Mit Zertifikat!

Per Volkshochschulkurs zum prima Klimahelden – Kleben nicht erforderlich

Bundesweit bieten Volkshochschulen kostenfrei Klimaschutz-Kurse an. Ein Treffen mit Berliner Teilnehmern, die lernen, wie sie selbst wirksam werden können.

5 Min
Shampoo, Geschirrspüldrops, Essig und Zahnputztabletten: Andrea Schlüter, Astrid Bohne, Antje Dragusch und Andreas Busse (v.l.n.r.) mit ihren Einkäufen im Unverpackt-Laden in Prenzlauer Berg.

Shampoo, Geschirrspüldrops, Essig und Zahnputztabletten: Andrea Schlüter, Astrid Bohne, Antje Dragusch und Andreas Busse (v.l.n.r.) mit ihren Einkäufen im Unverpackt-Laden in Prenzlauer Berg.

© GERD ENGELSMANN

Sonnencreme zum Selberzapfen! Darüber staunt die Kundschaft im Supermarkt für Unverpacktes „Der Sache wegen“ in der Lychener Straße in Berlin-Prenzlauer Berg. Bankkauffrau Andrea Schlüter liest das Warenschild vor, „Lichtschutzfaktor 30 für 7,30 Euro pro 100 Gramm“, und ist äußerst angetan. „Hätte ich nicht gedacht, dass die ohne Verpackung erhältlich ist.“ So viel klüger hat sie und die anderen fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses der Pankower Volkshochschule „Klimafit – Kurs für Klimaschutz“ gemacht.

Letzter von sechs Terminen bis zum Abschluss-Zertifikat ist dieser Ortsbesuch im Unverpackt-Laden. Der hält neben erwartbaren Standards wie Mehl, Mandeln und Müsli Überraschungen wie Geschirrspüldrops à 30 Cent, Zahnputztabletten, 32 Stück à 1,40 Euro, und Grillanzünder für 16 Cent das Stück parat.

Zero Waste – Leben, ohne Abfälle zu hinterlassen

Für Astrid Bohne ist das meiste ein alter Hut. „Seit Jahren schon arbeite ich daran, meine Wohnung Zero Waste zu machen.“ Leben, ohne Abfälle zu hinterlassen, heißt das und die Realisierung dieses Vorhabens vollzogener Nachhaltigkeit ist weitaus schwieriger als die Übersetzung aus dem Englischen. 

Aber die Verwaltungsangestellte hat es mit festem Willen zur grundsätzlichen Veränderung gebracht, „zumindest 85 Prozent plastikfrei sind wir inzwischen zu Hause“. Putzmittel, die als Pulver gekauft für den Einsatz mit Wasser angerührt werden, helfen wesentlich bei ihrem Vorhaben. „Meine Verantwortung in der Verwerterkette und für unserer aller Zukunft ist mir wichtig.“ Bewunderung ist in den Gesichtern der anderen zu beobachten.

In den Töpfen des Unverpackt-Ladens befindet sich Mehl verschiedener Sorten – zum Rausschaufeln und Abfüllen.

In den Töpfen des Unverpackt-Ladens befindet sich Mehl verschiedener Sorten – zum Rausschaufeln und Abfüllen.

© GERD ENGELSMANN

Durch Newsletter oder Zeitungen haben die sechs von dem Klima-Kurs erfahren. Der ist kostenfrei. Bundesweit bieten wie die Pankower auch weitere Volkshochschulen seit einem Jahr die Programme zum globalen Problem Klimakrise an. Entwickelt vom WWF Deutschland (Weltweiter Fonds für die Natur) und der Helmholtz-Forschungsverbund Regionale Klimaänderungen und Mensch. Drei Jahre lang soll das Projekt währen, es ist Teil der Nationalen Klimaschutzinitiative des Klimaschutz-Ministeriums.

Durchweg um die 50 Jahre alt und vornehmlich weiblich sind die Kursteilnehmer. Sie sind sich längst darüber bewusst, „dass es jetzt für uns auf der Welt wirklich sehr ernst wird“, wie Ingenieur Andreas Busse betont. Er sieht wie alle hier schwere Zeiten auf die Menschheit zukommen. „Klimaflüchtlinge, Verteilungskämpfe, noch mehr Spaltung der Gesellschaft.“ Dagegen wollen wenigstens sie aktiv vorgehen. 

Ein einziges Auto teile sich Busses Familie schon lange erfolgreich. Aber nach den neuen Erkenntnissen „will ich noch mehr Rad fahren und vermehrt öffentliche Verkehrsmittel nutzen.“ Schließlich produzieren Verbrennermotoren Treibhausgase wie CO2 und Schadstoffe wie Stickoxide und Feinstaub. Sie tragen wesentlich zu Erderwärmung und Umweltverschmutzung bei. Wie genau, das war einer der Wissensinhalte im Kurs. Daran jedenfalls will Andreas Busse keine Schuld mehr haben.

Das Schokomüsli duftet verführerisch süß, Andrea Schlüter nimmt gleich welches mit.

Das Schokomüsli duftet verführerisch süß, Andrea Schlüter nimmt gleich welches mit.

© GERD ENGELSMANN

Zwar wusste er schon viel über Ursachen und Folgen des Klimawandels, „aber der Kurs hat mir noch deutlicher gemacht, wie schlecht es um unsere lebenswichtige Wasserversorgung steht.“ Dafür hatte eine Unterrichtsstunde lang das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung den deutschen Dürremonitor vorgestellt. „Deprimierend. Man sieht tagesaktuell, dass viel zu wenig Regen fällt. Was im vergangenen Sommer auch zum Austrocknen der Panke hier bei uns führte.“

Ökologisch korrekt auf Graspapier druckte Kursleiterin Antje Drangusch die Zertifikate über die erfolgreiche Teilnahme aus. Die überreicht sie nun den Absolventinnen und Absolventen zum Abschluss. Auch die Umweltberaterin hat neue Erkenntnisse gewonnen. „An zwei Abenden hatten wir Umwelt-Expertinnen und -Experten zur Diskussion bei uns. Es wurde deutlich, dass sich alle Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer politisch ohnmächtig fühlen.“

Andreas Busse hat jetzt Kautabletten zum Zähneputzen. Das spart das Plastikmaterial der Tube ein.

Andreas Busse hat jetzt Kautabletten zum Zähneputzen. Das spart das Plastikmaterial der Tube ein.

© GERD ENGELSMANN

Dabei könne selbst jeder Einzelne Wichtiges zum Klimaschutz beitragen. „Was im eigenen Leben beginnt, findet auf der politischen Ebene Fortsetzung.“ Ob beispielsweise für neue Bäume regional im Umweltausschuss der Bezirksverordnetenversammlung oder auf Deutschlandebene im Bundestag. „Engagieren kann sich jeder, mit oder ohne Parteizugehörigkeit.“ Das gibt sie allen mit.

Nur eins wollen die nun Klimafitten nicht – sich festkleben auf der Straße oder die Letzte Generation anders unterstützen. Andreas Busse hat schon welche live auf der Straße beim Einsatz erlebt und war beeindruckt. „Ich kann sie verstehen – aber ob es hilft?“ Die fünf sind sich einig, „solche Aktionen führen eher zur Spaltung der Gesellschaft.“

Am Gegenteil will von nun an Astrid Bohne arbeiten. Sie hat im Kurs andere kennengelernt, mit denen sie ein eigenes Projekt zum Klimaschutz starten wird. „Wir wollen was auf die Beine stellen.“

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