Dirigent und Konzertorganist. Zahlreiche Konzerte bestritt er mit seiner ersten Frau Agnes und seinen Kindern Kristina und Robert. Inspiriert wurde er vom Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Öffnung einer hermetischen „Kirche von oben“ zu den Gemeinden begriff Grahl als Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums durch die Musik. Grahl erkannte die Reform der Liturgie als Raum für mehr Freiheit. Über alte Zöpfe und autoritäre Anmaßungen setzte er sich oft mit sarkastischem Humor hinweg. Er konnte gewaltig schimpfen, seine Musik war jedoch heiter und durchsichtig bis an die Grenze der Transzendenz: „Aber wenn man von Dingen singt, muss man damit rechnen, dass sie einen irgendwann einholen“, sagte er einmal in einem Interview. Kurt Grahl ist am 2. April 2025 gestorben, er wurde 77 Jahre alt.
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