Körperverletzung an Wehrlosen

Koffein für Eltern statt Schlafmittel für Kinder

Wer sein Kind mit Medikamenten ruhig stellt, riskiert dessen Tod.

Alina Bronsky
3 Min
Seinem Kind Medikamente zum Einschlafen zu geben, ist nur eines: Körperverletzung an Wehrlosen.

Seinem Kind Medikamente zum Einschlafen zu geben, ist nur eines: Körperverletzung an Wehrlosen.

© imago/blickwinkel

Im ersten Moment las sich die Meldung, die in den vergangenen Tagen von Zeitungen und News-Portalen verbreitet wurde, wie eine Nachricht aus einer anderen Welt. Eltern sollten ihren kleinen Kindern lieber keine Schlafmittel verabreichen, warnte die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml. Auch dann nicht, wenn die Nächte besonders anstrengend sind, wenn man ein Schreibaby hat, das sich gar nicht beruhigen will, oder wenn man wegen Schlafmangels selbst kurz vorm Umfallen ist.

Immer mehr Eltern sollen nämlich in ihrer Verzweiflung zu pharmazeutischen Beruhigungsmitteln greifen. Zwar folgten der Meldung keine konkreten Zahlen, doch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte stimmte der Gesundheitsministerin zu: Wer die Schlafphasen seines Kindes mit Medikamenten verlängert, riskiert dessen Gesundheit.

Die Warnung ist nicht neu. In den Internetforen tauschen übermüdete Eltern einschlägige Tipps aus. Medikamente, die Husten, Übelkeit oder Allergien lindern sollten, machen das Kind zusätzlich schläfrig – eine Nebenwirkung, die zum eigentlichen Ziel der Verabreichung wird. Viele Mittel sind rezeptfrei erhältlich. 

In einer Zeit, in der Eltern grundsätzlich in Verdacht stehen, ihren Nachwuchs zu verhätscheln, erinnert diese Meldung daran, dass zu viel Fürsorge auch heute nicht das größte Problem bei der Erziehung ist. Während die einen dafür belächelt werden, dass sie ohne medizinische Notwendigkeit jedes Lebensmittel auf Gluten- oder Laktose-Gehalt sondieren, stellen andere ihre Kinder mit Medikamenten ruhig und riskieren damit Abhängigkeiten, Schäden an inneren Organen oder schlimmstenfalls den Tod durch Atemstillstand. Man darf annehmen, dass es sich dabei nicht um die gleichen Eltern handelt, die einmal ausschlafen wollen, um am nächsten Tag weiter vollwertig kochen zu können.

Akt reiner Verzweiflung

Der frühere Brauch, Säuglinge mit Mohnschnullern oder Alkohol pflegeleicht zu halten oder einem quirligen Kind etwas von Omas Tablette abzugeben, lebt in seiner modernisierten Form weiter. Wie damals geschieht der Griff zur Einschlafhilfe meist aus Ahnungslosigkeit über deren Folgen – nicht selten aber auch als ein Akt reiner Verzweiflung, der Vätern und Müttern als letzter Ausweg erscheint. Doch bei aller Betroffenheit über den Elternstress, den die Kinder mit ihrer Gesundheit bezahlen: In diesem Fall handelt es sich um eine Körperverletzung an Wehrlosen.

Und deswegen mutet schon der verständnisvolle Tonfall der Alarmmeldungen mehr als seltsam an. Schließlich warnt kein Ministerium mit milden Worten vor gezielten Schlägen auf den Kopf, die ebenfalls für die ersehnte Stille sorgen könnten. Auch dem lästigen Nachbarn oder dem anstrengenden Ehepartner darf man keine K.-o.-Tropfen verabreichen, so interessant die Aussicht manchmal sein könnte. Und wie reizvoll wäre die Möglichkeit, einen nachtaktiven Teenager mit dem richtigen Medikament mal vor Mitternacht ins Bett zu bringen. Manchmal überzeugt das letzte Argument: Es ist schlicht strafbar.

So bleibt es dabei: Wenn schon mit entsprechenden Substanzen nachhelfen, dann bei sich selbst. Diese Kolumne wurde durch eine hohe Dosis Koffein ermöglicht.

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