Klimaschützer machten Reifen platt: 400 Euro Geldbuße

Wenn die Luft raus ist .

Sabine Deckwerth
3 Min

Ihre Positionen sind deutlich, noch immer. Daraus machen die Angeklagten keinen Hehl. Einer von ihnen verliest eine Erklärung vor Gericht, auch im Namen der anderen. Von Klimaschutz ist die Rede, von den Gefahren globaler Erwärmung und davon, dass zum Schutz der Umwelt "ziviler Ungehorsam" notwendig ist. Die Angeklagten sind 25, 26 und 27 Jahre alt. Sie studieren, einer Archäologie, zwei Politikwissenschaften. Einer verdient sich mit Clown-Auftritten etwas dazu, ein anderer lebt von einem Stipendium.Sie sind an diesem Tag wegen Sachbeschädigung vor dem Amtsgericht Tiergarten angeklagt. Die Vorwürfe liegen schon zwei Jahre zurück. Die Polizei spricht von "Luftablassertaten". In einer Nacht Ende September 2007 wurden die drei Studenten festgenommen. In den Monaten zuvor hatten Unbekannte vor allem in Zehlendorf und Charlottenburg ihr Unwesen getrieben und nachts an PS-starken Autos die Luft abgelassen. Es waren Geländewagen, Autos der Marken Mercedes oder VW Touareg. Meist klemmten kleine, spitze Kieselsteine unter den Ventilen, damit die Luft langsam entwich. Rund 150 solcher Vorfälle hatte die Polizei bis dahin gezählt und noch keinen Täter erwischt. Die Ermittler waren sich aber sicher, dass sie es mit militanten Umweltschützern zu tun hatten. Denn hinter den Scheibenwischern klemmte jedes Mal eine Art Bekennerschreiben. darauf stand zum Beispiel "Fahrt bewusster durch die Welt. Benutzt öffentliche Verkehrsmittel."Wegen acht solcher "Luftablassertaten" in der Nacht zum 26. September 2007 waren die drei Studenten angeklagt. Eine Anwohnerin hatte beim Nach-Hause-Kommen ein lautes Pfeifen gehört, weil gerade Luft aus dem Reifen eines vor ihrer Haustür geparkten Autos entwich. Und weil sie von den Straftaten von selbst ernannten Klimaschützern gehört hatte, rief sie die Polizei.Die Studenten verheimlichten gestern auch gar nicht, dass ihnen ihre "Umwelt sehr am Herzen liegt". Luft abzulassen, sei für sie ein Weg, "friedliche, aber deutliche Zeichen zu setzen", wie sie in ihrer Erklärung betonten. Sie hätten extra recherchiert, welche Autos mehr als zehn Liter Benzin je 100 Kilometer verbrauchen. Und sie hätten im Internet geguckt, wie man am besten einen Reifen platt macht, ohne den Reifen zu beschädigen. Dennoch, die Taten, die ihnen vorgeworfen würden, hätten sie nicht begangen, sagte Nils J. Und betonte auf Nachfrage des Richters noch einmal: "Wir haben aus keinem einzigen Reifen die Luft abgelassen." Sie hätten solche Aktionen zwar unterstützt. An jenem Tag seien sie aber nur in der Nähe gewesen.Damit kam der Richter nicht umhin, jede Menge Zeugen zu hören. Es waren jene Polizisten, die die Angeklagten beobachtet hatten. Die sahen, wie einer sich ständig umschaute, als ob er die Gegend beobachtet, wie zwei dann zwischen geparkten Autos verschwanden und sich bückten, die danach ein Zischen hörten. Als die Studenten schließlich festgenommen wurden, trugen sie Bekennerschreiben bei sich. Ebenso Schraubendreher, Einweghandschuhe und - Kieselsteine.Nach knapp drei Stunden Verhandlung steht der Ausgang des Prozesses fest: Das Verfahren wird gegen Zahlung einer Geldbuße eingestellt. Jeder Student muss binnen sechs Monaten 400 Euro an die Justizkasse zahlen. Eine härtere Strafe dürfte für sie gewesen sein, dass sie damals sämtliche Haus- und Projektarbeiten noch einmal schreiben mussten. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnungen hatte die Polizei alle Computerdateien mitgenommen.Ob die Studenten mit den anderen Vorfällen etwas zu tun haben, ist unklar. Auf jeden Fall ging die Zahl dieser Taten nach ihrer Festnahme stark zurück. In den Jahren 2008 und 2009 vermeldete die Polizei kaum noch solche Sachbeschädigungen an Autos. Weitere Verdächtige wurden nicht gefasst.------------------------------"Warum müssen Menschen aus Statusgründen ein großes Auto fahren?" Nils J., Angeklagter

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