Klaus Naumann erforscht die Bundeswehrelite. Wie fügten sich die Generale in die Demokratie ein?

Von Wehrmachtsoffizieren zu Selbstgestrickten

Gerd Herzog
3 Min

Auf dem Umschlagfoto, aufgenommen 1970, sieht man zwei Männer. Links Johannes Steinhoff, Luftwaffengeneral und im Krieg sieggewohnter Jagdflieger (176 Abschüsse). Er verkörpert das unbeirrte Selbstbewusstsein jener Wehrmachtsoffiziere, die die Bundeswehr aufbauten und Jahrzehnte führten. Neben ihm steht Verteidigungsminister Helmut Schmidt, der oberste Dienstherr der Bundeswehr, und blickt besorgt. Steinhoff, mit verschränkten Armen und Sonnenbrille, scheint ihn zu ignorieren. Die Militärelite der Wehrmacht passte sich der verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesrepublik nur mühsam an und nahm den ihr zugewiesenen Platz eher unwillig ein, sagt uns dieses Foto.Aber es ist eine Finte. Dazu geeignet, jene Mischung aus Gleichgültigkeit und Alarmismus zu reproduzieren, die laut dem Autor typisch ist für das "stabile Nichtverhältnis" der Westdeutschen zu ihrer Armee. Steinhoff ordnete sich - wie auch seine Generalskollegen - bereitwillig dem Primat der Politik unter. Je dunkler sich das Bild der Wehrmacht in den letzten Jahren gefärbt habe, desto erstaunlicher sei der Befund, dass die sozialverträgliche und konsolidierte Entwicklung der "Armee in der Demokratie" in der Hand von Männern lag, die biografisch und beruflich vom NS-Regime und der Kriegszeit geprägt worden seien.Klaus Naumann, Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung und schon länger mit der "Elite im Halbschatten" (Kilian) beschäftigt, hat ein Kollektivporträt der militärischen Führungsschicht geschrieben und sich zugleich an eine "Eröffnungs- und Schlussbilanz" der alten Bundeswehr gewagt. Man müsse sich vergegenwärtigen, schreibt Naumann, dass Mitte der 50er alle Bundeswehrgenerale frühere Wehrmachtsgenerale gewesen seien; erst seit Anfang der 80er hätten sogenannte Selbstgestrickte die Mehrheit gestellt.Die Generationenerfahrung der Jahrgänge 1913 bis 1937 ist für Naumann deshalb der Schlüssel zum Verständnis der frühen Bundeswehrelite. Für seine Eröffnungsbilanz stützt er sich auf Wortprotokolle des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (das 1950/51 auch Offiziersgruppen befragte) und auf Notizen Hans Speiers, der zwischen 1952 und 1955 im Auftrag der amerikanischen RAND-Stiftung ehemalige hohe Militärs interviewte. Die älteste Offiziersgeneration, die noch für eine Verwendung in der Bundeswehr in Frage kam, die Jahrgänge um 1895, vertrat in diesen Gesprächen ein vornazistisch geprägtes Werterepertoire, das man gegen die "Überspanntheiten" des NS-Regimes geltend machte. Die jüngsten Offiziersjahrgänge der Wehrmacht, die Jahrgänge um 1920, sprachen sich zwar grundsätzlich gegen die Demokratie aus, verzichteten aber zugleich auf eine offene Destruktionshaltung gegenüber der jungen Bundesrepublik.Kernstück der Arbeit, die Schlussbilanz der alten Bundeswehr, sind Interviews des Autors selbst mit fünf Generalen im Ruhestand, darunter die ehemaligen Generalinspekteure Klaus Dieter Naumann und Wolfgang Altenburg. Die Lebenserzählung Altenburgs (Jg. 1928) etwa folge dem Duktus des Flakhelfers: "das nüchterne Pathos des Neuen, die kritische Haltung des Beobachtens und Selbstbeobachtens, ein unideologisches Wirklichkeitsverständnis". Generalleutnant Schweitzer (Jg. 1933) sei eines der Kriegskinder, die im Generationszusammenhang als unauffällig, leistungsstark und pflichtbewusst beschrieben würden. Er empfindet Befriedigung, dass die Bundeswehr und ihre Führung, angeleitet von altgedienten Wehrmachtsoffizieren, eine "geräuschlose Normalität" entwickelten. General Naumann (Jg. 1939) wurde schon überwiegend in der Bundesrepublik sozialisiert und war bereits wehrpflichtig. Für ihn ist die unauffällige Normalität der Bundeswehr in der Bonner Republik bereits ein zeitbedingter Sonderfall - und die macht- und interessengeleitete Sicherheitspolitik der Berliner Republik die neue Normalität. Wir sind gespannt auf die Bilder.------------------------------Klaus Naumann: Generale in der Demokratie. Generationsgeschichtliche Studien zur Bundeswehrelite. Hamburger Edition, Hamburg 2007. 383 S., 28 Euro.

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