Kolumne Wien–Berlin

Wie der Berliner so tickt: „Haste wieder Quasselwasser jetrunken?“

Den besten Knopfladen gibt es in Kreuzberg, da kann Wien nicht mithalten. Unsere Autorin macht dort Station – und lernt viel über eine Jugend in Ost-Berlin.

3 Min
Ein neuer Knopf für den Lederrock? Nicht leicht zu finden.

Ein neuer Knopf für den Lederrock? Nicht leicht zu finden.

© imagebroker/imago

In Wien kommt eigentlich nichts weg (in Sachen Fahrräder gehen die Meinungen auseinander). Und doch begab es sich, dass ich auf der Wiese vor der Hofburg einen Knopf verlor. Grund war mein Vorhaben, einem von Berufs wegen sehr muskulösen Hofburgmitarbeiter die Yogaposition Skorpion zu demonstrieren, nachdem er mir seine männliche Stärke in Form eines Handstands bewiesen hatte. Früher wäre das so eine Besoffski-Aktion gewesen, ich war aber, Ehrenwort, nüchtern.

Beim Versuch, in den Unterarmstand zu kommen, riss der Knopf meines hautengen Lederrocks. Die anschließende Suche im Dunkeln blieb erfolglos, ebenso die am nächsten Tag. Lustig, wie ich da eine halbe Stunde lang gebückt über die schlampig gemähte Grasfläche strawanzte, in Berlin hätte das gewirkt, als hätte ich mein MDMA-Tütchen verloren. Was ich so alles fand: drei Feuerzeuge, ein Filterröhrchen, diverse Kippenstummel (Tschick heißt das in Wien), 70 Cent und dann noch mal 10,21 Euro. Kein MDMA-Tütchen, kein Knopf.

Eine andere Lösung musste her. Auch in Wien gibt es Nähbedarffachgeschäfte, aber Paul Knopf haut sie alle in die Pfanne. Bei meinem nächsten Berlin-Aufenthalt machte ich dort Station. Das Geschäft in der Zossener Straße ist eine Institution, eine, die gerade mal acht Stunden in der Woche geöffnet hat. Bis unter die Decke stapeln sich Knöpfe in Röhrchen und keinesfalls zur Selbstentnahme gedachten Boxen. Über allem schwebt, auch in dessen Abwesenheit, der Geist des ominösen Besitzers; weil Paul keenen Bock uf Wiedereinräumen hat, ist die Ware vom Umtausch ausgeschlossen.

An der Wand hängt eine Postkarte mit dem Satz „Ein schönes Kleid kann nichts entstellen“, dem ich hinzufügen möchte: der falsche Knopf aber offenbar schon. Dieser Meinung war nämlich Pauls Mitarbeiter, der mein Vorhaben nach gewohnt schnoddriger Berliner Façon im Keim ersticken wollte: „Sieht scheiße aus.“

Während ich mich trotzig weiter durch den Kladderadatsch wühlte (Hände weg von den Boxen!), beobachtete ich fasziniert, wie unterschiedlich dieser Alexander mit seiner Kundschaft umging. Mal siezte, mal duzte er, mal nannte er jemanden „Süße“, dann wieder kam es zu Wortgefechten. Mal ging es um die Sonderwünsche der Kostümbildnerinnen der Serien „Charité“ und „Babylon Berlin“, dann um seine Mutter. Immer redete sich Alexander um Knopf und Kragen, oder, in deren Worten: „Haste wieder Quasselwasser jetrunken?“

Schließlich war es Viertel nach sechs und ich die letzte Kundin. Keine Ahnung, warum mir ständig Leute ihre Lebensgeschichte erzählen, aber bitte: Geboren wurde Alexander in den 70ern in Ost-Berlin, seine Jugend war von Weststreichhölzern und New-Romantic-Glamour geprägt – und einer unter dem Fernsehturm gelegenen Mokkabar namens Größenwahn: „Wenn de da als Westboy durchjejangen bist, hatteste es jeschafft.“

Obwohl er offensichtlich schwul war, gab es eine Ex-Ehefrau, und auch seine Mischlingshündin Jule zeigte queere Tendenzen angesichts der Tatsache, dass sie mehrmals ihre Schnauze unter meinen Rock schob. Mit ihr, so stellte ich mir vor, würde nie wieder etwas verloren gehen.

Schlussendlich verließ ich den Laden mit drei verschiedenen Knöpfen, die alle entweder zu groß waren oder den falschen Farbton hatten, und dennoch mit dem Gefühl eines erfolgreichen Tages. Übrigens: Nur weil ein Mann vor einem auf Händen geht, heißt das nicht, dass er einen auf Händen trägt.

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