Es gibt nicht viele Menschen auf diesem Globus, denen der Weltökonom und SPD-Altkanzler Helmut Schmidt attestiert, dass sie - wie er selbst - eine Menge von Wirtschaft verstehen. Bundespräsident Horst Köhler ist einer der wenigen Auserwählten, denen solches Lob zuteil wurde. "Der Köhler", so befand Schmidt einst in gewohnter Urteilsschärfe, "hat allein mehr ökonomischen Verstand als die ganze deutsche politische Klasse zusammen".Seit fast zwei Jahren steht Horst Köhler nun an der Spitze unseres Staates. Dutzende Reden hat der Mann, der einst als Vorbote einer schwarz-gelben Koalition gegolten hatte, inzwischen gehalten; es gibt kaum ein Thema, das er dabei ausgespart hätte. Und doch wurden diejenigen enttäuscht, die erwartet hatten, gerade in Zeiten, in denen Deutschland in grundlegenden wirtschafts- und sozialpolitischen Schwierigkeiten stecke, müsse ein beschlagener Ökonomen wie Köhler im höchsten Staatsamt gleichsam automatisch zu einer Lichtgestalt werden, die den Weg aus der Krise weist.Gestern trat Köhler beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes auf. Man durfte gespannt sein: Schon vorher wurde geraunt, diesmal werde das Staatsoberhaupt ins Gericht gehen mit der Politik der großen Koalition von Kanzlerin Merkel, die soeben im Bundestag die höchste Steuererhöhung der Nachkriegsgeschichte beschließen ließ, ohne den Bürgern zugleich auch nur eine ungefähre Vorstellung von den vielfach angekündigten Reformen zu vermitteln.Doch Köhler blieb Köhler, wie man ihn kannte. Er beließ es bei zarter Kritik. Nur einmal wurde der Bundespräsident etwas deutlich: Er wünschte sich, dass die zusätzlichen Einnahmen aus der Mehrwertsteuererhöhung hauptsächlich zur Senkung der Lohnnebenkosten genutzt würden. Merkwürdig: Warum kommt Köhler damit erst jetzt, nachdem die Würfel gefallen sind? Ansonsten forderte der Bundespräsident, was er seit langem fordert: "Vorfahrt für Arbeit", mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt, weniger Bürokratie, mehr Deregulierung. Köhler tadelte gierige Top-Manager und lobte das Positive der Mitbestimmung. Nach einer halben Stunde war seine Rede zu Ende. Die versammelten Gewerkschafter applaudierten artig - und gingen zur Tagesordnung über.Lassen wir Fairness walten. Horst Köhlers Wirkungsprobleme haben zweifellos damit zu tun, dass das Staatsoberhaupt seit Beginn seiner Amtszeit gegen eine kollektive Wunschvorstellung anzukämpfen hat: gegen die Wunschvorstellung, dass es hier zu Lande irgendeinen Menschen geben müsste, der dem unausweichlichen Sparkurs der öffentlichen Hände und vieler Bürger einen tieferen Sinn zu geben versteht. In dessen Erkenntnis sich die wachsenden gesellschaftlichen Konflikte wie von selbst auflösen und in einer völlig neuen Situation, dem Wiederaufschwung, münden.Geht das überhaupt, den Menschen zu erklären, warum sie den Gürtel zum eigene Wohle enger schnallen sollen? So wie Horst Köhler die Sache anpackt, kann sie jedenfalls nicht funktionieren. Als sein größter Mangel erweist sich, dass er in Sprache und Denkungsart stets als Ökonom auftritt, allem Anschein nach will oder kann er seinen Horizont darüber hinaus nicht aufspannen. Diese stete Beschränkung nährt bei vielen den Verdacht, der Bundespräsident ergreife in einem gesellschaftlichen Konflikt insgeheim Partei für die Arbeitgeber.Wollte Horst Köhler Wirkung erzielen, müsste er die grundlegenden Fragen, welche die Menschen in Deutschland in diesen Zeiten am meisten bewegen, allgemein verständlich aufwerfen und konkret genug beantworten. Zum Beispiel diese: Warum auch hier zu Lande die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden? Und ob das eine wirklich unausweichliche Entwicklung ist?Wenn Horst Köhler das Thema aufgreift, klingt das so wie gestern von ihm zu hören: "Während sich die Unternehmens- und Vermögenseinkommen in den letzten Jahren fast überall dynamisch entwickelt haben, bleiben demgegenüber die Lohneinkommen zurück". Deshalb sei es wichtig, schlussfolgerte der Präsident, "den Arbeitnehmern eine zweite Einkommensquelle zu erschließen und zwar über den Zugang zu Produktivvermögen und Kapitaleinkommen".So könnte man Diagnose und Therapie auch in einem ökonomischen Hauptseminar vermittelt bekommen. Von einem Bundespräsidenten hätte vermutlich auch Helmut Schmidt ein wenig mehr erwartet.------------------------------Als größter Mangel des Bundespräsidenten erweist sich, dass er in Sprache und Denkungsart stets als Ökonom auftritt.
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