BERLIN. Nett sieht er wieder aus. Dunkler Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Das freundliche Lächeln. Die ruhige, sonore Stimme. Man kann ihn sich vorstellen, wie er an einer Kaffeetafel sitzt, ein aufmerksamer Gesprächspartner älterer Damen. Oder wie er einem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest und sich bedächtig zum Ende der Erzählung vorarbeitet. Spätestens dann ist das Kind eingeschlafen. So ist die Wirkung des Klaus Zumwinkel. Wer mit ihm zu tun hat, fasst bald Vertrauen. Und er weiß das.Es ist diese Ausstrahlung, die Zumwinkel zur perfekten Besetzung für den Chefposten bei der Deutschen Post gemacht hat. Seit Herbst 1989 steht er an der Spitze des einst behäbigen Staatsbetriebes. Achtzehn Jahre. Länger hat sich noch kein Chef eines Dax-Konzerns auf seinem Sessel gehalten. Und Zumwinkel, der bald dreiundsechzig wird, denkt nicht ans Aufhören. "Mir macht mein Job Spaß", sagte er bei einer Moskau-Reise vor wenigen Wochen Journalisten, die ihn begleiteten, und redete gleich weiter, viel schneller als gewöhnlich. Bei der Post sei es immer noch richtig spannend für ihn.Das gilt wohl erst recht jetzt, da der Konzern einen großen Erfolg verbuchen kann: die Einführung eines Mindestlohnes für die Briefbranche. Mindestens 9,80 Euro brutto sollen künftig Postboten im Westen Deutschlands und in Berlin je Stunde erhalten; neun Euro werden es in den östlichen Bundesländern sein.Es ist ein Meisterstück des Lobbyismus. Zumwinkels Meisterstück. Ein Lehrbeispiel dafür, wie ein Manager einen Markt nach seinen Bedürfnissen prägen kann. Klaus Zumwinkel hat alle um den Finger gewickelt - die Bundesregierung, die Parteien, die Gewerkschaft. Die Verlage Springer und Holtzbrinck sowieso, die mit ihrer Brief-Tochter Pin Zumwinkel eigentlich die Hölle heiß machen wollten. Stattdessen muss Pin nun die Gehaltskosten im Geschäftsplan empfindlich nach oben korrigieren und hat bereits die Entlassung von 1 000 Mitarbeitern angekündigt. Man wird sehen, ob sich Konkurrenz zur Post bald noch rechnet im deutschen Briefmarkt, der vom 1. Januar an dem Wettbewerb ganz offen steht.Für diesen Mindestlohn hat Klaus Zumwinkel lange gearbeitet. Der Unternehmersohn aus dem niederrheinischen Moers hat sich ein Image verpasst, das sich von dem eines Sozialdemokraten kaum unterscheidet. Nur ging es ihm immer vor allem um das Wohl seines Konzerns. Der Mindestlohn schien ein Weg, das zu sichern. Anfang dieses Jahres lässt Zumwinkel aus seiner Kommandozentrale, dem Post-Tower in Bonn, erste Forderungen nach einer sozial verträglichen Gestaltung des Briefmarktes verlauten. "Wenn jemand 40 Stunden bei Wind und Wetter hart arbeitet und dann noch Stütze beantragen muss, dann ist das nicht richtig", erklärt Zumwinkel. Er sagt diese Sätze nun überall. Auch bei ihm im Unternehmen sei keiner auf Rosen gebettet, das ist noch so ein Satz, den man nun oft hört. Schließlich kämen selbst bei dem vergleichsweise hohen Einstiegslohn bei der Post von gut elf Euro je Stunde nur 1 360 Euro netto im Monat zusammen. Dass die Briefträger der Post-Konkurrenz derzeit acht Euro oder noch weniger erhalten, bedeute, dass "die Familie von Hartz IV leben" müsse. "Meine Mitarbeiter sagen", erzählt Zumwinkel und gleitet ins kumpelhaft klingende Rheinische ab, "sie sagen zu Recht zu mir: ,Ich zahl' 100 Euro in die Sozialkassen ein, mein Unternehmen tut das Gleiche, und dann wird unser Geld auf der anderen Straßenseite an Briefträger verteilt, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Das finden wir nicht gut!'"Zumwinkels Metamorphose zum Sozialpolitiker konnte man vor einigen Wochen besonders gut beobachten, beim Postfest im ehemaligen Postbahnhof. Tausende Gäste drängelten sich um Stehtischchen. Zumwinkel bat den Ehrengast auf die Bühne: Franz Müntefering, zu diesem Zeitpunkt noch Vizekanzler und Arbeitsminister. "Dumpinglöhne", sagte der SPD-Politiker, "passen nicht zur sozialen Marktwirtschaft". Menschen, die ordentlich arbeiten, müssten von ihrer Arbeit leben können. Es gehe nicht an, dass der faire Arbeitgeber Post bei den Löhnen hinunterkorrigiert werde durch unfaire Konkurrenz. Besser hätte es Klaus Zumwinkel auch nicht sagen können.Dass er eines Tages klingen würde wie ein Sozialdemokrat, hätte sich Klaus Zumwinkel zu Anfang seiner Karriere wohl nicht vorstellen können. Die begann in Deutschland, wo er mit Ende Zwanzig mit seinem Bruder die sechzig Filialen der elterlichen Ladenkette führte. Als er später Betriebswirtschaft an der Eliteuniversität Wharton in den USA studierte, wurde die Unternehmensberatung McKinsey auf ihn aufmerksam. Zumwinkel wurde eingestellt und stieg schnell auf, bis ins Direktorium. 1985 wurde er vom kriselnden Versandhandelskonzern Quelle abgeworben. Zumwinkel senkte Kosten, rationalisierte. Nach zwei Jahren verzeichnete Quelle wieder Gewinne.Dieser Erfolg sprach sich herum. In der Bundesregierung hatte man in den achtziger Jahren Bedarf an Umstrukturierungsexperten. Kanzler Helmut Kohl und seine liberalen Koalitionspartner hatten sich schließlich vorgenommen, den Staatsbetrieb Bundespost nicht nur in die Bereiche Telekommunikation, Postdienste und Postbank zu zerlegen. Die drei Unternehmen sollten auch fit für die Börse werden. Zumwinkel übernahm die Post und legte sich bald mit den Gewerkschaften an. Er automatisierte die Briefzustellung. Er führte die unpopulären fünfstelligen Postleitzahlen ein. Postboten mussten plötzlich drei- bis viermal so viele Sendungen austragen wie bisher. Von 26 000 Postämtern im Jahr 1990 waren 2002 noch 12 700 übrig. Zehntausende Arbeitsplätze verschwanden. Die Gewerkschaft rief 1994 zum Streik auf, legte das Unternehmen für Wochen lahm. Schließlich einigte man sich auf Vorruhestandsregelungen und großzügigen Kündigungsschutz.Zur Jahrtausendwende war Zumwinkel so zum Liebling der Bundespolitik avanciert. Anders als der selbstherrliche Chef des Schwesterkonzerns Deutsche Telekom, Ron Sommer, hatte er sein Unternehmen nicht an den Rand der Überschuldung manövriert. Im Gegenteil: Seit dem Börsengang der Post im November 2000 und dank der Wiedereingliederung der Postbank füllte Zumwinkel die Kassen der Finanzminister regelmäßig mit Milliardenbeträgen. Nebenher machte er die Post durch Zukäufe wie den des US-Versenders DHL zum größten Logistikanbieter auf dem Globus. Das Manager Magazin kürte ihn 2003 zum "Manager des Jahres". Zumwinkel habe die Aufgabe gehabt, eine Behörde in ein profitables Unternehmen zu verwandeln, schrieb das Heft. "Er schoss übers Ziel hinaus - und schuf einen Weltkonzern."Zumwinkel selbst sagt über sich, er arbeite wie ein Libero. Er delegiere viel Verantwortung an seine sechs Vorstandskollegen. "Wenn es dann aber irgendwo brennt, dann will ich wissen, was die letzte Niederlassung in Südfrankreich verdient." Das gilt seit 2003 auch für die Telekom. Dort versieht er seit dem Rausschmiss Ron Sommers die Position eines Ober-Liberos: Zumwinkel ist Aufsichtsratschef. Spätestens damit ist er zur wichtigsten Nahtstelle zwischen Politik und Wirtschaft geworden. Direkt und indirekt trägt er Verantwortung für Unternehmen mit 130 Milliarden Euro Jahresumsatz und 800 000 Arbeitsplätzen. Mit anderen Worten: Wenn es um die ehemaligen staatlichen Monopolbetriebe geht, ist Zumwinkel das Ass der Regierung für die Wirtschaft. Und das ist umgekehrt der Joker des Postchefs, den er zuweilen ausspielt. 2001 zum Beispiel: Da überzeugte Zumwinkel den parteilosen Wirtschaftsminister Werner Müller, dass es für Deutschland das Beste sei, das Briefmonopol seines Konzerns bis Ende 2007 zu verlängern.Anfang dieses Jahres versuchte er erneut, die Aufgabe des Monopols herauszuschieben. Doch Müllers Nachfolger Michael Glos blieb hart. Der CSU-Politiker wollte endlich Wettbewerb auf dem deutschen Briefmarkt. Zumwinkel allerdings ist Ausdauersportler. Er joggt täglich und bestieg Achttausender-Gipfel im Himalaya mit seinem Freund Reinhold Messner. So einer gibt nicht so schnell auf. Zumwinkel setzt auf eine Dauerkampagne. Ziel sind die Gewerkschaften und die SPD. "Würden wir nach dem Wegfall des Briefmonopols 20 Prozent Marktanteil verlieren, müssten wir rein rechnerisch 32 000 Stellen unserer 160 000 Stellen im deutschen Briefgeschäft abbauen", argumentiert Zumwinkel. Der Wettbewerb dürfe nicht auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden, ein Mindestlohn müsse her. "Ich bin im Moment mehr Politiker als Manager", sagt er. Der Politiker Zumwinkel ist allerdings vor allem im Einsatz, um dem Manager Zumwinkel die hohen Gewinne im Briefsektor zu retten.Für die Sozialdemokraten ist das einerlei. Müntefering ringt Kanzlerin Angela Merkel Mitte August den Brief-Mindestlohn ab. Prompt geben die Post und mehrere ihrer Tochterfirmen die Gründung eines eigenen Arbeitgeberverbandes bekannt, der die Gewerkschaft Verdi mit einem überraschend generösen Angebot zu Tarifverhandlungen einlädt. Keine vierzehn Tage, und das Papier ist unterschrieben.Die Union trifft das unvorbereitet. Wirtschaftsminister Glos fühlt sich überrumpelt, die Post-Wettbewerber ebenso. Die Koalition stürzt in die Krise. Vergangene Woche schließlich gibt sich die CDU mit kosmetischen Änderungen an dem Tarifvertrag zufrieden. Es ist der Durchbruch für Zumwinkel. Die Konkurrenz muss nun mehr Geld für ihre Mitarbeiter ausgeben. Die Wettbewerber Hermes und TNT reagieren. Sie legen die Pläne für die Errichtung eines flächendeckenden Netzes von Brief-Filialen auf Eis.Zumwinkel hingegen blickt entspannt dem Jahresbeginn entgegen, wenn sein Konzern in den Genuss einer Spezialregelung des Postgesetzes kommt: Darin steht, dass bei Auslaufen des Briefmonopols die Post das Porto für Großkunden ohne vorherige Genehmigung festlegen darf. Wer mehr als 50 Briefe bringt, wird deshalb vom 1. Januar an deutlich weniger bezahlen. Es sind jene Kunden, deren Aufträge den Konkurrenten bisher das Auskommen sicherten: Unternehmen, Behörden, Organisationen, die zu Pin gegangen sind, weil ihnen die Post zu teuer war. "Wir werden die Konkurrenz bluten lassen", kündigt Zumwinkel an. Solche Dinge sind es, über die sich der Postchef derzeit richtig freuen kann: "Das hab' ich doch gut gemacht, nicht?" sagt er und lacht.------------------------------"Ich bin im Moment mehr Politiker als Manager." Klaus Zumwinkel------------------------------Foto: Klaus Zumwinkel, seit achtzehn Jahren Chef der Post
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