Dann verließ er die Stadt, arbeitete ohne festes Engagement und wurde immer berühmter, ohne dass man in Berlin viel davon zu hören bekam: Seit 2006 hat er die Berliner Philharmoniker ganze dreimal dirigiert. Im zweiten Wahlgang und als Außenseiter wurde er dann vor zwei Jahren zu ihrem neuen Chefdirigenten gewählt. An diesem Mittwoch tritt er zum ersten Mal seit seiner Wahl vor das Orchester.
Kirill Petrenko ist zwar nicht wirklich ein Phantom. An der Bayerischen Staatsoper in München betreut er zahlreiche Produktionen, Wagner und Richard Strauss natürlich, aber auch „Die Fledermaus“ und eine Uraufführung namens „South Pole“. Aber in Berlin ist der Mann zunehmend zum Gerücht geworden. Sein viertes Philharmoniker-Konzert musste er kurzfristig absagen, danach war er für viele nicht mehr im Rennen um die Rattle-Nachfolge. Und seit er aufgerufen ist, sie anzutreten – ab 2019 – war er nur noch für eine Pressekonferenz und ein Gastkonzert mit seinem Bayerischen Staatsorchester in der Stadt. Da es von Petrenko kaum Aufnahmen gibt und schon gar keine aus letzter Zeit, da er Interviews weiterhin ablehnt, wird Petrenko zur spekulativen Größe.
Petrenko ist ein Arbeiter
Was man weiß: Petrenko ist ein Arbeiter. Er bereitet seine innere Klangvorstellung durch akribische Partiturlektüre vor und probt bis zum letzten Moment, wenn das Publikum schon vor den Türen steht. Um dann alleine vor dem Konzert noch einmal in die Partitur zu schauen. Musik ist Petrenkos Über-Ich, eine Instanz, die Forderungen stellt und strafen kann und der am Ende nie zu genügen ist.
Im Zeitalter einer auf Bewältigung und Meisterung aller technischen Schwierigkeiten gestellten, aber weitgehend geistlosen Musikerausbildung ist solche Demut vor der Größe des Werks und der Aufgabe selten. Gerüchteweise heißt es, dass Petrenko von den Philharmonikern schon im ersten Durchgang gewählt wurde, aber vor dem Amt zurückschrak und erst überredet werden musste – es würde zu diesem skrupulösen Dirigenten passen.
An dem heutigen Konzert hängen somit gewaltige Erwartungen. Natürlich sind beide Abende längst ausverkauft, trotz eines Programms, das abgesehen von John Adams’ Walt-Whitman-Kantate „The Wound Dresser“ lediglich klassisches Repertoire von Mozart und Tschaikowsky bietet. Petrenko hat bei den Philharmonikern sonst exotische Werke von Edward Elgar, Alexander Skrjabin oder Rudolf Stephan aufgeführt, seine wenigen Aufnahmen gelten Josef Suk – und nicht zuletzt an solche Funde knüpfen sich Hoffnungen auf eine neue Belebung des symphonischen Repertoires.
Petrenko ist alles zuzutrauen
Die Klasse eines Dirigenten allerdings zeigt sich daran, ob er die bekanntesten Werke wie die neuesten zum Klingen bringen kann. Petrenko ist alles zuzutrauen.
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